Andrea Bajani: Mit herzlichen Grüßen

Mit herzlichen Grüßen

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-24793-1

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Gekündigt, aber richtig!

Diese Firma legt Wert auf eine menschliche und empathische Form der Kündigung, wenn es an der Zeit ist, Mitarbeiter freizusetzen. Er selbst hätte es sich nicht träumen lassen, aber nachdem der Verkaufsleiter (bis dato zuständig für die humane Entlassung) ohne weitere Umstände entlassen wurde, im Folgenden die Mitarbeiter aber lautstark protestieren über die nun einziehende pragmatische Form der Entlassung, gewinnt er einen firmeninternen Wettbewerb um das beste Kündigungsschreiben.Niemandem sonst gelingt es, in solch herausragend sprachlicher Form den Gekündigten den Eindruck zu vermitteln, dass ihnen eine Chance eröffnet und nicht ein Arbeitsplatz entzogen wird.

Wie in diese Tätigkeit nun rutscht der Protagonist des Buches seiner Natur nach in vieles andere mit hinein. So übernimmt er nicht nur die Kündigungsschreiben vom entlassenen Verkaufsleiter, sondern im Folgenden auch noch die Pflege seiner Kinder, als dieser sich einer Operation mit ungewissem Ausgang unterziehen muss.

In gleicher Weise, wie sein Leben turbulenter wird, gestaltet er die immer größer werdende Zahl an Kündigungsschreiben elegischer. Seine Kollegen nennen ihn nur noch den Killer, seine Vorgesetzten sind restlos begeistert, aber das Ende der Spirale winkt schon am Horizont.

In wunderbarer Sprache, mit einem staubtrocken-ironischem Humor schreibt Andrea Bajani die Geschichte der epischen Kündigungen und des Verfassers derselben.
Wie beiläufig zieht er den Leser mit hinein in diese immer aberwitziger verlaufende Geschichte, in deren Ablauf der Protagonist seltsam anonym bleibt, sich nur durch seinen Sprachstil und seine lakonischen Handlungen in seinem Charakter zu erkennen gibt.

Wie beiläufig legt er ebenso den Finger auf die Wunde des modernen Berufsleben, der ständigen Unsicherheit über den Arbeitsplatz, der Austauschbarkeit von Menschen, die nur mehr als Funktion gesehen werden und der immer weiter um sich greifenden Sucht nach Verschlankung. Und stellt demgegenüber die tiefe Empathie und persönliche Ausrichtung der Kündigungsbriefe, die letztlich doch nur ein Hohn ist, denn es geht nur um eines, dass die Mitarbeiter friedlich ihren Arbeitsplatz verlassen (und dafür noch nicht einmal Karton zur Verfügung gestellt bekommen, das ist firmenintern verboten, obwohl es natürlich genügend Kartons gibt).

Lächelnde Gewalt, verpackt in ein aufgesetztes und nur äußerlich geschauspielertes Mitempfinden ist es, was in der Firma tagtäglich passiert. Andrea Bajani versteht es, diese innen liegende Gewalt, die Verwirrung, die Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit angesichts der Ohnmacht am Arbeitsplatz minutiös mitschwingen zu lassen in seiner Geschichte einer ganz besonderen "Karriere". Die er meisterhaft geschrieben, zu einem ganz überraschenden, im Nachhinein betrachtet aber folgerichtigem Ende führt.

Das Nachwort von Ascanio Celestini lässt am Ende dann aber alle literarischen Beschönigungen und ironisch beiläufige Schilderungen weg und spricht in Faktensprache von der inneren Verfassung der Angestellten, nicht nur in Italien. Ein Nachwort, dass dem Buch eine durchschlagende Basis noch einmal gibt.
Fazit
Im Gesamten ein erschreckender, ernüchternder, aufwühlender Blick auf die Berufsrealität unserer Zeit, sprachlich in bester Form als Roman dargereicht mit einem Protagonisten, der so anders daher kommt, dass man nur fasziniert seinen Weg mit verfolgen kann.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 11. Juli 2010

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