Richard Thiess: Mordkommission

Mordkommission

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-423-24796-2

Preis: 0,24 Euro bei Amazon.de [Stand: 24. September 2016]
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Ernüchternde Realität statt Fiktion

In den letzten Jahren sind mehr und mehr Fernsehserien und Filmproduktionen entstanden, die sich das Ziel setzten, ein deutlich realeres Bild der alltäglichen Kriminalarbeit zu zeigen, als es über Jahrzehnte in idealisierten Serien oder Filmen üblich war.

Dennoch ist es etwas ganz anderes, wenn ein echter Insider aus seinem Alltag bei der Mordkommission erzählt. Kann man sich bei fiktivem Stoff immer noch mit einem leichten Schaudern zurücklehnen und Entspannung in dem Wissen finden, dass das alles nur erfunden ist und von Schauspielern dargestellt wird (wobei auch im fiktionalen Bereich schon manchmal massive Verwunderung auftaucht, was sich Menschen alles an Grausamkeiten ausdenken können), so gelingt diese Form rationalen Ausweichens im Angesicht der Realität natürlich nicht.

Richard Thiess, Leiter der fünften Mordkommission in München, erzählt auf den knapp 240 dicht gefüllten Seiten seines Buches 28 reale Begebenheiten aus seiner Arbeit bei der Mordkommission, ergänzt durch Erläuterungen seiner eigenen Geschichte vom Kaufhausdetektiv zum stellvertretenden Leiter der Münchner Mordkommission. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass hier ausgewählte und besondere Fälle seiner Dienstzeit ihren Niederschlag finden und der Alltag in der Mordkommission nicht immer in solch teilweise spektakulärer Form stattfindet, hat er doch aus der gesamten Breite dessen, was die seine Arbeit ausmacht, ernüchternde und teils durchaus erschreckende Fälle ausgewählt.

In nüchterner Sprache, dennoch eindrücklich und flüssig lesbar geschildert, führt er vor Augen, wozu Menschen (nicht nur in absoluten Ausnahmefällen) fähig sind. Vom Kindesmissbrauch auf der Schultoilette über blutige Kneipenschlägereien, bei denen Beteiligte jede Form der Beherrschung verlieren, findet die Realität vor den Augen der Leserin statt. Grausam, der Sexualmord an einer Rentnerin, unfassbar fast der tödliche Streit aufgrund einer, zwar lästigen, aber kaum einen Mord verdienenden, Ruhestörung. Ebenso unglaublich fast, dass ein Mann seine Ehefrau vor den Augen der Kinder ersticht und fast noch eines der Kinder, das versucht, seine Mutter zu beschützen, ebenfalls tötet.

Gerade die sachlich-nüchterne, beschreibende Sprache, die Richard Thiess als Stil zu eigen ist, lässt die Schilderungen als noch deutlicheres Bild alltäglicher Gewalt und geplanter Verbrechen in den Raum treten. Neben der Wucht der eigentlichen Fälle ist das eigentlich hoch informative am Buch allerdings die genaue Schilderung des Alltages und der gegenwärtigen Arbeitsweise der ermittelnden Beamten. So erhält der Leser einen fundierten Blick in die Strukturen einer Mordkommission und das so manches Mal nicht die Fehler der Täter, sondern reines Glück zur Aufklärung eines Verbrechens führt.
Fazit
Das Buch ist flüssig und kompetent geschrieben, enthält gut ausgewählte, beispielhafte Geschichten, die sich mit der Darstellung moderner Ermittlungsmethoden und persönlichen Reflektionen mischen und die Bestätigung, dass es kein Vorurteil oder eine Fiktion ist, dass das Privatleben von Kommissaren der Mordkommissionen unter besonders erschwerten Vorbedingungen steht. Gewalt, Verbrechen, Grauen und das Unfassbare brauchen nicht den nächsten Blockbuster aus Hollywood, es reicht ein Blick in die erweiterte Nachbarschaft, das ist das erschreckende Résumé dieses informativen und empfehlenswerten Buches.
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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 01. Juli 2010

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