Esther Verhoef: Hingabe

Hingabe

Verlag: BTB [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Thriller
ISBN-13 978-3-442-75238-6

Preis: 0,87 Euro bei Amazon.de [Stand: 07. Dezember 2016]
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Sich verlieren und finden

Ob "Hingabe" der "beste Frauenthriller seit Jahren" ist, wie ein niederländisches Internetportal vollmundig proklamiert, das mag dahingestellt bleiben.
Das aber Esther Verhoef auf gut 400 Seiten in Form einer Ich Erzählung aus der Perspektive der weiblichen Protagonistin Margot heraus eine von schleichender Spannung geprägte Geschichte erzählt, in der nicht nur die Hauptperson, sondern bis in die Nebenpersonen und die verschiedenen Orte der Handlung hinein die Charaktere und Atmosphären differenziert gezeichnet und mit einer inneren Entwicklung versehen sind, das ist schon nach den ersten Seiten deutlich erkennbar.

Das Buch beginnt mit dem Mord an einer Frau, aus der Innensicht des Täters her geschildert. Ein kluger Beginn, denn so setzt Ester Verhoef den Duktus einer schleichenden Gefahr in den Raum, der durch den ein oder anderen Einschub eines Blickes in den Kopf des Mörders an gegebener Stelle die Spannung erhält und steigert, ohne auf Schock Effekte setzen zu müssen.

Die Geschichte selbst wird, bis auf die erwähnten Einschübe, vollständig aus der Perspektive Margots erzählt. Frisch von ihrem untreuen Lebensgefährten getrennt, kleinbürgerlich geprägt und bisher in ihrem dörflich strukturierten Geburtsort lebend, beginnt sie durch eine zufällige Begegnung auf einem Wochenendausflug nach London, das Leben von einer ganz anderen Seite mit dem Kunstfotografen Leon zu entdecken. Eine Seite, die in ihr nicht nur ungeahnte erotische Kräfte freisetzt (der Titel des Buches ist hier Programm der absoluten Hingabe an einen zunächst erotisch übermächtig erscheinenden Mann). Über die Entdeckung der mitreißenden und sie fast ganz beherrschenden erotischen Kraft Leons hinaus beginnt sie, ihr ganzes, bisheriges, braves Leben mehr und mehr hinter zu lassen sich und taucht ein in eine freier scheinende Welt der Künstler und Freigeister. Bis mehr und mehr deutlich wird, dass hier eine ganz andere, subtilere, dennoch aber massive Kontrolle über ihr Leben droht, in den Raum zu treten. Und auch der Mörder nimmt sie als sein neues Opfer ins Visier, denn er ist ganz in ihrer Nähe.

Sprachlich dicht und fließend geschrieben gelingt es Esther Verhoef, den Leser tatsächlich in das Leben der handelnden Personen und der Orte eintauchen zu lassen. Nicht konstruiert erscheint der Fluss der inneren Entwicklung, nicht nur bei Margot. Die enge, dörflich geprägte, kleinbürgerliche Lebensweise der Eltern und Familie Margots ist aus dem Leben gegriffen und in kleinen und größeren Marotten wunderbar beobachtet und zutreffend geschildert. Jeder kennt eine solch ältere Frau, die beständig emsig alle versorgt und das Heft dabei fest in der Hand halten will, jeder kennt solche Ehemänner, die sich ganz in ihrem, teils auch spleenigen Hobby, verlieren. Mit Liebe zum Detail sind die Figuren gezeichnet, sei es im kleinbürgerlichen Rahmen, sei es in der Künstlerszene mit all ihren ebenfalls vorhandenen, nur inhaltlich ganz anders gelagerten, Zwängen und Ritualen.

Zur Höchstform schwingen sich die erzählerischen Möglichkeiten Esther Verhoefs in den erotischen Sequenzen auf. Die innere Entfaltung der Hingabe tritt plastisch in den Raum ohne in plakative, sexuelle Stereotype hinein abzurutschen. Natürlich würde keine Frau offen zugeben, dass es sie innerlich dazu drängt, zu einem fast besinnungslos begehrten Mann wörtlich verstanden hin-kriechen zu wollen, aber gerade in der Schilderung dieser inneren Hingabe, die alle bisherigen Grenzen eines eher prüden Lebens weit hinter sich lässt, entfaltet sich im Lauf der Geschichte die innere Entwicklung Margots, die zu überraschenden Wendungen auch in der Beziehung zu ihrem neuen Geliebten führen wird.

So treibt die Geschichte fast unmerklich und dennoch mit immer vorhandener und sich langsam steigernder Spannung dem Finale entgegen, das, wie sollte es anders sein bei einem gut durchdachten und gut erzählten Thriller, eine völlig unerwartete Auflösung bietet.
Fazit
Ein Buch, das zu Anfang lang, am Ende aber viel zu kurz wirkt und nicht umsonst wochenlang auf der Bestsellerliste der Niederlande gestanden hat.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 09. Juni 2010

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