Hermann Vinke: "Wunden, die nie ganz verheilten" Das Dritte Reich in der Erinnerung von Zeitzeugen

"Wunden, die nie ganz verheilten" Das Dritte Reich in der Erinnerung von Zeitzeugen

Verlag: Ravensburger Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendsachbuch
ISBN-13 978-3-473-55210-8

Preis: 3,06 Euro bei Amazon.de [Stand: 28. September 2016]
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"Ich komme ja nicht als Richter oder Ankläger in eine Schulklasse.... Vielmehr will ich deutlich machen, was eine Diktatur für einen einzelnen Menschen bedeutet und wie viel wertvoller für uns alle unsere Demokratie ist." Der 1920 in Nordmähren geborene Max Mannheimer ist als Zeitzeuge ein gefragter Gast an deutschen Schulen. Mannheimer, einer der letzten überlebenden Zeitzeugen des Nationalsozialismus, der diese anstrengende Vortragstätigkeit noch leisten kann, äußert sich als Interview-Partner und als Verfasser des Vorworts.

Hermann Vinke, renommierter Autor von für Jugendliche geschriebenen Biografien (Das kurze Leben der Sophie Scholl, Carl von Ossietzky) ist überzeugt, dass zum Thema Nationalsozialismus längst nicht alles erzählt ist. Vinke wählt Sport als Einstiegsthema und zieht seine Leser mit dem 2009 unter dem Titel "Berlin '36" mit Karoline Herfurth verfilmten Schicksal der Hochspringerin Gretel Bergmann förmlich in sein Buch hinein. Mit der Gegenüberstellung gegensätzlicher Zeitzeugen innerhalb eines Kapitels provoziert Vinke, darüber nachzudenken, wie Menschen Nutznießer, Mitläufer oder Opfer des Nationalsozialismus werden konnten. - Bergmann, die als Jüdin nur zu den Olympischen Spielen zugelassen wurde, um deren Boykott zu verhindern, steht Sepp Herberger gegenüber, der sich als ehrgeiziger Aufsteiger von seiner NSDAP-Mitgliedschaft einen Karriereschub versprach. Warum rechtfertigte Hitlers Sekretärin Traudl Junge (* 1920) sich bis ins hohe Alter, sie noch zu jung gewesen, um die Folgen des Nationalsozialismus absehen zu können? Warum waren Sophie Scholl (*1921) und Cato Bontjes van Beek (*1920) alt genug dafür, unter Einsatz ihres Lebens für ihre Überzeugungen einzustehen? Mannheimer, Mietek Pemper, der an der Erstellung von Schindlers Listen beteiligt war, und die junge Katarina Bader, die die Jugendbegegnungsstätte Auschwitz besuchte, schlagen den Bogen von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart.

Vinke stellt Vertraute und Weggenossen Hitlers vor, Angehörige der französischen Résistance wie Stéphane Hessel, dessen Schicksal in Kogons SS-Staat zu finden ist, oder die Auschwitz-Überlebende Simone Veil, die spätere Präsidentin des Europäischen Parlaments. Generalfeldmarschall Paulus teilt sich ein Kapitel mit Ludwig Baumann, der als 21-Jähriger aus Hitlers Armee desertierte. Überlebende, die durch Krieg und Verfolgung als Kinder ihre Eltern verloren (Jack Terry) oder als ehemalige Flüchtlinge heute um Aussöhnung bemüht sind (Gudrun Pausewang) sind charakteristische Vertreter der Kriegsgeneration. Mit der Darstellung Thomas Walters, der John Demjanjuk vor Gericht brachte, und einer Zeitzeugin, die als 13-Jährige von Soldaten der Russischen Armee vergewaltigt wurde, stellt sich Vinke auch kontroversen Themen.

Hermann Vinkes Kurzbiografien, die meist nicht mehr als 6 Seiten umfassen, Fotos und ein abschließendes Interview lassen die von ihm portraitierten Personen sehr lebendig wirken. Viele der Gesprächspartner Vinkes haben jahrzehntelang über die Erlebnisse ihrer Kindheit geschwiegen. Das Dokumentieren ihrer Erinnerungen wird zum gegenseitigen Geben und Nehmen. Die nachfolgenden Generationen haben die Chance, ungeschönte Berichte zu hören. Die Überlebenden des Nazi-Regimes verarbeiten ihre Erlebnisse, indem sie darüber sprechen. Die Reise in ein Konzentrationslager, die Suche nach den Gräbern der Eltern sind für viele von ihnen der erste Schritt zur Vergangenheitsbewältigung.
Fazit
Hermann Vinke weckt mit seinem Buch für Jugendliche ab 13 Jahren das Interesse am Schicksal bekannter wie bisher unbekannter Zeugen des Nationalsozialismus, indem er Täter, Widerstandskämpfer und Opfer einander gegenüberstellt. Mancher erwachsene Leser mag die geschilderten Ereignisse selbst als zu belastend empfinden und deshalb Vorbehalte haben, das Buch bereits für Dreizehnjährige einzusetzen. Eine Gliederung, die zum Herumschmökern einlädt, sorgfältig recherchierte Artikel, zahlreiche Fotos und eine klare Sprache machen Vinkes Zeitdokument zu einem idealen Buch für jugendliche Leser.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 01. Mai 2010

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