Rudolf von Waldenfels: Der schwarze Messias: Barack Obama und die gefährliche Sehnsucht nach politischer Erlösung

Der schwarze Messias: Barack Obama und die gefährliche Sehnsucht nach politischer Erlösung

Verlag: Gütersloher Verlagshaus [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-579-06869-5

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Rudolf von Waldenfels hat in seinem Buch: "Der schwarze Messias: Barack Obama und die gefährliche Sehnsucht nach politischer Führung" die Ursachen der Popularität Barack Obamas untersucht. Worin liegen die Fähigkeiten dieses Politikers und welche gesellschaftlichen Hintergründe begünstigten seinen Aufstieg?

Seine Antwort: Die Begeisterung, die einen Teil des Landes im Laufe des Jahres 2008 für Barack Obama erfasste, hat tiefere gesellschaftliche Ursachen im Lande selbst. Sie haben zu tun mit grundlegenden Konflikten, die in der Kultur Amerikas verwurzelt sind und die das Land schon seit Jahrzehnten verstören. Für diese Konflikte - Waldenfels zeigt auf, dass Amerika einerseits als "Land der Freiheit" begriffen wird, andererseits aber eben auch als Land der Rassentrennung und Diskriminierung wahrgenommen wird. Vor dem Hintergrund dieses "widersprüchlichen" Amerikas - welches einerseits seine Ureinwohner, die Indianer, grausam vernichtete, seine Sklaven unmenschlich behandelte, mit der Erinnerung an den eigenen Bürgerkrieg und weitere Kriege fertig werden muss und auch heute noch mit einer auch geographisch lokalisierbaren ideologischen Kluft zweier grundsätzlich konträrer politischer Kulturen zu kämpfen hat, die zu einer "Unerbittlichkeit des amerikanischen Kulturkrieges" zwischen dem säkularen, der Aufklärung verpflichteten Teil der Bevölkerung einerseits und religiösen Eiferern andererseits führte, wird Barack Obamas Erfolg begreiflich gemacht. Waldenfels zeigt dabei auch auf, wie Obama beide Lager polarisiert, wie dies etwa beim Kampf um die Durchsetzung der Gesundheitsreform deutlich wurde.

Barack Obamas Erfolg liegt Waldenfels Auffassung darin begründet, dass er - der sowohl schwarze wie auch weiße Vorfahren hat - immer als Außenseiter fühlte und eine Gemeinschaft suchte, der er sich zugehörig fühlen konnte. Diese Sehnsucht vermittelt er in seinen politischen Reden, die inhaltlich durchaus vage bleiben, wie Waldenfels aufzeigt: "Da ist ein ehrgeiziger Politiker, dessen großes rhetorisches Talent darin besteht, in seinen Zuhörern ein Gefühl der Gemeinschaft, der Versöhnung aller zu erzeugen. Da ist ein Land, zutiefst zerstritten, das sich nach eben dieser Versöhnung sehnt. Da ist ein Wahlkampfapparat, der das öffentliche Bild des Politikers so überhöht, dass ein ganzes Freiwilligenheer in schier religiösem Eifer auszieht, um ihm die notwendigen Stimmen zu verschaffen."

Dieser Satz zeigt, dass Obamas Aufstieg nicht nur durch seine glänzende Rhetorik, dessen "Tricks" und "Kniffe" Waldenfels ausführlich analysiert, zurückzuführen ist. Er appelliert an Gefühle, die vom Publikum ersehnt werden, etwa das oben genannte Gemeinschaftsgefühl. "Die Politik in Amerika funktioniert sehr viel stärker als bei uns über Bilder, Vereinfachungen und Appelle an das Gefühl. Das kann seine guten Seiten haben, dann nämlich, wenn, wie in Obamas Fall, jahrhundertealte Verkrustungen aufgebrochen werden sollen, wenn eine idealistische Begeisterung die Mauer der Vorurteile niederreißen und Raum für etwas Neues schaffen soll. Das kann aber auch seine gefährlichen Seiten haben. Dort, wo Argumente weniger zählen als Gefühlsaufwallungen, haben politische Rattenfänger leichtes Spiel."

Die Gefahr, die diese "Sehnsucht nach politischer Erlösung", sieht von Waldenfels darin, dass nicht nur Idealisten wie Obama, sondern auch politische Rattenfänger diese "Sehnsucht nach Erlösung" nutzen und Obamas Methoden von diesem kopieren könnten: "Doch muss die Frage schon erlaubt sein, ob Barakc Obama just mit der hoch emotionalisierten Art seines Wahlkampfes nicht doch auch Geister gerufen hat, die die amerikanische Politik so schnell nicht wieder los werden wird. Möglicherweise hat er Tendenzen verstärkt, die später einmal, wenn er selber schon längst nicht mehr im Amt ist, schlimmer Folgen zeitigen; möglicherweise hat er einer Art Populismus den Weg bereitet, der sich die Methoden von ihm abschaut, ohne aber dieselben hohen Ziele wie Obama zu verfolgen. Politisches Erlösertum als trojanisches Pferd."

Diese Anmerkungen - neben einer profunden Analyse der verschiedenen politischen Kulturen Amerikas, seiner ideologischen Gegensätze, die ihre tieferen Ursachen in den Anfängen der amerikanischen Geschichte haben - sind das faszinierende und packende an dieser Untersuchung über die Ursachen der politischen Wirkung Obamas. Die Schilderung der positiven wie auch der negativen Aspekte der amerikanischen Geschichte - auch der Ku-Klux-Klan wird hier nicht ausgespart - macht das Werk zu einer interessanten und tiefgreifenden politischen Lektüre, die auch noch gut zu lesen ist.

Dennoch gibt es ein paar kritische Anmerkungen von mir zu diesem Buch. Zum einen vertieft sich der Autor so sehr in die amerikanische Geschichte, dass das Objekt - Obama - hier zu kurz kommt. Obama selber wird nur in den ersten vier und im Schlusskapitel - ausführlich gewürdigt. Die Kapitel über die amerikanische Geschichte ("Amerika", "Die andere Seite der Geschichte", "Krieg") nimmt aus meiner Sicht zu viel Raum ein. Natürlich dienen diese Kapitel dazu, die tiefgreifenden Ursachen und nicht nur aktuelle Gründe des Aufstieges Obamas zum Präsidenten und seiner Popularität zu beleuchten. Aber dennoch stimmen die Proportionen m.E. hier nicht, da die Schlussfolgerung, Obama versuche, eine Art "Gemeinschaftsgefühl" zu wecken und die oben geschilderten Gegensätze miteinander zu versöhnen, zwar stimmig ist, aber m.E. diese Ziele Obamas entweder für einzelnen Politikfelder konkretisiert werden müsste (etwa: wie steht Obama zur Indianerpolitik der Weißen, wenn der Autor schon diesem Kapitel in der amerikanischen Geschichte so viel Raum einräumt) oder - wenn dies nicht erfolgt - die Analyse der amerikanischen Geschichte auf wenige Thesen gekürzt werden müsste, um das Thema des Buches - Obama und die Ursachen seines politischen Erfolges - mehr in den Vordergrund zu stellen. So scheint es mir manchmal, als "sähe" der Autor den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Doch dies ist für mich weniger gravierend als ein zweiter Punkt, der sich als wirkliches Manko des Buches erweist. Ein Autor, der einen Politiker einen "Messias" nennt und von "gefährlicher Sehnsucht nach politischer Erlösung" spricht, muss in der Ursachenanalyse dieses Phänomens m.E. auch auf die Ergebnisse der Charisma-Forschung zurückgreifen. Leider fällt dieser zentrale Begriff an keiner Stelle des Buches. Zwar denkt Waldenfells über unseren Wunsch nach der Mythifizierung der Macht nach und er erklärt an anderer Stelle, Obama hätte niemals Erfolg gehabt, wenn er nicht auf Aufnahmebereitschaft einer Masse, deren Sehnsüchte er genau zu seiner Zeit zielsicher "traf." Spätestens hier hätte das Buch an analytischer Schärfe gewonnen, wenn der Autor die Ergebnisse der heutigen Charismaforschung in seine Betrachtungen mit einbezogen und auf Obama angewandt hätte. Denn Obama ist - wie Martin Luther King oder Ronald Reagan in den USA - wie Hindenburg und - leider! - auch Hitler es gewesen ist, ein klassischer Charismatiker. Wie sehen die Ergebnisse dieser Forschung - kurzgefasst - aus:

In der Soziologie, Politik- und der Geschichtswissenschaft wird- spätestens mit der Biographie von Ian Kershaw über Adolf Hitler über charismatische Führer in der Politik nachgedacht.
Hierzu muss zunächst einmal gefragt werden: Was ist Charisma? Ich folge hier den hervorragenden Erläuterungen Frank Möllers zu diesem Begriff im Band: "Charismatische Führer der deutschen Nation". In seiner Herrschaftssoziologie gibt Max Weber folgende Erklärung: "Charisma" soll eine als außeralltäglich [...] geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um deretwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jeden anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als "Führer" gewertet wird. Wie die Qualität von irgendeinem ethischen, ästhetischen oder sonstigen Standpunkt auf "objektiv" richtig zu bewerten sein würde, ist natürlich dabei begrifflich völlig gleichgültig: darauf allein, wie sie tatsächlich von den charismatisch Beherrschten, den "Anhängern" bewertet wird, kommt es an."

Das Zitat ist eindeutig: Charisma beruht zwar auf irgendeiner "Qualität", ist jedoch keine reale Eigenschaft des Führers, sondern die Zuschreibung seiner Gefolgschaft. Es ist dabei vollkommen unerheblich, ob es sich dabei um eine "wirkliche" oder eine "vermeintliche" Qualität des Führers handelt. Entscheidend sind nicht die wirklichen Begabungen, etwa militärischer, demagogischer oder suggestiver Art, sondern die Bereitschaft der Beherrschten, diese Fähigkeiten im Führer zu sehen und seine Herrschaft deshalb zu akzeptieren.

Während heute in der Alltagssprache "Charisma" meistens als individuelle Ausstrahlung einer Person betrachtet wird, begreift Weber diesen Begriff als eine soziale Beziehung zwischen Herrscher und Beherrschtem. Der Anerkennung und dem Gehorsam der Anhänger kommt daher eine besondere Bedeutung zu. Dabei wird charismatische Herrschaft von Weber als "spezifisch revolutionär" begriffen, insofern sie sich durch ihre außeralltägliche Stellung über bestehende Regeln hinwegsetzt.

Das zentrale Problem charismatischer Herrschaft ist die "Veralltäglichung". Bleibt dem charismatischen Führer der Erfolg auf Dauer versagt, schwindet seine Autorität.
Frank Möller zitiert die wesentlichen Punkte charismatischer Herrschaft nach Max Weber, die ich auszugsweise hier wiedergebe:

- Der Ausgangspunkt charismatischer Herrschaft ist eine krisenhafte Situation. In dieser Situation kommt es für die Beteiligten zu einer "aus dem Außerordentlichen geborenen Erregung" und dadurch schließlich zu einer "Hingabe an das Heroentum gleichviel welchen Inhalts"

-Der charismatische Führer überwindet diesen krisenhaften Zustand. Dies betont Weber deutlich in dem von ihm zitierten Jesus-Wort: "Es steht geschrieben - ich aber sage euch" Charismatische Herrschaft stürzt das Vergangene, die Tradition um, sie ist revolutionär.

-Die Anerkennung der Gefolgschaft besteht in einer als psychologisch zu qualifizierenden "ganz persönlichen Hingabe" an das charismatische Individuum. Diese Anerkennung ist von "Erregung" und "Hoffnung" getragen. Diese Hingabe zieht bei den Anhängern eine "Wandlung der zentralen Gesinnungs- und Tatenrichtung unter völliger Neuorientierung aller Einstellungen zu allen Lebensformen und zur "Welt" überhaupt nach sich.

-Die Legitimität charismatischer Herrschaft beruht nicht auf Ordnungen und Satzungen wie die - neben der charismatischen Herrschaft anderen beiden Idealformen legitimer Herrschaft -, der traditionalen oder legalen Herrschaft, sondern auf der Bewährung der außerordentlichen Qualitäten des Führers in der Praxis. Versagt die charismatische Herrschaft in ihrer Wirkung für das "Wohlergehen der Beherrschten", so schwindet ihre Anerkennung. Charismatische Herrschaft ist daher typischerweise labil.

-Der charismatische Herrschaftsverband ist eine emotionale Vergemeinschaftung auf der Grundlage des Charismas des Führers. Daher ist charismatische Herrschaft "spezifisch irrational im Sinne der Regelfremdheit" Da charismatische Herrschaft "labil" ist, ist sie nur als "Anfangserscheinung" denkbar. Ihr Schicksal ist es, "durchweg mit dem Einströmen in die Dauergebilde des Gemeinschaftshandelns zurückzuebben zugunsten der Mächte entweder der Tradition oder der rationalen Vergesellschaftung.". Diesen Prozess bezeichnet Weber als "Veralltäglichung".

Charismatische Legitimation kann von den Beherrschten "antiautoritär" (so Frank Möller) umgedeutet werden, indem die Herrschaft des charismatischen Führers nicht mehr aus seiner außergewöhnlichen Qualität, sondern aus der Anerkennung seiner Anhänger abgeleitet wird. Der Begriff "antiautoritär" bezieht sich dabei auf die nach unten verlagerte Legitimität, er sagt nichts über die tatsächliche Macht des Führers aus. Wodurch bezieht der charismatische Führer die Anerkennung seiner Anhänger? Er muss nicht zwangsläufig Erfolg haben, sondern er muss über klare Ziele, Vorstellungen und möglicherweise eine Vision verfügen. So erweist sich das Verhältnis von charismatischer Kommunikation und Erfolg als wesentlich komplexer, als Max Weber es angedeutet hat. Nicht der Erfolg, sondern die Vision des Führers erscheint überzeugend und die Person des Führers verspricht, eine politische Krise zu lösen. Diese Vision wird von den Anhängern geglaubt. Es ist also letztlich das Vertrauen, das die Anhänger in die Problemlösungskompetenz des Führers setzen, das sein Charisma erzeugt (Paradebeispiel in der Geschichte und Charismaforschung: Hitler, der die Weimarer Republik abschaffen wollte und die Vision einer neuen "Volksgemeinschaft" anstrebte, die er in seinen Reden nebulös ankündigte und somit für viele, die das demokratische System der Weimarer Republik ablehnten, zum Hoffnungsträger wurde). Auf der Grundlage des Vertrauensvorschusses kann der politische Führer seine Erfolge erringen. (Dauerhafte) Erfolglosigkeit kann daher zum Verlust des Charismas führen. Doch nicht nur Erfolglosigkeit, sondern Verlust an Authentizität kann diesen Verlust des Charismas bewirken. "Zwischen Person und Bild darf kein Zwiespalt entstehen, die charismatische Kommunikation geht also immer davon aus, die reale Person abzubilden. Nur dem authentischen Politiker kann vertraut werden, nur sein Zukunftsversprechen ist glaubwürdig. Opposition gegen einen populären Politiker zeigt sich daher darin, dass seine Authentizität angegriffen und er als Lügner dargestellt wird." Doch auch solche Vorwürfe können das Charisma einer Führungsfigur nur dann beschädigen, wenn sie geeignet sind, Zweifel in der eigenen Anhängerschaft des Führers anwachsen zu lassen.

An diesen Betrachtungen - Wolfram Pyta hat dies klassisch an seiner Hindenburg-Biographie gezeigt - wird deutlich, dass es sich bei Obama um einen Charismatiker ersten Ranges handelt. Gerade sein auch mit dunklen Schattenseiten verbundener Aufstieg in Chicago, den Waldenfels ausführlich in dem Kapitel: "Die windige Stadt" beschreibt, belegt dies eindeutig. Es wird in diesem Kapitel deutlich, dass Obama für seinen Aufstieg selber politische Tricks anwandte, um gefährliche Rivalen in Vorwahlen "auszuschalten" und - um seines Aufstieges willen - auch korrupte Politiker stützte. "Vorwerfen kann man Obama jedoch eines: Den hohen moralischen Anforderungen, die er in seinen Wahlkampfreden immer weider stellte, wurde er selber zumindest während der Jahre in Chicago nicht immer gerecht." Doch es störte nicht. Zwischen Person und Bild entstand - zumindest dauerhaft - kein Zwiespalt.

Auch die Enttäuschung über Obama nach einem Jahr Präsidentschaft ist mit den oben zitierten Ergebnissen der Charismaforschung erklärbar. Dauernde Erfolglosigkeit kann zu einem Verlust der Anerkennung durch die Anhänger führen. Ob es so kommt, bleibt offen.
Fazit
Hätte Waldenfels sein - interessantes - Buch etwas umstrukturiert und die Ergebnisse der Charismaforschung erläutert - durchaus auch auf Kosten der - an sich hochspannenden - historischen Analysen über Geschichte, Konflikte und politische Kulturen des Landes - wäre das vorliegende Werk ein erstklassiges Buch geworden.

So ist es durchaus lesenswert, greift aber in der Analyse der Ursachen des politischen Erfolges von Obama aufgrund des Fehlens der Ergebnisse der Charismaforschung (noch nicht einmal der Begriff kommt in dem Buch vor!) m.E. zu kurz..
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 28. März 2010

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