Cory Doctorow: Little Brother

Little Brother

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Science Fiction
ISBN-13 978-3-499-21550-6

Preis: 14,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 29. September 2016]
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Der 17-jährige Marcus Yallow aus San Francisco ist Spezialist für das Austricksen der Überwachungsmaßnahmen an seiner Schule. Kostenlose Laptops für alle Schüler, mit denen die Schulleitung jede Aktivität nachvollziehen kann, oder die Gangerkennungs-Kameras für die Zugangskontrolle, Markus ist es bisher stets gelungen, seine Privatsphäre vor staatlicher Kontrolle zu schützen. WindowsVista4Schools lässt Rektoren die Illusion, sie hätten die Kontrolle, lästern Marcus und seine Mitspieler bei HarajukuFunMadness, einem Alternate Reality Game. Obwohl sie jederzeit damit rechnen müssen, in einem Moblog als Schulschwänzer denunziert zu werden, verlässt Marcus mit seinen Freunden Darryl und Vanessa den Unterricht. In der Stadt werden Marcus und Vanessa von einem Militärkommando im Auftrag des DHS (Department of Homeland Security) verhaftet und aus der Stadt gebracht; ihren verletzten Freund Darryl verlieren die beiden aus den Augen. Die Jugendlichen wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie als Verdächtige verhaftet wurden, weil in unmittelbarer Nähe Terroristen einen Anschlag auf die Bay Bridge und einen Eisenbahntunnel unter der Bucht verübt haben. Die amerikanische Heimatschutzbehörde betrachtet jeden, der in der Nähe des Tatorts aufgegriffen wurde, als feindlichen Kämpfer. Marcus Aktivitäten in Chats und Foren könnten ihn in einem Staat, der die Aktivitäten seiner Bürger mit Hilfe der RFID-Chip-Technologie rund um die Uhr überwacht, zum Staatsfeind machen. Er fürchtet lebenslang weggesperrt zu werden, wenn das DHS den geforderten Zugang zu den Daten auf seinem Handy erhält.

Die Jugendlichen werden entwürdigend behandelt, sie wissen nicht, wo sie überhaupt sind, die Eltern müssen mehrere Tage lang befürchten, ihre Kinder seien Opfer des Terroranschlags geworden. Wer wie ein Terrorist behandelt wird, dem fällt es leicht, wie ein Terrorist zu denken. Als Marcus endlich aus der Haft entlassen wird, ist er noch immer ahnungslos, ob der verletzte Darryl überlebt hat. Marcus erklärt dem Überwachungsstaat den Krieg, entschlossen, für seine Würde und das Recht auf seine Privatsphäre zu kämpfen. Mit Hilfe einer Sonderedition der XBox gründet Marcus ein "sauberes" Kommunikationsnetz für vertrauenswürdige, persönlich bekannte Kontaktpersonen. Obwohl jeder seiner Schritte bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel vom DHS aufgezeichnet wird, gelingt Marcus die Gründung einer subversiven Zelle. Im Sozialkunde-Unterricht stellt Marcus die entscheidende Frage: Warum muss in den USA ein Unschuldiger beweisen, dass er kein Terrorist ist? Während die jugendlichen Helden entschlossen sind, für den Erhalt ihrer verfassungsmäßigen Rechte mit allen Mitteln zu kämpfen, hängt Marcus Vater noch der Illusion an, ein Unschuldiger hätte von den verordneten Überwachungsmaßnahmen nichts zu befürchten. Inzwischen haben die Zerstörung der wichtigsten Verkehrsverbindung und die Fahndung nach den Tätern das öffentliche Leben in San Francisco völlig lahmgelegt. Trotz seiner trickreichen Schutzmaßnahmen muss unser Kämpfer für die bürgerlichen Rechte bei jeder Online-Aktivität damit rechnen, dass ihm das DHS auf der Spur ist. Für seinen Krieg gegen den Überwachungsstaat nutzt Marcus Abläufe aus Live Rollenspielen (LARP) und Erfahrungen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Dass ein Jugendlicher ausgerechnet aus der Geschichte der amerikanischen Protestbewegung für seine Aktionen lernt, wirkt wenig glaubwürdig. Mit Hilfe einer unabhängigen Journalistin inszenieren die X-Netler schließlich die Bloßstellung der USA als Unrechtsstaat vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Als Computer-Nerd kann Marcus ohne Punkt und Komma über Kryptografie oder die mathematischen Grundlagen seiner Ideen erzählen. Seine altklugen Exkurse liefern das nötige Hintergrundwissen zu Sicherheitssystemen und ihren Schwächen.
Fazit
In "Little Brother" lässt der 1971 geborene Kanadier Cory Doctorow einen amerikanischen Bundesstaat die Bürgerrechte außer Kraft setzen, um vermeintlichen Staatsfeinden auf die Spur zu kommen. Eine Verbindung zwischen den verhafteten jugendlichen Computer-Nerds und dem Terroranschlag auf das Verkehrssystem der Stadt San Francicso können die Behörden nicht belegen; die Verdächtigen sollen stattdessen ihre Unschuld beweisen. Sehr überzeugend schildert der Autor, wie sich ein 17-jähriger Schüler mit einem Händchen für IT erst durch die entwürdigende Behandlung bei seiner Verhaftung zum Staatsfeind wandelt. Als erwachsene Leserin fand ich ungeheuer beklemmend, wie vorgebliche Sicherheitsmaßnahmen und das Aussetzen der Bürgerrechte durch eine "Heimatschutzbehörde" zum Zusammenbrechen des öffentlichen Lebens führen können. Doctorows spannender utopischer Roman kann als Kritik an überzogenen staatlichen Überwachungsmaßnahmen gelesen werden und als deutliche Mahnung, mit persönlichen Daten in sozialen Netzwerken überlegt umzugehen.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 25. März 2010

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