Klaus Gauger (Hrsg.): Arnshaugk. Ein Lesebuch

Arnshaugk. Ein Lesebuch

Verlag: Arnshaugk Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-926370-36-5

Preis: 8,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 27. September 2016]
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Die Kraft des Außenseiters liegt in seinem Exotismus, der ihn zu einem gefährlichen und anziehenden Wesen macht. Er repräsentiert einen anderen Menschen, eine andere Lebenshaltung. Sie steht für vieles, was heute selten geworden ist: Stille, Kraft, gegen den Strom zu schwimmen, die Muße im Studium, der Genuß von großen geistigen Werken, die Liebe zur Natur, der Sinn für das Historische und seine heute noch sichtbaren Hinterlassenschaften. Für jene, die dies nicht zu sehen vermögen, triumphiert das profane Leben, von dem nach dem Rückzug Gottes nur noch die prosaische Seite übrig bleibt, versinnbildlicht durch die Banalität oder den Sieg der bürgerlichen Ordnung: Mittelmäßigkeit, Geisteslosigkeit, Gewöhnlichkeit, Betrieb, Erwerb, Sucht nach unendlicher Unterhaltung. Der Mensch von heute leidet darunter, daß er nicht mehr leiden will, genau wie man krank darüber werden kann, ständig der perfekten Gesundheit nachzujagen.

Der Arnshaugk-Verlag ist ein Verlag für eine explizit deutsche Dichtung und eine konservative Lebensschau, dessen Verlagsprogramm vielmehr die Seite des überzeugten Exotismus repräsentiert, als weniger den ausgetretenen Pfad der Mittelmäßigkeit. Allein dies macht das vorliegende Lesebuch mit seinen Beiträgen zu einem fundierten Werk, das einen Einblick in das komplette Programm des Verlages gewährt und zudem die Grundhaltungen repräsentiert, welche die Macher und Autoren des kleinen aber feinen Verlages vertreten. Das Werk beinhaltet Texte zum historischen Arnshaugk, südlich von Neustadt an der Orla (Thüringen) gelegen, und seinem heutigen Kunsthandwerk. Der Name wird gedeutet als Adlerhügel oder Adlerhorst; die gleichnamige Burg und das Amt gelten als alte Machtzentren im Orlagau. Die historische Verortung und Verantwortung des Verlages wird anhand der eindeutigen Entscheidung für den Namen "Arnshaugk" erkenntlich. So wird neben der Weltschau des Verlages zudem dessen Verwurzelung dokumentiert, indem zugleich eine fundierte Heimatkunde dargeboten wird. Nur wenige Verlage können es sich zugute Halten, Verlagsprogramm, eigene Historie und die Historie der geographischen Umgebung derartig zu einem Rahmenkonzept zu vereinen. Dies macht das vorliegende Buch so unterhaltsam und überzeugend.

Das Buch enthält Essays zur Gedichtform und zur Verlagsgeschichte von Sebastian Martius, Andreas Müller, Rudolf Drechsel, Fritz Usinger oder Wolf von Aichelburg. Hervorstechend ist ein Text "Über das Wesen der Form" von Fritz Usinger. Form sei das, was Existenz verleiht. Sie sei Ausdruck des Wesens aller Dinge; sie mache die höchste Idee sichtbar. Gleichsam passend steckt auch hinter dem Arnshaugk-Verlag eine spezielle Idee, die der Leser zu verstehen vermag, wenn er dieses Lesebuch studiert. Dem eingangs beschriebenen Bilde des "Exoten" entspricht der Text von Wolf von Aichelburg "Der Weise", in dem er feststellt, der Weise sei einsam unter den Menschen. Er richte nicht, er schaut. Daß er aber schaut und nicht urteilt, vertrügen die Massenmenschen nicht und würfen ihm deshalb Unsittlichkeit vor. Weitere Beiträge wie eine Tagebuchnotiz des Dichters Rolf Schilling zu Serge Mangin und zwei Buchbesprechungen von Daniel Bigalke und Wolfgang Schühly zum Jahrbuch für Natur und Mythos und zu Florian Kiesewetters "Sternbildsonate" zeugen von einem Verlagsprogramm, das eine besondere Schau der Dinge lehrt. Es bezeugt eine Liebe zum Leben, die zugleich darum weiß, das Leben nicht nur heißen kann, heimatlich entwurzelt zu sein und dafür hingegen im Konsum als neuer Heimat unendlich glücklich sein zu wollen. Auch spiegeln die Texte eine besondere Liebe zur Natur wider. Der Mensch hat sich der Natur entfremdet und abgewendet. Er ist nun ohne Halt, ist zu einem Gestalter geworden und aus dem selbst Gestalteten hat er sich seine technologischen Götter geschaffen. Er ist zum Sturz verurteilt, denn er hat auch Gott verlassen. Je mehr er sich von der Natur entfernt, desto mehr geht er seinem Untergang entgegen.

Irgendwo verbinden sich die literarisch-philosophischen mit den wissenschaftlichen Systemen, und beide stützen dann eine bestimmte Weltsicht, die einen großen Einfluß auf die Gesellschaft hat. Das vorliegende Buch, dessen Abschluß Biographien aller Autoren und ein kommentiertes Verzeichnis aller Bücher des Verlages bietet, möchte eine alternative Weltsicht vorstellen. Es ist das so bisher nie dargebotene Bild einer Schaffenskraft innerhalb eines kleinen Verlages, der weiß, daß sich der denaturierte, verbürgerlichte Mensch von heute nicht nur in den medial vorgelebten Institutionen wiederfinden muß, sondern daß es da mehr gibt, an dem man sich orientieren kann. Freiheit ist nicht ein Kern, der zurückbleibt, wenn alle Natur unterjocht ist.
Fazit
Der fundamentale Akt der Freiheit ist der des Verzichtes auf Unterjochung eines Unterjochbaren, zu dem man sich sehr leicht machen läßt. Dies wiederum läßt den Nimbus des Gegenpols, des Exoten, neu aufscheinen. Er ist geprägt durch den Akt des Seinlassens und getragen von der Orientierung an anderen Kraftquellen: Geschichte, Mythos, Natur, Weisheit, Form, Geist, Lyrik und vieles mehr.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 07. Februar 2010

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