Reif Larsen: Die Karte meiner Träume

Die Karte meiner Träume

Verlag: S. Fischer [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-10-044811-8

Preis: 4,52 Euro bei Amazon.de [Stand: 07. Dezember 2016]
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T. S. hätte niemals in ein blaues Notizbuch gezeichnet; denn seine blauen Notizbücher sind nur für Listen gedacht. Der 12-Jährige, der in den Pioneer Mountains in der Nähe von Butte/Montana auf einer Farm aufwächst, stellt seine Wahrnehmungen in Form von Karten und Diagrammen dar. Möglich, dass Tecumseh Sparrow schon mit einer komplett vermessenen und kartierten Welt im Kopf zur Welt gekommen ist. Der jugendliche Kartograph T. S. hat seinen Arbeitsplatz im Kinderzimmer akribisch geordnet; die Systematik seiner Aufzeichnungen wird durch die drei Grundfarben seiner Notizbücher vorgegeben. T. S. zeigt sich gefangen von absurden Ängsten, die er durch Kartierung zu kontrollieren versucht. Mit Ausnahme der Schwester Gracie sind in dieser Familie alle etwas sonderbar. Der Vater (auch er heißt Tecumseh wie schon sein Großvater) ist stets gerade auf dem Weg zu einer wichtigen Arbeit auf der Farm. Die Mutter, genannt "Dr. Claire", gibt sich seit 20 Jahren Träumen an eine wichtige Entdeckung als Käferkundlerin hin und schwebt in ihrer eigenen Welt. Tecumsehs Aufzeichnungen verraten, dass sein jüngerer Bruder Layton bei einem tragischen Unfall ums Leben kam, über den in der Familie nicht gesprochen wird. Tecumsehs Zeichnungen bieten ihm offenbar die einzige Möglichkeit, den Tod seines Bruders auszudrücken.

Vater Spivet zog sich nach dem Tod seines Lieblingssohnes Layton völlig zurück und hat sich inzwischen damit abgefunden, dass T. S. für die Farmarbeit nicht zu gebrauchen ist. Zur Karten-Besessenheit seines älteren Sohnes findet der Vater keinen Zugang. Die Spivets reden kaum miteinander, jeder ist in seiner eigenen Welt gefangen. Die deutlich zu spürende Sprachlosigkeit ist in der Beziehung zwischen Mutter und Sohn jedoch schwer nachzuvollziehen. Schließlich spielen exakte Definitionen und die Darstellung feiner Unterschiede, wie T. S. sie als Zeichner perfekt beherrscht, in Claires Forschungstätigkeit eine wichtige Rolle.

Ein Anruf des Smithonian Instituts in Washington (einem Verbund aus 20 Museen) stellt von einer Minute zur anderen Tecumsehs geordnete Welt auf den Kopf. Tecumseh wird in die Hauptstadt eingeladen, weil seine von seinem väterlichen Freund und Mentor Dr. Yorn eingereichte Käferzeichnung preisgekrönt wurde. Niemand im Preiskomitee ahnt zum Zeitpunkt der Preisvergabe, dass Tecumseh noch ein Kind ist. Während T. S. plant, auf welchem Weg er nach Washington reisen wird, ohne dass jemand davon erfährt, entdecken Larsens Leser, dass der Junge mit der Inselbegabung offenbar ein verborgenes zweites Leben als Illustrator wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel geführt hat.

Zugang zur sonderbaren Welt des T. S. finden Reif Larsens Leser durch Randbemerkungen neben dem Text, zu denen man wie auf einer Spaß-Rallye mit Pfeilen geleitet wird. Karten, Diagramme zu Geräuschen und Zeichnungen von Erinnerungsstücken vermitteln in Sepiafarben den Charme alter Schatzkarten. Schienen und Telefonkabel begleiten den Text, lassen T. S. Fortbewegung zur Linie werden und geben den Ereignissen eine zusätzliche Dimension. Die von Ben Gibson und Reif Larsen mit feinem Strich gezeichneten Illustrationen sind ein so fester Bestandteil der Handlung, dass ich auf Seiten ohne Anmerkungen das Gefühl hatte, dort fehle etwas Wichtiges.

Larsens Charakterisierung des zynisch-altklugen Tecumseh und seiner außergewöhnlichen Begabung könnte an ein Wunderkind denken lassen, das sich von den Eltern unverstanden fühlt. Doch der Begriff Wunderkind greift m. E. für Larsens Roman zu kurz; weil der Autor seine Hauptfigur stets als Kind und als Familienmitglied im Blick behält. T. S. zeigt sich in zwanghaften Ritualen verstrickt, versteht jedoch in jeder Situation die Vorzüge moderner Technologien zu nutzen. In der Familie Spivet, die offenbar allein von der Tochter Gracie zusammen gehalten wird, zeigt der erst 28-jährige Autor beispielhaft, wie normale Entwicklungen (das Heranwachsen der Kinder) und tragische Ereignisse (der Tod eines Kindes) die Beziehungen innerhalb einer Familie aus dem Gleichgewicht bringen können.
Fazit
"Die Karte meiner Träume" erweist sich als fesselnder Pubertätsroman, dessen Spannungsbogen im mittleren Teil des Buches während T. S. Gedanken an seine Großmutter Emma deutlich durchhängt. In Emma konnte ich mich erheblich schlechter hinein versetzen als in T. S. Larsens verschwenderisch illustrierte Geschichte eines unverstandenen Jugendlichen richtet sich an Leser aller Altersgruppen, die Tecumsehs außergewöhnlichen Interessen gegenüber aufgeschlossen sind.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 25. Oktober 2009

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