Melanie Grundmann: Dandiana. Der Dandy im Bild englischer, französischer und amerikanischer Journalisten des 19. Jahrhunderts

Dandiana. Der Dandy im Bild englischer, französischer und amerikanischer Journalisten des 19. Jahrhunderts

Verlag: Monsenstein und Vannerdat [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Dokumentation
ISBN-13 978-3-86582-835-4

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Der Dandy hat sein eigenes Leben. Er ist nicht nur eine Erscheinung in der Öffentlichkeit, sondern lebt ein eigenes, radikales Prinzip - abseits öffentlicher Normen. Jegliches Verhalten, Gebaren, jedwede Äußerung hat einem höchsten ästhetischen Anspruch zu genügen. So versteht es sich von selbst, daß ihm nur wenige Menschen in seinem Verhalten folgen können. Zugleich aber ist der Dandy in diesem Prozeß von einem bloß das Ego befriedigenden Selbstlob weit entfernt. Dies macht ihn zu einem eigenen, äußerst strengen arbiter elegantiarum.

Der vorliegende Band "Dandiana" der Dandy-Forscherin Melanie Grundmann ist deshalb etwas besonderes, da er anhand primärer Quellen das Werden des Typus des Dandys darstellt und so die Sicht auf das dandyistische Verhalten von außen in den Mittelpunkt rückt. Das souveräne Verhalten des Dandys hat den großen Vorteil, daß seine absolute ästhetische Empfindsamkeit und umfassende Stilsicherheit den Dandy unabhängig machen. Aber genau dies war - folgt man der Autorin - nicht immer so!

Eine Vielzahl journalistischer wie literarischer Zeitzeugenberichte sprechen dafür, daß das Bild des Dandys, wie wir es kennen, d.h. der mondäne und stilsichere Mann, genetisch als Spätform des Typus anzusehen sei. In seinem Ursprung entpuppe sich der Dandy, so die Autorin, als unerwünschte Kreatur, der ihre Menschlichkeit zuweilen abgesprochen wurde. Hierfür unterteilt die Autorin verschiedene Kapitel, in denen das frühe Wesen des Dandys abgehandelt werden, so etwa Tiermetaphoriken (31) wie die Bezeichnung "lion" oder "tiger" oder aber "Affe" und "Esel". Dies ließ ihn - aus der Sicht anderer - zu einem Symbol der dekadenten Gesellschaft werden. Hinzu tritt auch ein Kapitel über die geschlechtliche Uneindeutigkeit des Dandys, der von Kommentatoren einstmals als zweigeschlechtlich oder geschlechtslos charakterisiert wurde - eben ein "strange being".

In den verschiedenen Kapiteln, die jeweils ein Merkmal des Dandys begutachten, wird sehr übersichtlich die Wurzel des Dandyismus, vor allem aus der Sich der Begutachter, dargestellt. Dies ist eine überaus gelungene und überfällige Leistung. Sie hat aber einen entscheidenden Nachteil.

So sehr der Dandy den ersten Beobachtern als fremdes Wesen, impertinenter Wichtigtuer und gefährlicher Verführer der Jugend gegolten haben mag, so sehr vermißt der Leser neben der Abarbeitung der negativen Abnormitäten des Dandys aus der Sicht anderer Nicht-Dandys eine phänomenlogische Sicht auf den Dandy. Dies ist zugegebenermaßen nicht Ziel des Buches, aber eine phänomenologische Suche, die den Ursprung der Erkenntnisgewinnung in den unmittelbar gegebenen Erscheinungen selbst sucht, hätte zu einem ganzheitlicheren Urteil führen können.

So hätte man zu dem Schluß kommen können, daß die negativen Einordnungen des Typus Dandy nur subjektive Zuschreibungen anderer Menschen sind, die den eigenen ästhetischen Anspruch des Dandys gar nicht berühren, nicht vertreten und damit natürlich sein Wesen als eloquenter Mann als Aufdringlichkeit deuten mußten. Es kommt auf den Standpunkt an! So neigt das Buch dazu, die Negativzuschreibungen über den Dandy zu objektiven Merkmalen desselben in seiner Anfangszeit zu machen und nicht gewissermaßen das Phänomen selbst zu begutachten. Denn hiermit würden wiederum mehr positive Merkmale, die den Dandy heute vordergründig bestimmen, auftauchen, weil er seine Exklusivität aus sich selbst und nicht aus den Urteilen anderer zieht. Das ist ja gerade sein Grundprinzip! In dem Kapitel "Stolzes Gebaren" (139) gelingt es der Autorin schließlich, die Exklusivität des Dandys etwas mehr aus sich selbst heraus zu beurteilen und die grazile Erscheinung auch als eigenen Wert und unabhängig von den Gazetten der Zeitgenossen darzustellen. Dieses Kapitel hätte ausgeweitet werden können.

Der phänomenologisch-analytische Blick kommt zu der Erkenntnis, daß die Désinvolture des Dandys es ihm verbietet, sich mit anderen zu einen. Unter seinesgleichen erkennt man sich. Ein eigenes Verbrechen wäre ein solches Sicheinsmachen - mit wem auch immer. Dies macht die von Joris-Karl Huysmans veranschaulichte Passivität der dandyistischen Revolte gerade aus. Der Dandy greift nicht selbst zur Waffe, sondern provoziert andere. Solche, die sein Mitleid nicht bekommen können. Aber die Stoßrichtung der Übertretung bleibt bestehen. Es ist klar, das dieser ästhetizistische Habitus natürlich auf Ablehnung traf, wie so oft die Exklusivität der Wenigen aus der Sicht des Mittelmaßes. Dies berührt aber nicht das Wesen desjenigen, der sich als Dandy oder als bewußter Außenseiter definiert und so lebt.
Fazit
Wie dem auch sei! Die angeführten Anekdoten der Autorin sind sehr hilfreich, das Phänomen Dandy zu verstehen. Insbesondere die durchaus wegweisenden Kapitel über die weiblichen Dandys (179) und den Reiz des Bösen (159) zeichnen das Buch aus. Dies macht das Werk lesenswert und zu einem Meilenstein der Dandy-Forschung. Man sollte aber auch nicht vergessen, daß der Dandy nicht abschließend korrekt über das Urteil Außenstehender bewertet werden kann, sondern er vielmehr in Ergänzung dazu über die Analyse seines eigenen Denkens und seines subjektiven Anspruchs als historisches Phänomen einen Sinn ergibt. Denn es macht ihn ja geradeaus, daß er nicht wie viele andere ängstlich wie die Maus, die über eine Wiese eilt, über die ein Bussard kreist, die redaktionelle Kritik und Urteile anderer fürchten muß. Anders ausgedrückt: Der Dandy als Prinzip bleibt an sich unabhängig. Die umfassende Unabhängigkeit ist die Voraussetzung für seine menschliche Souveränität!
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 12. Oktober 2009

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