Fritz Mauthner: Hypatia. Roman aus dem Altertum

Hypatia. Roman aus dem Altertum

Verlag: Superbia Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: historischer Roman
ISBN-13 978-3-937554-18-1

Preis: 16,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Oktober 2016]
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Der Schriftsteller Fritz Mauthner ist heute hauptsächlich durch seinen sprachkritischen Skeptizismus bekannt, der mit einer evolutionistischen Auffassung des Erkennens und Seelenlebens verbunden war. Die Sprache ist für ihn ein sozial brauchbares Mitteilungsmittel und ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks, nicht aber ein Erkenntnismittel. Vielmehr verfälsche sie die Erkenntnis durch Begriffe und deren Begriffsinhalte. Das höchste Ziel wäre für Mauthner die Befreiung von der Sprache - und zwar als reine Schauung der Wirklichkeit. Diese dekonstruierende Haltung zur Sprache hielt den Sohn eines deutsch-jüdischen Webereibesitzers aber nicht davon ab, selbst freier Schriftsteller - ein Meister der Sprache - zu werden. Er arbeitete als Kulturkritiker und übernahm 1895 die Redaktion des Berliner Tageblattes.

Mit dem vorliegenden Werk hat der Superbia-Verlag eine der bedeutendsten Schriften Mauthners neu aufgelegt. Es handelt sich um einen historischen Roman über Hypatia, die Tochter des Mathematikers und Philosophen Theon von Alexandria, der vor seiner Tochter selbst als Gelehrter am Museion von Alexandria tätig war. Der Neuzeit ist Hypatia wegen ihrer grausamen Ermordung in Erinnerung geblieben. Sie wurde im Jahr 415 von fanatisierten Christen getötet.

Hypatia war eine hochberühmte heidnische Philosophin im Alexandria des 5. Jahrhunderts und eine Frau in akademischen Würden. Sie begann schon früh, in ihrem Kopfe die philosophischen Gedankengebäude wie Mühlsteine übereinander zu stapeln. Sie stand allein und bewußt der andrängenden Kirchengewalt gegenüber und schien mit ihrem aufrechten Wesen als Denkerin, aber auch rein physiognomisch - sie galt als sehr schön -, den schönheitsfeindlichen Vorstellungen der Kirche zu widersprechen.

In dem Roman Mauthners wird Hypatia vor allem durch eine starke Liebe zu den Dichtern, zur griechischen Philosophie und zu den großen Taten der menschlichen Vernunft charakterisiert. Das akademische Publikum der Frau Professorin wurde aber recht schnell kritisch und veranstaltete in ihren Vorlesungen Störungen. Ihr Streben nach dem Urgrund allen Wissens mußte dem fanatischen Christentum der damaligen Zeit ein Dorn im Auge sein. Konkret läßt Mauthner der Überlieferung folgend Hypatia etwa sagen: "Jesus Christus sei der edelste Mensch aller Menschen gewesen sein, doch die christliche Kirche lehre gar nicht dasselbe, wie ihr erster Stifter. Die Bischöfe seien die Geschäftsführer der neuen Partei geworden, seien ohne jede Religion, und die fanatischen Mönche seien unwissende Schwärmer."

Es fand in einer von christlicher Denunziation geprägten öffentlichen Sphäre erheblichen Anstoß, daß Hypatia ihre Studien immer weiter auf Philosophie, Astronomie und Musik ausdehnte, um zunehmend einen eigenen Kreis von Schülern um sich zu sammeln, den sie zunächst in ihrem Hause unterwies. Vielleicht hat es sich dabei um eine Art philosophisch-literarischen Salon gehandelt, wie wir ihn im 18. Jahrhundert wiederfinden. Interessant sind dazu die Ausführungen im vorliegenden Roman. Es wird überdies vielfach erwähnt, daß Hypatia ausgezeichnete Beziehungen zu den führenden Politikern Alexandrias, insbesondere zu dem römischen Präfekten Orestes unterhielt. Ihr Ansehen in Alexandria soll gewaltig gewesen sein.

Für Hypatia stand schließlich eine Zeit bevor, in der der Christenglaube die alte Religion sein werde, wo Priester glauben würden, mit ihnen gehe auch die Menschheit zugrunde. So dauerte es nicht lange, bis aufgebrachte Einsiedler und Mönche, deren Haßattacken sich gleichermaßen gegen heidnische Philosophie und gegen Abtrünnige aus den eigenen Reihen sowie gegen Juden richteten, die Philosophin auf offener Straße ermordeten.

In der spannenden Darstellung Mauthners wird sie mit einem Schwert erschlagen, blieb verletzt von Blut durchtränkt auf der Straße liegen, bis ein greiser Christ ihr mit einem Messer das Herz zerfetzte. Die umstehenden Mönche schlossen einen verschworenen Kreis um die Leiche. Anschließend rissen sie ihr das Gewandt Stück für Stück vom Leibe, bis das blutige Kleid in Stücken verteilt war und in reiner Schönheit der nackte Leib einer Frau dort lag, die ihrer Zeit denkend weit voraus war. Anschließend wurde ihr Leichnam auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Dieses Handeln billigte der Erzbischof Kyrillos von Alexandria. Die Schüler Hypatias wurden später von den Mönchen weiter am Leben bedroht und wanderten in das philosophisch und religiös viel fruchtbarere Indien aus. So mag es sein, daß einige der Lehren Hypatias in den indischen Lehren erhalten blieben und später nach Europa zurückkehrten.

Fritz Mauthers Sympathien - dies merkt man dem an historischen Tatsachen orientierten Ton des Autors an - liegen in dem historischen Roman aus dem Jahre 1892 eindeutig auf Seiten der heidnischen Philosophin. So wurde der Autor auch von den damaligen Zentrumsblättern in Deutschland denunziert und erregte in zahlreichen Karnevalssitzungen ein stetes Murren unter der katholischen Fraktion.
Fazit
Dennoch - der Roman überzeugt neben seinem einmaligen historischen Thema, das an Sokrates denken läßt, vor allem durch den konstruktiven Impetus. Diesen erhält das Buch, indem Mauthner als aufgeklärter und liberaler Jude in den Beziehungen der vier Freunde von Hypatia Vorstellungen eines friedlichen Nebeneinanders von griechischem und germanischem Heidentum und einem authentischen Christentum und Judentum entwickelt. Das ist - mehr noch als bei Lessings Ringparabel - etwas ganz Besonderes!
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 09. Oktober 2009

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