Herbjørg Wassmo: Zwischen zwei Atemzügen

Zwischen zwei Atemzügen

Verlag: Droemer Knaur [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-426-19803-2

Preis: 3,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. September 2016]
Preisvergleich bei buecher24.de
Wenn man so unbedarft an ein Buch herangegangen ist, dass man nicht einmal den Klappentext gelesen hat, könnte zunächst der Eindruck einstehen, der Roman würde in den 70er-Jahren spielen.
Eine Familie ist von Russland in ein kleines litauisches Dorf gezogen, seit dem Tod des Vaters lebt die russisch-orthodoxe, streng gläubige Mutter mit ihren beiden Töchtern Dorte und Vera in großer Armut. Mehr geduldet als geliebt, haben sie Unterschlupf bei dem jüdischen Onkel des verstorbenen Vaters gefunden. Ob sie bleiben dürfen, ist allerdings ungewiss.
Durch Nicolai, den Sohn des Bäckers, lernt die fünfzehnjährige Dorte ein Mädchen namens Nadja kennen, die ihr vom Leben in Stockholm vorschwärmt und vorgibt, ihr dort einen Job als Kellnerin besorgen zu können. Die Verlockung, Geld verdienen - und auf diese Weise ihre Mutter unterstützen - zu können, ist groß, und nach längerem Zögern lässt Dorte sich darauf ein, heimlich nach Schweden zu reisen. "Hier musst du drei oder vier Jahre arbeiten, um so viel zu verdienen. Nach drei Monaten bist du reich und kannst nach Hause fahren und deiner Mutter ein Haus kaufen", sagt Nadia, die wissentlich oder unwissentlich als Lockvogel fungiert.
Die beiden Männer, die Dorte mit einem kleinen grauen Audi abholen, sind dem jungen Mädchen vom ersten Augenblick an wenig geheuer. Sie will aussteigen, zumal Nadia nicht - wie versprochen - im Auto sitzt, aber ihre Gefangenschaft hat bereits begonnen. Richtige Angst bekommt sie, als sie ihr erstes Ziel erreichen: Ein Haus, in dem bereits mehrere Männer auf sie warten. Außer Dorte sind zwei weitere Mädchen anwesend - und die nächsten zwanzig Seiten sind für empfindliche Gemüter ganz und gar ungeeignet, weil sie von einer ungeheuerlichen Brutalität sind. Von nun an wird der Leser Dorte auf ihrer entsetzlichen Odyssee begleiten. Die skrupellosen Mädchenhändler verkaufen die durch die vielen Vergewaltigungen massiv verletzte Fünfzehnjährige schnell weiter.
Ihr "neuer Besitzer" agiert nicht ganz so brutal, setzt aber Dortes Jugend und Attraktivität gezielt ein, um viel Geld mit ihr zu verdienen. Sie wird in einem Apartment in Norwegen eingesperrt und muss von nun an vielen Freiern zu Diensten sein. Sie schämt sich zutiefst - und Herbjørg Wassmo gelingt es, den Leser auf eine einzigartige Weise an Dortes einsamen, traurigen und zutiefst bedrückenden Schicksal teilhaben zu lassen. Nach einer Weile fliegt der Mädchenhändler Tom auf. Dorte flieht, aber ihr fehlen die 7000 Euro für die Heimreise, und es ist wiederum die Scham, die verhindert, dass sie sich Hilfe sucht. Hunger und Hilflosigkeit führen dazu, dass sie sich erneut prostituieren muss. Per Zufall gerät sie an Artur, dem sie wenig später aufgrund ihrer Schwangerschaft nach Oslo folgt. Aber die kleine Hoffnung, dass nun alles besser wird, ist mehr als trügerisch...
Die schrecklichen Erlebnisse des jungen Mädchens mit Freiern, ihre Begegnungen mit anderen Prostituierten und Mädchenhändlern beschreibt Herbjørg Wassmo mit massiver Eindringlichkeit - und von dieser negativen Anziehungskraft geht ein gewisser Sog aus, der es schwer macht, den Roman aus der Hand zu legen. Ein wenig durchatmen kann der Leser eigentlich nur in den - im Verlauf der Geschichte zahlreicher werdenden - Passagen, in denen Dorte sich an ihre Vergangenheit in Russland und Litauen erinnert, in denen sie träumt oder im Dialog mit ihrem verstorbenen Vater steht.
Fazit
Dieser Roman erzählt eine "knüppelharte", sehr intensive - und sehr gute - Geschichte. Ist allerdings weder für empfindsame noch für dünnhäutige Leser geeignet.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

weitere Rezension zu diesem Buch schreiben
Rezension als PDF-Datei speichern
Direkt verlinken: http://www.buchtips.net/rez4433.htm

Vorgeschlagen von Heide John [Profil]
veröffentlicht am 23. September 2009

Buchtips.net 2002 - 2016  |  Kontakt  |  Impressum