Andreas Platthaus: Freispiel

Freispiel

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-87134-664-4

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Silvester in der deutschen Provinz irgendwo ganz im Westen, da würde sicher wieder nur das Gleiche passieren wie in jedem Jahr. Tommy, Stepan, Makro und die Icherzählerin wollen den ersten gesamtdeutschen Jahreswechsel 1989 lieber in Berlin verbringen. Es wird der letzte Jahreswechsel sein, den man in zwei deutschen Staaten feiern kann. Sorgfältig in einen betagten Kadett gefaltet, schleichen die vier Freunde im gesamtdeutschen Stau Richtung Osten. Feine Grenzlinien markieren in der Fahrgemeinschaft die Gegensätze: Studenten gegen Azubis, Ausgemusterte gegen Wehrdienstleistende, Exfreund gegen aktuellen Lebensabschnittsgefährten. Ziel der Fahrt ist eine für westdeutsche Vorstellungen luxuriöse Berliner Altbauwohnung, in der der Onkel Joachim der Erzählerin wohnt und eine Anwaltskanzlei betreibt. Hohe Räume, Doppeltüren, Rumpelkammer, Speisekammer, eine Rotunde, in der man sich mit "Gebäck" niederlässt, ein Vestibül und ein Konzertflügel erinnern an den herrschaftlichen Lebensstil einer längst vergangenen Epoche. Der Besuch aus dem Westen bestaunt den schönen Schein nur so lange, bis Joachim erklärt, dass er Antiquitäten und Gemälde von Klienten erhielt, die seine Rechnung nicht bezahlen konnten. Joachim hat sich durch seinen Umzug in die Hauptstadt der familiären Kontrolle entzogen; das Getratsche seiner Verwandten konnte er dadurch nicht zum Schweigen bringen.

Die Westbesucher möchten am "Alex" feiern; Ostberlin und die DDR scheinen in ihren Gedanken noch "die Zone" zu sein. Ob und wo am Alex Party sein wird, ist zunächst so unklar wie der Ort, an dem die Ostberliner selbst Silvester feiern werden. Als Expertin mit Berlin-Besuchs-Erfahrung lotst die Erzählerin die inzwischen auf sieben Personen angewachsene Gruppe ins Zentrum. Am Brandenburger Tor stößt Tout-Berlin mit Sekt Ost, Sekt West und Schampus aus Bulgarien an. In beschwingter Stimmung lassen sich vier der West-Besucher schließlich von Norbert und Marlene, (die nach DDR-Sitte vermutlich früh Kinder bekamen und die Eltern der jungen Besucher sein könnten,) in eine Wohnung nach Pankow eingeladen. Die junge Leute finden ihre nächtliche S-Bahn-Fahrt in den unbekannten Osten sehr abenteuerlich. In Pankow wird getafelt und gezecht, bis sich die Tische biegen. Arroganz West (haben die hier keine Mischbatterien im Bad?) trifft auf das Selbstbewusstsein Ost eines verdienten Reisekaders im diplomatischen Dienst der DDR. Im gepflegten Pankow sitzen sich zwei Nachkriegsgenerationen gegenüber, für die Deutschland schon immer geteilt war, für die ein Bundeskanzler schon immer Kohl hieß. Auch der Erzählerin, die Ostberlin als Besucherin kennen gelernt hat, ist der Osten fremd geblieben. Mit steigendem Alkoholpegel brechen auf beiden Seiten Existenzängste und Denkblockaden auf. Stark verkatert und um unerwartete Einsichten reicher, kehren die vier Besucher am Neujahrstag von ihrem gesamtdeutschen Abenteuer in den vertrauten Westen zurück.
Fazit
Andreas Platthaus entfaltet in "Freispiel" zunächst zögernd die Beziehungen innerhalb einer Clique Zwanzigjähriger, die sich bereits kurz nach dem Abitur aus den Augen verloren hatten. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sich teils hinter altertümlich wirkenden Bandwurmsätzen und zahlreichen Spitznamen verbergen, müssen beim Lesen erst frei gelegt werden. Platthaus Momentaufnahme der Begegnung zwischen Ost und West in einer Silvesternacht bleibt durch treffend gewählte Bilder, die das deutsch-deutsche Fremdeln verdeutlichen, lange in Erinnerung.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 17. September 2009

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