Daniil Granin: Das Jahrhundert der Angst

Das Jahrhundert der Angst

Verlag: Volk und Welt [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-353-01090-2

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Bei dem vorliegenden Essay von Daniil Granin handelt es sich sicherlich um ein Jahrhundertwerk. Ausführlich beschreibt der Autor das Phänomen der Angst, welches besonders im Stalinismus sehr ausgeprägt war: "Die sind Aufzeichnungen über die Angst. Die ANGST, die einen so großen Raum in meinem Leben einnahm, die so wunderbare geistige Impulse in meiner Generation erstickte, unsere Charaktere verbog, uns kraftlos machte und so bittere Erinnerungen hinterließ. Die Angst hat unser Leben viel zu sehr beherrscht. Ich will mit diesem Gefühl abrechnen, will mich ihm stellen, ihm nicht weiter ausweichen, sondern ruhig analysieren, was eigentlich dahintersteckt." Granin, 1919 geboren, gehörte - vor und nach der Perestroika - zu den berühmtesten russischen Schriftstellern. Seine literarische Qualität konnte man in Werken wie: "Das Gemälde" oder "Sie nannten ihn Ur/ Der Genetiker" immer wieder bstaunen. Er geriet mit seinem kritischen Geist immer wieder in Konflikt mit der offiziellen Kulturpolitik in der früheren Sowjetunion, ohne dass Granin ein Dissident geworden wäre. Er beschreibt sehr eindrucksvoll sein Leben, insbesondere im Stalinismus. Seine Analyse der "Angst" ist bis heute aktuell: "Die Angst veranlaßt begabte Intellektuelle, sich von der Mutter loszusagen, ihre soziale Herkunft zu manipulieren, sich um einen hohen Posten zu reißen. Hat man erst mal einen hohen Posten, ist die angst vor der Entlarvung nicht mehr so groß. Die Angst verfolgt den Menschen. Wir sind alle Kaninchen vor der Schlange. Kann man so etwa kreativ arbeiten? Selbstverständlich nicht." Angst befiel den Autor insbesondere während der deutschen Belagerung von Leningrad, dem früheren - und jetzigen - Petersburg im Jahre 1941. Dabei unterscheidet er individuelle und kollektive Angst, wobei letztere zur Panik führe (S. 32). Sehr eindrucksvoll ist eine Geschichte über den von Stalin verfolgten Dichter Michail Sostschenko. Dieser erzählte folgende Geschichte: Während der Leningrader Belagerung begegnen sich unversehens deutsche und russische Aufklärer an der Front. "Ohne Kommando sprangen die Deutschen auf der einen Seite in den Straßengraben, die sowjetischen Soldaten uf der anderen. Ein deutscher Soldat aber war so durcheinander, daß er zu densowjetischen Soldaten in den Graben sprang. Er begriff seinen Irrtum nicht sofort. Erst als er neben sich Soldaten mitroten Sternen erblickte, geriet er in Panik, fegte aus dem Graben und sprang mit einem einzigen gewaltigen Satz, der das welkte Laub aufwirbelte, über die Straße hinweg zu seinen Kameraden. Der Schreck hatte ihm ungeahnte Kräfte verliehen... Bei diesem Anblick fingen die sowjetischen Soldaten an zu lachen und die deutschen ebenfalls. Sie saßen sich gegenüber im Straßengraben, die MP im Anschlag, und lachten aus vollem Halse. Danach konnen sie nicht mehr schießen. Das Lachen hatte sie in einem menschlichen Gefühl vereint..." Diese Geschichte offenbart Michail Sostschenkos Philosophie des Lachens. Lachen als Befreiung vom Haß. Lachen als Mittel gegen die Angst. (S. 41/42). Soweit Granin. Seine Aufzeichnungen über die Stalinzeit sind sehr eindrucksvoll. Alle seine Erinnerungen kreisen um die Angst und den dadurch ausgelösten Mangel an Zivilcourage, der diese Zeit wie ein Alptraum erscheinen ließ. Tim Guldiman hat in seinem hervorragenden Buch "Moral und Herrschaft in der Sowjetunion" (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984) von einer Bewußtseinsspaltung des Sowjetbürgers gesprochen, einer Spaltung von Anspruch und Wirklichkeit, die zum Rückfall in präkonventionelle Moralstrukturen führe, einer Art "Double-Ethik" führten, wie sie auch George Orwell in seinem eindrucksvollen Buch "1984" geschildert hat. Die von Granin geschilderten Erlebnisse beweisen die Richtigkeit der Thesen Orwells und Guldimans. Dies wird eindrucksvoll am "Fall Sostschenko" gezeigt, den bei seiner Verdammung niemand zu verteidigen wagte. Der Chefredakteur von "Nowy Mir", der führenden sowjetischen Literaturzeitschrift, wagte nicht, Erzählungen von Sostschenko zu drucken, obwohl er dies selber wollte: "Bei Simonow [dem Chefredakteur von "Nowy Mir"] kam das vor: Er konnte lange Zeit standhaft bleiben, und im letzten Moment kippte er doch um, hielt den Druck nicht aus, und der Druck auf ihn war natürlich immens." Wer die Psyche der russischen Bevölkerung verstehen möchte, kommt um dieses Buch nicht herum, welches für mich neben Rybakows "Die Kinder vom Arbat" und Lydia Tschukowskajas "Sofja Petrowna" zu den eindrucksvollsten Werken des Stalinismus überhaupt gehört.
Fazit
Fazit: unbedingt lesenswert!
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 08. Juni 2003

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