Florian Kiesewetter: Sternbildsonate. Gedichte

Sternbildsonate. Gedichte

Verlag: Arnshaugk Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Lyrik
ISBN-13 978-3-926370-38-9

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Je schneller sich die Auswirkungen des modernen Zeitalters und das Credo vom "permanenten Wachstum" hemmungslos ausbreiten, der Mißbrauch der Möglichkeiten der virtuellen Welt einen Zustand hervorzubringen scheint, in dem fast alles schon verschwunden zu sein anmutet, desto unausweichlicher nötig werden die schöpferischen und konventionellen, um nicht zu sagen die "langsamen", Menschen. Sie sind sich dennoch den Perspektiven des modernen Seins bewußt, legen aber überdies genuine und traditionelle Schöpfungskraft an den Tag. Denn die neue Welt kann nicht sein ohne die alten, menschlichen und nicht technischen Fertigkeiten. Menschlichkeit ohne Modernität ist lahm; Modernität ohne Menschlichkeit ist kalt. Modernität braucht Menschlichkeit, Lyrik und das Anknüpfen-Müssen, denn Zukunft braucht eine Heimat. Die Bindungslosigkeit ihrer Geschichts- und Ortsverwerfung nach dem Kriege jedoch schlug die Deutschen scheinbar mit dem Verlust ihrer reichen und schöpferischen Fähigkeiten.

Das ganze Gegenteil einer solchen Entwicklung und damit den Ausdruck einer modernen Konventionalität und Schöpferkraft stellt das vorliegende und überaus reife Buch "Sternbildsonate" des jungen Dichters Florian Kiesewetter dar. Im Vertrauen darauf, daß in einem Leben der Ursprünglichkeit und Wahrheit der Menschen nicht als Mechanismus sondern als Urquell und selbst als Schöpfer des Lebens und seiner lyrischen Ausformungen agiert, liefert der Dichter eine große sprachliche Leistung ab. Sie kann sich nur aus einer besonderen Heimat- und Naturverbundenheit ergeben. Der Arnshaugk-Verlag hat diesem schöpferischen Streben nunmehr die Möglichkeit der Veröffentlichung in diesem Buch gegeben.

Kiesewetter selbst wurde 1989 in Nordhausen am Harz geboren. Nahe bei Nordhausen liegt Mühlhausen, eine geschichtlich bedeutende Stadt, deren unzählige Kirchen heute vor allem durch ihre innovativen Umnutzungsideen deutschlandweit Aufsehen erregen. Als sei es ganz selbstverständlich, daß aus einer Region wie Mühlhausen/Nordhausen, in der erstmals eine Kirche zur modernen Bibliothek umgenutzt wurde und sich hier derartig konventioneller bibliophiler Anspruch mit moderner baulicher Innovation verbindet, auch ein jugendlicher Dichter wie Kiesewetter und sein lyrisches Gemüt kommen müsse.

Die erste Regung der Sittlichkeit ist oftmals Opposition gegen die Oberflächlichkeit des Alltags und die herkömmliche Rechtlichkeit und - wie auch im vorliegenden Buch - eine grenzenlose Reizbarkeit des Gemüts und des lyrischen Gefühls. Die Zeilen des Buches sind entsprechend fest gereimt und weisen eindeutige Klangfarben auf. Ein Hauch von humanistischer Prägung verknüpft sich hier mit heimatlicher Verbundenheit. Entgegen der deutschen Ortsverwerfung und den entortenden Tendenzen der Nachkriegszeit ist die "Heimat" für Kiesewetter der Boden des Seins und der Harz ein "holdes Sagenland".

Neben diesen auch mythischen Reminiszenzen sind es aber auch die rationalen und mit Bedacht verharrenden Versatzstücke, die aus den Gedichten sprechen. Es sind die Bedacht beim Erkundigen, das hauptsächliche Leben auf Erkundigung und das Bewußtsein davon, daß es das Wenige ist, was der Mensch sieht, welche in Kiesewetters Lyrik hervortreten. Im Gedicht "Was bleibt" heißt es nüchtern aber immer noch suchend:

Sind die Zeichen nur noch Schatten,
Nutzlos blind und abgelegt,
Oder spricht, was uns bewegt
Aus den Sagen, die wir hatten?

Ist der Traum von Tausend Jahren
Eine Täuschung mit drei Nulln?
Sind es nichts als Dichter-Schrulln,
Wenn wir nach dem Grale fahren?

Der Mensch lebt in Ungewißheit auf Treu und Glauben. Selten gelangt die Wahrheit rein und unverfälscht zum Menschen, am wenigsten, wenn sie von weitem kommt. Dort nämlich hat sie immer eine Beimischung von den Affekten, durch die sie ging. Neben dieser sachlichen Zurückhaltung sind es andererseits wieder Gedichte wie das "Lilienstück", die einen ästhetisch-verspielten Charakter tragen. Diese vielfachen Emotionen lyrisch zu verorten, darum geht es dem Dichter, weit über persönliche Verletztheiten hinaus.

So mögen diese eindringlichen Gedichte für viele als vergeudete Zeit bewertet werden, Kiesewetter im Gegenzug singt mit Eifer weiter und ist sich damit umso mehr bewußt: Was wir sonst mit "Sprache" meinen, insbesondere der deutschen Sprache, nämlich einen Bestand von Wörtern und Regeln der Wortfügung, ist nur ein Vordergrund der Sprache. Er wird dem integralen Sprachgebrauch im Gespräch und erst recht nicht im deutschen Gedicht bewußt. Diese Einstellung zeichnet das vorliegende lyrische Debüt Kiesewetters aus.
Fazit
Und meinte Theodor Adorno noch, nach "Auschwitz" ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, so wissen moderne und heimatverbundene Leser deutscher Lyrik mit diesem Buch - mal von Adornos Unfähigkeit zu dichten abgesehen -, daß Lyrik und insbesondere deutsche Lyrik wieder eine Zukunft haben.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 12. September 2009

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