Anne C. Voorhoeve: Einundzwanzigster Juli

Einundzwanzigster Juli

Verlag: Ravensburger Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-473-35293-7

Preis: 0,75 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. September 2016]
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Philippa, Spitzname Fritzi, kehrt nach zwei Jahren Kinderlandverschickung aus Ostpreußen nach Berlin zurück. Mutter und Tochter sind sich in dieser langen Zeit fremd geworden. Die Bombardierung Berlins, unruhige Nächte im Luftschutzkeller, die Lebensmittelknappheit, die ständige Angst, denunziert zu werden - all das zehrt an den Nerven von Fritzis Mutter Almut. Und nun steht ihr ohne eigene Lebensmittelmarken die kritische 14-jährige Fritzi gegenüber, die erwartet, dass in Berlin alles so ist wie vor zwei Jahren. In dieser Zeit gibt es Vieles, das man zur eigenen Sicherheit besser verschweigt. Fritzis Mutter Almut arbeitet als Schneiderin und versorgt heimlich "U-Boote", Menschen, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten untergetaucht sind, mit Papieren und Lebensmitteln. Sie kann Streitereien mit Fritzi ganz und gar nicht nicht gebrauchen und schickt ihre Tochter zur Großmutter nach Süddeutschland. Almut stammt aus der Familie von Lautlitz, sie ist mit einem bürgerlichen Halbjuden verheiratet. Die von Lautlitz stehen hier stellvertretend für die Familie von Stauffenberg, Philippas Onkel Georg spielt in Anne Voorhoeves Jugendroman die Rolle des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Während die Berliner Nacht für Nacht im Luftschutzkeller verbringen und am nächsten Morgen den Geruch von brennenden Häusern und Leichen einatmen, wird Fritzi auf dem Familienstammsitz aufgepäppelt. Auf dem Land ist es zwar ruhig und Almut hat nun eine Sorge weniger - Fritzi hingegen ist ganz und gar nicht ruhig, sie sorgt sich um ihre Mutter in Berlin und um ihren Vater, von dem Familie schon lange nichts mehr gehört hat. Die Ansichten der Onkel, die Offiziere in Hitlers Wehrmacht sind, prallen während der Tischgespräche der von Lautlitz auf offene Kritik der Großmutter an Adolf Hitler und auf Fritzis Bedürfnis, möglichst nicht aufzufallen. Fritzi spürt deutlich, dass sie ein Zwischending ist, sie ist weder adelig noch bürgerlich, weder Kind noch erwachsen, fühlt sich weder dem Leben auf dem Land noch dem in der Stadt verbunden. Einziger Lichtblick für Fritzi sind Besuche ihrer burschikosen Tante Lexi (Melitta Gräfin Stauffenberg), die im Dienst der Luftwaffe steht. Während im Sommer 1944 die Großfamilie in Gedanken schon bei der Kirschenernte ist, misslingt in der Nähe von Rastenburg das geplante Attentat auf Hitler. Die Angehörigen des Attentäters werden sofort verhaftet, die Kinder kommen in ein Heim, Fritzi wird von einer ihr unbekannten Frau abgeholt und in ein Berliner Gefängnis gebracht. Die Verwandten des Hitler-Attentäters unterliegen von nun an der Sippenhaft. In ihrer Zelle steht Fritzi überraschend ihrer Mutter gegenüber. Beide sind nicht wegen der Aktivitäten der Onkel in Haft, sondern wegen der Beteiligung von Fritzis Vater am Attentat. Für die Frauen der Familie von Lautlitz beginnt eine Odyssee zwischen der Haftanstalt und verschiedenen Konzentrationslagern. Während ihrer Odyssee durch unterschiedliche Lager begegnet Fritzi weiteren Häftlingen des Hitler-Regimes und kann ihren Blick fort von der eigenen Betroffenheit auf die Schicksale anderer Opfer des Nationalismus richten.

Zugegeben, ich habe mich gefragt, ob ich ein weiteres Jugendbuch über den Nationalsozialismus lesen möchte und ob die Roman-Biografie einer fiktiven Stauffenberg-Nichte die angemessene Form ist, sich mit dem Hitler-Attentat auseinander zu setzen. Ob die Attentäter des 21. Juli 1944 und ihre Unterstützer bei ihren Plänen je an ihre Frauen und Kinder gedacht haben, wird sich schon mancher gefragt haben. An diese Frage knüpft die Autorin an, indem sie ihre fiktive Geschichte aus der Perspektive der Familienangehörigen erzählt. Die kratzbürstige Ich-Erzählerin Fritzi, die so ziemlich gegen alles rebelliert, gegen das man sich nur auflehnen kann, ist eine so glaubwürdige, facettenreiche Person, dass ich nach den ersten Seiten nur noch mit ihr und den "Sippen-Häftlingen" gefiebert habe.
Fazit
Aus der Perspektive Fritzis, deren heikles Verhältnis zu ihrer Mutter sich während der Zeit ihrer gemeinsamen Haft nicht gerade verbessert, gelingt es Anne Voorhoeve ausgezeichnet, die Atmosphäre des vorletzten Kriegsjahres in Deutschland zu vermitteln.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 19. Juli 2009

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