Anthony McGowan: Der Tag, an dem ich starb

Der Tag, an dem ich starb

Verlag: Ravensburger Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-473-35309-5

Preis: 1,10 Euro bei Amazon.de [Stand: 07. Dezember 2016]
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Paul war von Anfang an klar, dass niemand an seiner Schule gegen Roth eine Chance hatte. Roth kam jedes Mal ungeschoren davon; seine Opfer mussten froh sein, nicht selbst bestraft zu werden. Paul hat sich an dieser Schule vom ersten Schultag an abgestempelt gefühlt; denn die Klasse, in die man ihn schickte, machte klar, dass er dumm war. Als Pauls Vater hier früher zur Schule ging, prügelten Lehrer ihre Schüler noch. Die alte Hackordnung funktioniert an der Schule wie in alten Zeiten. Es wird nicht mehr geschlagen, sondern gespottet. Ein paar tyrannische Lehrer demütigen ihre Schüler im Unterricht und machen sie vor der ganzen Klasse lächerlich. Bei wem also sollte man sich über einen wie Roth beschweren, der an der Schule offenbar unbehelligt eine eigene Hausmacht anführt? Wenn Roths Gefolgsleute sich prügeln, hat das nichts mehr mit den Bandenkämpfen zu tun, an die Andis Vater sich aus seiner Jugend erinnert. Heute wird der, der verletzt am Boden liegt, zum Abschluss ins Gesicht getreten und bepisst.

Paul hatte in der Schule bisher zu keiner Gruppe gehört. Außer der Clique um Roth gab es ein paar unbedeutende Grüppchen und die Freaks unter Führung von Shane, sechs Schüler, die von jeder, aber auch jeder anderen Gruppe gehasst wurden. An dieser Schule ist es wichtiger, genau zu wissen, zu wessen Bande man gehört, als die Gründe für Auseinandersetzungen zu kennen. Nachdem Roth im Unterricht vor aller Augen seine Macht über Andi demonstriert hat, zeigt er Interesse an Andi, gibt vor, ihn für intelligent zu halten. Falls Andi bei Roth einsteigt, könnte er sich im Windschatten des Schul-Bullys sicher fühlen. Doch Andy sympathisiert auch mit den Freaks. Er mag den Anführer Shane, würde gern einmal mit Maddy ins Kino gehen. Heraushalten kann sich an Andis Schule niemand; man kann nur für oder gegen Roth sein. Roth will offenbar seinen Einfluss auf die zweite Schule im Ort ausdehnen. Roth macht sich nur selten selbst die Hände schmutzig, für den täglichen Kleinkrieg beschäftigt er seine Anhänger. Bei Pauls erstem Auftrag, den er für Roth ausführt, überbringt er - selbst völlig ahnungslos - dem Anführer der Schüler der Temple Moor Schule Roths Kriegserklärung. Eine Massenschlägerei zwischen beiden Schulen endet mit dem Tod eines Schülers.

"Der Tag, an dem ich starb" steuert wie eine klassische Tragödie auf die entscheidende Szene zu. Bereits im ersten Kapitel ist klar, dass es zu einer Straftat mit einem Messer kommen wird. Das Messer scheint ein Eigenleben zu haben, es rückt unaufhaltsam näher, verkürzt mit jedem Kapitel die Zeit bis zur Tat. Anthony McGowans zeitloser Jugendroman stellt nicht allein Roth als einen Soziopathen in den Mittelpunkt, der Mitschüler manipuliert und demütigt. Nicht zu übersehen ist die Kultur des Wegsehens an Andis Schule, die das Demütigen schwacher Schüler durch einige Lehrer als legitim erscheinen lässt. Wichtige Verbündete in diesem Bündnis des Schweigens sind Eltern, die nichts Genaueres darüber wissen möchten, was sich an der Schule ihrer Kinder abspielt. Hätte Paul die Illusionen seines Vaters zerstören sollen, hätte er ihm begreiflich machen können, dass Schüler seiner Schule sich heutzutage nicht mehr sportlich prügeln, nach einer Prügelei nicht mehr wie sein Vater früher auf eigenen Füßen nach Hause gehen können? Es geht McGowan nicht darum, Eltern oder elektronischen Medien die Verantwortung für die Gewalttätigkeit von Schülern zuzuschieben. Zum Tod eines Menschen kommt es, weil ein Jugendlicher meint, sich verteidigen zu müssen und in diesem Moment ein Messer zur Hand hat.
Fazit
Anthony McGowan zeigt in seinem Jugendroman für Leser ab 14 Jahren mit beklemmender Eindringlichkeit, wie das Ausgrenzen und Demütigen von Schülern die Grundlage schafft, auf der später Gewalt entstehen kann.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 18. Juli 2009

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