Michael Maier: Die ersten Tage der Zukunft

Die ersten Tage der Zukunft

Verlag: Pendo Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-86612-171-3

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Untertitel: Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können.

Sie kennen sicher die bei Schulfesten beliebten Schätzaufgaben. "Wie viele Bohnen/Gummibärchen/Büroklammern enthält dieses Glas?" wird gefragt. Wer der tatsächlichen Zahl am nächsten kommt, kann einen Preis gewinnen. In seinem 2007 erschienen Buch Warum Gruppen klüger sind als Einzelne erläutert James Surowiecki, dass der Mittelwert, der aus den Schätzungen aller Teilnehmer gebildet wird, der ausgezählten Anzahl je näher kommt, je mehr Personen sich an der Schätzung beteiligen. Surowieckis Beispiel, bei dem das Gewicht eines Rindes von einer Gruppe von Teilnehmern bis auf 1kg genau geschätzt wurde, führt Michael Maier u. a. als Beleg für die Überlegenheit der so genannten Schwarmintelligenz an. Der österreichische Journalist verspricht sich insbesondere von der Teilhabe vieler Internetnutzer - und anderer als bisher - eine Lösung aktueller Probleme, zu der die "alten Eliten" sich nach seiner Einschätzung als unfähig erwiesen hätten. Die kollektive soziale Intelligenz würde zukünftig weltumspannende Probleme schnell und kreativ lösen, hofft Maier, vorausgesetzt, das Zusammenwirken im Internet werde zukünftig durch Ehrlichkeit, Authentizität und Transparenz geprägt sein.

Als kollektive Intelligenz wird zum Beispiel ein Ameisenstaat bezeichnet, eine Gemeinschaft, die durch Zusammenarbeit und Arbeitsteilung spezialisierter Mitglieder bessere Überlebenschancen hat als ihre Einzelmitglieder. Während Naturwissenschaftler das geordnete Zusammenspiel des Ameisenstaates als intelligentes Verhaltensmuster definieren, sehen einige Systemtheoretiker das Internet als vergleichbaren Superorganismus an und sprechen ihm durch diese Definition mehr als nur künstliche Intelligenz zu. Soziologen betrachten eine Konsensfindung in Gruppen als kollektive Intelligenz; nicht jedoch das Internet selbst, das diesen Gruppen als Instrument zur Beschaffung von Informationen dient. Aus Untersuchungen über Bewegungsmuster von Menschengruppen im öffentlichen Raum leitet Maier die Erkenntnis ab, dass Menschen ohne Reglementierung durch Vorschriften oder Hinweisschilder am besten allein zurechtkommen (S. 23). Wer je gegen die Masse hereindrängender Einsteiger versuchte, rechtzeitig einen U-Bahn-Wagen zu verlassen, wird sich fragen, ob Menschenmassen ohne Regeln von sich aus tatsächlich ökonomisch und vernünftig handeln.

Während Surowiecki auf diese Problematik kollektiver Intelligenz bereits in seinem Buch hinweist, beurteilt Maier die Möglichkeiten des zukünftig durch kollektive soziale Intelligenz gesteuerten Worldwide Web generell optimistisch. Der österreichische Journalist verlässt sich darauf, dass sich negative Auswüchse durch die Teilhabe Vieler von selbst regeln werden (S. 76). Er sieht die Welt der Blogger als Regulativ einer saturierten Gesellschaft, als einen zentralen Ort, um politische Aktionen vorzubereiten, um zum Beispiel Petitionen zu verfassen. Im Gegensatz zu vielen Internet-Nutzern, die sich von belanglosen, schlecht recherchierten Texten oder diskriminierenden Videos belästigt fühlen, hält Maier das Internet im Vergleich zu anderen Systemen grundsätzlich für überlegen. Die Gefahr der Verbreitung und Vervielfältigung falscher Informationen sieht er dagegen als vernachlässigbar gering an. Wie ein gelegentlicher Internet-Nutzer beispielsweise manipulierte Kunden-Bewertungen von Waren oder Dienstleistungen in Bewertungsportalen von ehrlichen Urteilen unterscheiden soll, bleibt in Maiers Ausführungen unklar. Das System Wikipedia und die Welt weiterer kleiner Wikis beurteilt Maier durchweg positiv. Dass Internet-Communities sich bereits zum Tummelplatz geltungsbedürftiger Selbstdarsteller entwickelt haben und sich zukünftig zu einer kaum zu überblickenden Halde entbehrlicher Informationen entwickeln könnten, übersieht der Autor. Maiers Vorstellung, dass gerade die Teilnehmer, die die Menschheit retten wollen, (im Gegensatz zu Terroristen, die sie zerstören wollen) qualifiziert seien, das Superhirn Internet weiterzuentwickeln (S. 187), lässt Schlimmes befürchten. Denn schon jetzt verhalten sich Mitteilungsdrang und Sendungsbewusstsein einiger Nutzer des weltweiten Netzes umgekehrt proportional zu ihrer Kompetenz und zu ihrem Sinn für Realität. Das Finden von Antworten auf Fragestellungen lässt sich mit Hilfe moderner Kommunikationsmethoden problemlos bewerkstelligen, doch erst mit der erfolgreichen Überwindung der Koordinierungs- und Kooperationsprobleme einer Gruppe von Menschen mit Eigeninteressen kann ein System seine Überlegenheit beweisen. Blockwart-erfahrene Kulturen werden Maiers Hoffnung, dass im Internet die Weisheit der Vielen kriminelle und terroristische Auswüchse verhindern wird, für ausgesprochen weltfremd halten. Hier schiebt der Autor politische und gesellschaftliche Verantwortung leichtfertig auf ein Informations-System ab.

Der 1958 geborene Maier kritisiert mehrfach in herablassendem Ton "alte Eliten", die "Wahrer alter Werte", die in der Welt elektronischer Kommunikation nicht mitspielen wollen und deshalb zukünftig aus unserer Welt zu verschwinden hätten. Welche Qualifikationen die von Maier erhofften neuen Eliten außer ihren Internet-Kompetenzen mitbringen werden und worin genau sie "alten Eliten" überlegen sind, erfahren wir als Leser nicht. Seine rechthaberisch wirkende Argumentation lässt vermuten, dass der Autor mit Mitgliedern der ehemaligen Eliten noch ein persönliches Hühnchen zu rupfen hat.

Der derzeit ungehinderte Zugang zu Gewaltdarstellungen und Pornografie für Jugendliche im Internet stellt für Maier offenbar kein Problem dar (S. 209); auch hier verweist er auf die Selbstregelungskräfte kollektiver sozialer Intelligenz. Medienerziehung für Kinder und Jugendliche, sowie die Entwicklung ihrer Urteilsfähigkeit als zukünftige Internet-Nutzer stehen nicht auf Maiers Agenda, obwohl das kollektive Unwissen, das sich in Beiträgen in Internet-Foren deutlich zeigt, nicht nur Eltern und Erziehern Sorgen bereiten sollte. Welchen Einfluss das Internet tatsächlich auf unser kollektives Denken haben wird, ist mir nach Lektüre des Buches noch immer unklar. Kann ein System künstlicher Intelligenz intelligenter sein als seine Nutzer? Maier setzt in seiner Argumentation Wissen mit Intelligenz und Kommunikation mit Problemlösungen gleich. Twittern kann uns zwar in kürzester Zeit über Naturkatastrophen informieren. Entschlossenes verantwortliches Handeln der Betroffenen im wirklichen Leben setzt dagegen Wissen und regelmäßiges Training der Notfallmaßnahmen voraus. Wer reale Probleme lösen möchte, darf neben den Kommunikationswegen die Menschen nicht übersehen, die sie nutzen sollen.

Außergewöhnlich interessant und erheblich realistischer als Maiers Superhirn-Theorie liest sich sein Exkurs in die Gründe für die ausgeprägte Technikfeindlichkeit in Deutschland unter dem Einfluss der 68er-Generation, die im Protest gegen die Volkszählung gipfelte.

Maier reißt mit "Die ersten Tage der Zukunft" unterschiedliche Aspekte unserer vom weltweiten Netz geprägten Zukunft an. Mit Konzentration auf die logisch-mathematische Ebene entwickelt er das Szenario eines Superhirns Internet, das die kollektive Intelligenz der Weltgemeinschaft vereinen wird. Michael Maiers Darstellung der Menschen als statistische Masse - wenn auch als vernünftige Masse - konnte mich nicht überzeugen. Ob neue Eliten die Welt retten können und ob sich überlegenere Lösungen tatsächlich durchsetzen werden, obwohl "der Klügere" doch stets nachgeben sollte, untersucht Michael Maier nicht. Eine kritische Wertung des Ist-Zustands vermeidet der Autor, obwohl er mit seinem harten Urteil über abzulösende "alte Eliten" sehr wohl zu polarisieren versteht.
Fazit
Wer mit der Idee eines zukünftigen Systems künstlicher Intelligenz und alternativer Kommunikationswege spielt und dabei Kompetenzen und Kooperationsfähigkeit auf der Anwender-Seite als gegeben voraussetzt, tut meiner Ansicht nach den zweiten Schritt vor dem ersten. Den wachsenden Graben in den Industrieländern zwischen einer privilegierten, gebildeten Schicht und Anwendern, die aus unterschiedlichen Gründen bereits Probleme mit dem Verständnis einfacher Texten haben, lässt der Autor unbeachtet. Solange wir uns stärker mit den technischen Möglichkeiten als mit Bildung- und Erziehung der zukünftigen Nutzer beschäftigen, wird die "Rettung der Welt" ein Wunschtraum bleiben.
5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 30. Juni 2009

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