Frank Meinshausen [Hrsg.]: Neue Träume aus der Roten Kammer. Moderne chinesische Erzählungen

Neue Träume aus der Roten Kammer. Moderne chinesische Erzählungen

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-13770-6

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Frauen wie "Alte Tante Li", die Vorsitzende des Nachbarschaftskomitees in Fan Wus Kurzgeschichte "Im Jahr des Affen", waren lange Zeit aus dem chinesischen Alltag nicht wegzudenken. Seit den 50er Jahren gab es in jeder chinesischen Straße oder Gasse ein oder zwei alte Frauen, die offiziell im Auftrag der Partei Nachbarschafts- und Familienstreitigkeiten schlichten sollten. Wenn man in beengten Verhältnissen wohnt, im Freien in der Gasse kocht und sich eine Gemeinschaftstoilette mit anderen teilt, kann man kaum etwas vor seinen Nachbarn verbergen. Unter dem Mäntelchen des offiziellen Auftrags steckten die alten Tanten ihre Nase in jede Wohnung. Sie befriedigten ihre persönliche Neugier und meldeten natürlich jede Kleinigkeit der Partei. Ein typisches Relikt der Mao-Zeit, sollte man denken. Doch Fan Wus (*1974) Geschichte eines abergläubischen Mannes, dessen Leben um sein zuckendes Augenlid zu kreisen scheint, spielt im Jahr 2004.

Qi Ge (*1971) führt uns in die Zukunft der intergalaktischen Metropole Shanghai, in der nur wohlhabende Menschen Raum für sich beanspruchen können. Wer Schulden hat, wird unter staatlicher Aufsicht geschrumpft. Kleine Menschen brauchen weniger Lebensmittel, so dass von der staatlich verordneten Verkleinerung der Menschen die Gemeinschaft profitiert. Der junge Ich-Erzähler möchte nicht nur ein Pickel in der Welt sein, er ist entschlossen, erfolgreich zu sein, damit er seine menschliche Größe behalten kann.

Familie Sun in Yiyun Lis (*1972) Erzählung "Nach einem ganzen Leben" hat eine schwerstbehinderte Tochter, die sie seit Jahren schon in der Wohnung versteckt und von der niemand weiß. Die betagten Eltern Sun sind mit der Pflege ihrer Tochter Beibei inzwischen völlig überfordert, staatliche Unterstützung scheint es nicht zu geben. Als Herr Sun sich in einem Maklerbüro, in dem er die Börsenkurse studiert, mit Herrn Fong anfreundet, gerät das sorgfältig austarierte Vertuschungs-System der Suns aus dem Gleichgewicht. Frau Sun ängstigt sich, dass die Fongs hinter ihr Geheimnis kommen könnten, während Frau Fong ganz andere Ziele verfolgt.

Drei chinesische Autoren, drei Szenen aus dem chinesischen Alltag, die die Erzähler uns mit unterschiedlichen Stilmitteln nahe bringen. Die 1972 in Peking geborene Yiyun Li ist die jüngste Autorin, lebt inzwischen in den USA und wird Ende 2009 ihren ersten Roman in Deutschland veröffentlichen. Li kann stellvertretend für jene chinesischen Autoren stehen, die inzwischen in Englisch oder Deutsch schreiben und erst aus der Distanz Vorgänge in China kritisch schildern.

Ma Jian (*1953) ist der älteste der hier vertretenen Autoren. Er verließ China bereits 1986, legte 2001 einen international beachteten Bericht seiner China-Reise vor und wird ebenfalls Ende 2009 einen Roman in Deutschland auf den Markt bringen. Ma Jians Generation war als Gehaltsempfänger des Schriftstellerverbandes noch gewohnt, Kritik an Ereignissen der Gegenwart mundgerecht für die Zensurbehörde in historische Stoffe zu verpacken. Erst in den 80ern wendete sich die chinesische Literatur allmählich von historischen Themen und der üblichen Vergangenheitsbewältigung ab, berichtet der Herausgeber Frank Meinshausen in seinem informativen Nachwort. Ma Jians Erzählung "Totentanz" treibt in spöttischem Ton Auswüchse des kapitalistischen Wirtschaftssystems auf die Spitze, das im Zuge der Öffnungspolitik seltsame Blüten trieb. Er lässt seinen Helden entdecken, dass sich "der Tod nicht so sehr vom Leben unterscheidet".

Luo Lingyuan (*1963) und Xialu Guo (*1971) vertreten in dieser Sammlung chinesische Autoren, die im Ausland leben und aus der Ferne noch immer chinesische Themen bearbeiten. Häufig befassen sie sich mit Brüchen im Privatleben ihrer Protagonisten oder mit einschneidenden Ereignissen wir der blutigen Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Tienanmen-Platz. Guo verarbeitet die Entwicklung der Stadt Peking innerhalb der letzten 20 Jahre in Briefen eines Mannes, der sich an seine Zeit in Peking erinnert, als er selbst circa 20 Jahre alt war.

Ha Jin (*1956), der mit inzwischen sechs Büchern auf dem deutschen Buchmarkt vertreten ist, entlarvt Widersprüche in der Hass-Liebe vieler Chinesen zum Ausland mit seiner Erzählung "Die Frau aus New York". Chen Jinli hatte als Lehrerin in den USA gearbeitet und kehrt nun zu ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter nach China zurück. Die Zurückgebliebenen haben sie die ganze Zeit über hemmungslos beneidet und wollen noch immer nicht wahrhaben, dass Lehrerin Chen in Amerika "viel verdient und viel ausgegeben" hat. Chen findet keine neue Arbeitsstelle mit der Begründung, dass man einer Person, die im Ausland gelebt hat, nicht vertrauen kann.

Li Dawei (*1963) nimmt das historische Thema der Jesuiten in China auf und lässt den Gelehrten Matteo Ricci (1552-1610) Anlass sein für die Verhaftung seines Ich-Erzählers durch die kaiserliche Geheimpolizei. Zu Wen (*1967) zeigt eine besondere Faszination für Räder und runde Formen. Ein Arbeiter in einem Elektrizitätswerk wird zum Opfer einer Kette absurder Ereignisse, die durch ein Fahrrad ausgelöst wurden. Eine pfiffige Geschichte, die selbst politische Ereignisse als Unfälle erscheinen lässt und über das Bild des Rades in unterschiedlichen Kulturen und Religionen philosophiert.

Erklärende Anmerkungen der beiden Herausgeber im Anhang zu historischen Ereignissen, das Nachwort zu aktuellen Entwicklungen in der chinesischen Literatur und Kurz-Biographien aller Autoren vervollkommnen die Sammlung moderner chinesischer Texte.
Fazit
Für "Neue Träume aus der roten Kammer" wurden Erzählungen in Deutschland zumeist unbekannter chinesischer Schriftsteller erstmals ins Deutsche übersetzt. Der Band bietet ein breites Themen-Spektrum und stellt Autoren unterschiedlicher Generationen vor, die in China oder im Ausland leben.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 24. Juni 2009

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