Edith Beleites: Die Hebammen von London

Die Hebammen von London

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-499-21483-7

Preis: 0,98 Euro bei Amazon.de [Stand: 30. September 2016]
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Lilly absolviert bei der Landhebamme Mrs. Mansfield eine Ausbildung zur Hebamme. In ihrem dritten Lehrjahr hat sich die Sechzehnjährige zu einer umsichtigen, fürsorglichen Geburtshelferin entwickelt, über deren Unterstützung Mrs. Mansfield inzwischen sehr froh ist. Doch in Wickham in der englischen Grafschaft Derbyshire ist Unruhe unter den werdenden Müttern entstanden, seit ein neuer Arzt recht aggressiv mit seinen modernen Entbindungsmethoden wirbt. Die Minenarbeiter des Ortes versprechen sich von Dr. Harlan und seinen Geburtshilfe-Instrumenten eine Verkürzung des Geburtsvorgangs und hoffen darauf, dass ihre Frauen nach einer verkürzten Geburt schneller wieder ihre übliche Arbeit in Haus und Garten aufnehmen können. Mrs. Mansfield reagiert aufgebracht auf die Konkurrenz Dr. Harlans und ist überzeugt davon, dass männliche Geburtshelfer die erfahrenen Hebammen aus ihrer Tätigkeit verdrängen wollen. Lilly fürchtet, dass sie zwischen die einander erbittert bekämpfenden Parteien geraten könnte und dass Dr. Harlan im schlimmsten Fall Lilly am Ende ihrer Lehrzeit keine Hebammen-Lizenz ausstellen wird.

Ihr drittes Ausbildungsjahr absolviert die junge Hebammenschülerin bei der bekannten Londoner Hebamme Mrs. Hill. Lilly wird von der Familie Hill herzlich in ihren großen Haushalt aufgenommen, der aus Lillys Ausbilderin, dem Apotheker Mr. Hill, den erwachsenen Kindern Rose und Paul, zwei weiteren Hebammenschülerinnen und dem Gesinde besteht. Für das Londoner Stadtleben bleibt Lilly kaum Zeit; denn sie wird von Mrs. Hill sofort in die Geburtshilfe und die Betreuung von Müttern und Neugeborenen eingebunden. Lilly, die schon in Wickham besondere Einfühlung in die soziale Lage Schwangerer zeigte, wird auch in London mit armseligen Lebensbedingungen, dem Schicksal unerwünschter Kinder und erneut mit dem Konflikt zwischen Ärzten und Hebammen konfrontiert. Ohne Wissen von Mrs. Hill spioniert Lilly Dr. Smollett nach, dem Arzt, dem man nachsagt, dass er neue Instrumente zur Geburtshilfe skrupellos an armen Frauen und Prostituierten ausprobiere, um sie später bei den Entbindungen wohlhabender, "anständiger" Frauen erfolgreich einsetzen zu können. Lilly bringt sich mit ihrem Alleingang nicht nur selbst in große Gefahr - sie gefährdet, ohne es zu ahnen, den Ruf und damit die berufliche Existenz der Mrs. Hill.

Edith Beleites gibt in ihrem sorgfältig recherchierten Jugendroman Einblick in die Arbeit von Hebammen im 18. Jahrhundert. Die Autorin schildert mit großer Liebe zum Detail die fundierte Ausbildung, die die Schülerinnen erhalten. Das Auftreten des Dr. Harlan zu Beginn des Buches und seine persönlichen Motive fand ich wenig schlüssig dargestellt. Wie hätten die in bitterer Armut lebenden Bergarbeiterfamilien zu jener Zeit seine Hilfe bezahlen sollen? Mrs. Mansfields kritische Einschätzung des Konflikts zwischen männlicher und weiblicher Geburtshilfe wird zu einem sehr frühen Zeitpunkt formuliert, zu dem die Leserinnen die Bewertung noch nicht durch den Verlauf der Handlung nachvollziehen können. Das für Lilly ungewohnte Leben im Haushalt der Apothekerfamilie lässt uns ins Leben der Stadt London im 18. Jahrhundert blicken und zeigt authentisch das damalige Wissen über die Wirkung von Heilpflanzen. Mit Mrs. Hill, die das Leben Schwangerer und Gebärender im Zusammenhang ihrer Lebensumstände wahrzunehmen vermag, und Dr. Smollet, der Medizinstudenten in Geburtshilfe ausbilden möchte, stehen sich die so genannte weibliche und die männliche Geburtshilfe unversöhnlich gegenüber. Mrs. Hill hält Smollet für einen brutalen Stümper. Smollet blickt verächtlich auf die seiner Ansicht nach unwissenschaftliche, weibliche Geburtshilfe herab und löst eine vernichtende Rufmordkampagne gegen die populäre Mrs. Hill aus. Die Kontrahenten werden sehr emotional in Schwarz-Weiß-Manier beschrieben, ohne dass die Leser eine Chance erhalten, die männlichen Mediziner aufgrund ihrer mangelhaften Ausbildung und ihrer begrenzten anatomischen Kenntnisse sachlich als Vertreter ihrer Epoche zu begreifen. Der Einsatz von Instrumenten in der Geburtshilfe mag auf uns grausam wirken, er erfolgte vermutlich auch aus dem Wunsch nach einer Weiterentwicklung der Geburtshilfe.
Fazit
Lilly persönliche und berufliche Entwicklung, wie auch das Verhältnis zu ihrem beiden Lehrhebammen schildert Edith Beleites fesselnd und glaubwürdig. Mit ihrem Blick für soziale Zusammenhänge und ihrem Engagement für eine umfassenden Schwangeren- und Mütterfürsorge ist Lilly ihrer Zeit erstaunlich weit voraus. Für ein Mädchen ihres Standes verblüfft die selbstbewusste Art, mit der sie ihre Ideen einbringt. Die Leserinnen werden im Lauf der Handlung mit manch blutigem Detail konfrontiert, am Ende eines gekonnt gestalteten Spannungsbogen können sie gemeinsam mit Lilly jedoch wieder aufatmen. Ein sehr empfehlenswerter historischer Roman, der in einer Zeit spielt, in der nur wenige junge Frauen eine fundierte Berufsausbildung absolvieren konnten.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 20. Mai 2009

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