Gerd Langguth: Machtmenschen: Kohl, Schröder, Merkel

Machtmenschen: Kohl, Schröder, Merkel

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-423-24731-3

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Gerd Langguth, Autor hochgelobter Biographien über Bundespräsident Köhler und Kanzlerin Angela Merkel, hat hier Portraits der "Machtmenschen" Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel vorgelegt. Alle drei Personen seien "Machtmenschen" insofern, als der Erwerb und der Erhalt einer Machtposition ihr Lebensziel sei. Politiker - so Langguth - wollten vor allem öffentliche Anerkennung erhalten und im Rampenlicht stehen - im Gegensatz etwa zu Wirtschaftsführern, die eher im Verborgenen wirkten. Macht sei insbesondere am Einfluss auf die Besetzung von Positionen zu erkennen, also der Fähigkeit, befreundete Politiker in Machtpositionen zu bringen und (politische) Widersacher zu entmachten.

Der Autor untersucht dann Gemeinsamkeiten der "Machtmenschen" Kohl, Schröder und Merkel. Allen sei ein gewisser Grad an Rücksichtslosigkeit zu eigen. Kohl sei - im Gegensatz zu den "Pragmatikern" Schröder und Merkel der "ideologischste" Bundeskanzler mit einem festgefügten Weltbild gewesen, Schröder eher - um ein Wort des Politikwissenschaftlers Korte zu benutzen - ein instinktsicherer "Pragmatiker des Augenblicks", also ein Politiker, dem es insbesondere um die augenblickliche Wirkung gehe.

Frau Merkel pflege wie Kohl institutionelle Runden, etwa die Kanzler-Morgenlage und wäge ihre Entscheidungen in Bezug auf ihre Wirkungen lange ab. Ihr naturwissenschaftliches Weltbild - Politik versteht sie als Kräfteparallelogramm im Sinne von Wirkung und Gegenwirkung - prägt ihr Amts- und Machtverständnis.

Das Buch endet mit mehreren Thesen zur Beziehung zwischen Macht und Politikern. Ernüchterndes Fazit: obwohl nicht abgestritten werden könne, dass Politiker auch Inhalte umsetzen wollten und für die Menschen etwas erreichen wollten, ginge es vielen Politikern - unter anderem den drei erwähnten Bundeskanzlern - primär um Erwerb und Bewahrung von Macht.

Insbesondere Helmut Kohl kommt in der Bewertung Langguths relativ "schlecht" weg; er wird als reiner "Machtpolitiker" betrachtet, der diesem Ziel alles andere untergeordnet habe. Besonders im Bewahren der Macht sei er Meister gewesen. Schröder sei offener gewesen und habe seine Machtambitionen daher auch nie verborgen. Im Gegensatz zu Kohl und Frau Merkel habe er allerdings weniger Geschick im Bewahren von Macht besessen, Gremien (etwa die Morgenlage) schätzte er nicht.

Das Buch hat Stärken und Schwächen.

Die Stärke des Buches liegt darin, dass der Leser durch einen "plastischen" Stil das Gefühl hat, gewissermaßen "durchs Schlüsselloch" zu sehen und den Aufstieg (und - bei Kohl und Schröder - auch den Niedergang) der Politiker gewissermaßen miterleben zu können. Insofern erinnert mich das Buch sehr an das Buch "Machtwechsel" von Arnulf Baring, welches die sozial-liberale Koalition beschreibt.

Interessant sind auch die Einblicke in unser politisches System, etwa über die Schwierigkeit des Regierens in unserem Verbundföderalismus und der "strukturellen Machtlosigkeit" (so ein Zitat von Michael Naumann) des Bundeskanzlers.

Ich war dennoch etwas enttäuscht. Zum einen werden viele Passagen wiederholt, sogar einige Kurzbiographien von Politikern (etwa Schäuble) tauchen an mehreren Stellen auf. So plausibel die Kurzpotraits der drei Politiker einschließlich der Skizzierung und Analyse ihrer Kanzlerschaft geraten ist (im Falle von Frau Merkel ergänzt das Schlusskapitel die im Jahre 2007 aktualisierte Biographie des Autors), so fehlt mir doch - gerade in der Beschreibung der Politiker - eine definitive Begründung, warum sie lediglich Macht bzw. den Erwerb von Macht in den Mittelpunkt ihres Denkens gestellt haben sollen. Hatten sie nicht auch andere Motive? Hätte Gerhard Schröder nicht an der Macht bleiben können, wenn er die "Agenda 2010" nicht entworfen und sich dadurch mit Teilen seiner Partei überworfen hätte? Hätte er - wenn es ihm nur um die Bewahrung der Macht gegangen wäre - nicht nach den für die SPD verlustreichen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im Jahre 2005 einfach weiterregiert anstatt danach die Auflösung des Bundestages anzustreben? Hatte Kohl nicht auch objektive Gründe, einen Stabwechsel zugunsten Schäubles nicht durchzuführen - etwa die Tatsache, dass er die Euro-Einführung noch selber "unter Dach und Fach" bringen wollte? Und ging es Angela Merkel, als sie Kohls und Schäubles Sturz nach der Spendenaffäre über einen Artikel in der FAZ im Dezember 1999 einleitete, wirklich nur darum, beide Politiker zu stürzen, um selber an ihre Stelle zu treten? Mußte sie nicht damit rechnen, bei Schäubles Sturz auch ihre Position als CDU-Generalsekretärin zu verlieren? Dies muß so nicht sein. Langguth mag recht haben mit seiner Analyse, es gehe den drei Politikern in erster Linie um Erwerb und Sicherung von Macht und um "Kaltstellen" politischer Rivalen. Aber zumindest sollten gegenteilige Sichten - dass es Politikern möglicherweise doch um "mehr" geht, auch dargestellt oder zumindest untersucht werden.

Kurz: die Schlussfolgerungen des Autors, den Politikern gehe es nur um Machterwerb und Machtsicherung klingen sicherlich populär, ganz im Sinne von Richard von Weizsäckers Diktum, die Parteien seien "machtbessen und machtversessen" (dieses Zitat taucht im übrigen merkwürdigerweise in der Biographie gar nicht auf). Aber ging es ihnen nicht auch um Politikinhalte?

Zweitens: Wenn man den politischen Aufstieg unter dem - vielschichtigen - Begriff der "Macht" untersucht, so muss dieser Begriff genauer analytisch untersucht werden. Kurze Verweise auf den Machtbegriff von Max Weber bzw. K. Galbraith reichen hier nicht aus, auch wenn deutlich wurde, dass Politiker in erster Linie öffentliche Anerkennung suchen und daher Machtpositionen anstreben. Was bedeutet denn Macht für einen Politiker, wenn andererseits ein "struktureller Einflussverlust" - etwa des Amtes des Bundeskanzlers - aufgrund der Zwänge unseres politischen Systems mit vielen Vetomächten (Bundesrat etc.) oder den Auswirkungen der Globalisierung bilanziert wird? Da hätte ich gerne mehr gehört.

Auch sind mir die Quellen zeitweise etwas dünn. Dies gilt insbesondere für das Kapitel über Gerhard Schröder, wo mir zu sehr auf (doch recht subjektive) Interviews mit Politikern - politischen Weggefährten oder innerparteilichen Gegnern - zur Urteilsbildung zurückgegriffen wird, obwohl erste Fachliteratur über die Bilanz der rot-grünen Regierung, die teilweise sogar zitiert wird, ja durchaus vorliegt.

Fazit: ein interessantes und spannend geschriebenes Buch, welches aber seine These, dass die drei portraitierten Politiker - Kohl, Schröder und Merkel - sich primär von ihren Machtinteressen leiten ließen und politische Ziele diesen Interessen unterordneten, nicht genügend beweist. Ansonsten: durchaus spannende, wenn auch aus meiner Sicht nirgends wirklich "neue" Informationen zu Biographie und Kanzlerschaft der drei Politiker. Wer solche Informationen sucht, ist mit diesem Buch gut bedient. Wer eine politische Analyse des Begriffes von Macht, Herrschaft und Macht bzw. Ohnmacht von Individuen im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklungen am Beispiel der drei Bundeskanzler erwartet, dürfte aber etwas enttäuscht sein.
Fazit
Insofern ein Buch mit Stärken und Schwächen. Insgesamt dennoch lesenswert.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 30. April 2009

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