Raymond Chandler: Der lange Abschied

Der lange Abschied

Verlag: Diogenes Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-257-20207-6

Preis: 10,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. November 2014]
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Chandler gehört - neben Dashiell Hammett, der mir persönlich noch besser gefällt - zu den bedeutendsten amerikanischen Kriminalschriftstellern. Chandler wurde am 23. Juli 1888 in Chicago geboren. Nach der Scheidung sseiner Eltern kam er 1896 mit seiner Mutter nach England, wo er bis 1905 das Dulwich College besuchte. Eine literarische Karriere war von der Familie weder geplant noch wurde sie zugelassen. Sechs Monate lang arbeitete er im Marineministerium; dann lief er, zum Entsetzen der Mutter, buchstäblich davon. Danach verdiente er seinen Lebensunterhalt mit journalistischer Arbeit. Im Ersten Weltkrieg kämpfte chandler zuerst bei den Kanadieern, zuletzt bei der englischen Royal Air Force. 1919 kehrte er in die USA zurück. Wahrscheinlich hätte er nie Kriminalgeschichten geschrieben, wenn er nicht in seinem bürgerlichen Beruf gescheitert wäre. Zeitweise soll er an der Spitze mehrerer Ölgesellschaften gestanden haben und seine Stellung während der großen Depression verloren, aber dies ist biographisch umstritten. Jedenfalls mußte er danach auf andere Art und Weise Geld verdienen. 1933 veröffentlichte er seine erste Erzählung in der Zeitschrift Black Mask. Es sollten 21 Kurzgeschichten und sieben Romane folgen, die seinen Weltruhm ausmachten.

Kenner sind sich uneinig, ob nun "The big sleep" (Der lange Schlaf), sein erster Roman aus dem Jahre 1939, oder "The long Goodbye" (Der lange Abschied, 1953) sein bester Roman ist. In jedem Fall hat er in den Romanen Motive seiner früheren Erzählungen eingebaut, wenn auch literarisch abgewandelt.

Während der Detektiv in den Erzählungen ganz verschiedene Namen trägt oder einfach in der Ich-Form berichtet, ist sein Name in allen Romane Marlowe. Dieser Marlowe ist ein Einzelgänger, der unter seiner harten, zynischen Schale ein weiches Herz hat. Er besitzt einen untrüglichen Sinn für Gerechtigkeit. Er hilft denjenigen, die das Recht auf ihrer Seite haben, und dies sind meistens die Armen, die Wehrlosen, die Betrogenen, die Ausgenützten. Marlowe geht es nicht so sehr um das Überführen des Mörders, sondern um soziale Gerechtigkeit. Philip Durham formulierte es folgendermaßen: "bei Chandler wird gemordet, gewiß, aber der Detektiv setzt sein Leben und sienen Beruf aufs Spiel, um soziales Unrecht jeder Art zu korrigieren: um die Schwachen zu schützen, um ethische Maßstäbe aufzurichten, um Leid zu lindern, um zu retten, was von den zerbrechlichen menschlichen Wesen noch zu retten ist." (zit. nach: Reclams Kriminal-Führer. Stuttgart: Reclam, 1978, S. 102).

Marlowe entstammt aus einer kalifornischen Kleinstadt, ca. 50 Meilen nördlich von San Francisco, hat keine lebenden Verwandten mehr. Er arbeitete als Ermittler für eine Versicherungsgesellschaft und auch für die Staatsanwaltschaft von Los Angeles, ohne deshalb ein früherer Polizeibeamter zu sein. Marlowe ist nicht korrupt. "Er nimmt von keinem Menschen schmutziges Geld und von keinem Menschen eine Beleidigung hin, ohne sie gebührend und leidenschaftslos zu vergelten. Er ist ein einsamer Mensch, und sein Stolz ist, daß Sie seinen Stolz respektieren, sonst würde es Ihnen bald leid tun, ihn kennengelernt zu haben." (zit. nach: Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive. - Frankfurt: Ullstein-Verl., 1989, S. 124).

Chandler erzählt die Abenteuer seines Detektivhelden in ungeheuer bildreicher Sprache. Was mich an ihm fasziniert, ist sein lakonischer Witz, der unwahrscheinlich "trocken" daherkommt. So heißt es in einem Kapitel des Romans: "Der lange Abschied": "Ich ließ ihn in seiner metallisch grauen Zelle stehen und entfernte mich durch das Wartezimmer. Es sah direkt hübsch aus jetzt. Nach diesem Zellenblock hatten die grellen Farben Sinn." (Der lange Abschied. - Zürich: Diogenes-Verl., 1975, S. 122. Übersetzung von Hans Wollschläger.

Hinter diesen kargen und treffenden Schilderungen steckt viel Gesellschaftskritik: Immer hat er es mit korrupten Polizisten, Verbrechern, Kapitalisten zu tun. Dies ist auch in dem Buch: "Der lange Abschied" der Fall. Clemens Meyer hat im Spiegel geschrieben: "Der lange Abschied ist ein Desillusionierungsroman. Stilistisch ist das Buch von einer absoluten Kühle und Klarheit, die für mich in der modernen Literatur unerreicht bleibt." [Daher bemüht sich Clemens Meyer wohl, den Stil dieser "hard-boiled Autoren in seinen Geschichten und Romanen zu kopieren, etwa in seinem Roman: "Als wir träumten" B.N.]. Wie auch immer: "Chandlers Romane und Geschichten erzählen "das Abenteuer dieses Mannes [Marlowe, B.N.] auf der Suche nach der verborgenen Wahrheit, und wäre es kein Abenteuer, widerführe es nicht einem Mann, der fürs Abenteuer geschaffen ist. Die Weite seines Bewußtseins wird Sie vielleicht etwas überraschen, aber sie gehört ganz legitim zu ihm, weil sie zu der Welt gehört, in der er lebt. Gäbe es genügend seinesgleichen, die Welt wäre ein Ort, so sicher, daß man darin leben könnte, und doch nicht so langweilig, daß es sich nicht mehr lohnte, darin zu leben." (Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordes. Zürich: Diogenes-Verl., 1975, hier zit. nach Jochen Schmidt, a.a.O., S. 12. Schmidt fügt hinzu: "Dem ist nichts hinzuzufügen." In der Tat.

Im "langen Abschied" hat Marlowe Mitleid mit einem stark betrunkenen jungen Mann, der von einer reichen Dame aus dem Auto geworfen wird. Er heißt Terry Lennox und wird Marlowes Freund. Lennox ist - als fünfter Mann - mit der verwöhnten Sylvia, Tochter des Multimillionärs Potter, verheiratet. Sylvia wird ermordet und Marlowe hilft seinem Freund, nach Mexiko zu fliehen. Marlowe ist überzeugt, dass Lennox unschuldig ist. Er beginnt daher, den Fall zu untersuchen. Niemand aber wünscht dies, auch Lennox nicht. Und Marlowe gerät von einem Wespennest ins andere.
Fazit
Harenbergs Literaturlexikon stellt wunderbar ironisch fest: "Marlowe wird nach den Erfahrungen, die er in diesem Roman macht, nie mehr einem scheinbar hilflosen Betrunkenen helfen." (Harenberg: Das Buch der 1000 Bücher. - Dortmund: Harenberg-Verl., 2002, S. 233). So ist es. Anlässlich seines 50. Todestages am 26. März 2009 hat der Diogenes Verlag die Werke Chandlers erneut aufgelegt. Sie sind wirklich lesenswert!

Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 19. April 2009

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