Claudia Bruns: "Politik des Eros". Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934)

"Politik des Eros". Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934)

Verlag: Böhlau Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-412-14806-5

Preis: 44,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 09. Dezember 2016]
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Dem Leser des umfassenden Buches von Claudia Bruns wird ein besonderer Denker vorgestellt, der einsam und vergessen 1955 in Berlin-Hermsdorf dahinschied. Man wird geführt durch das Werk eines Mystikers, der das Verhältnis von Politik und Männlichkeit um 1900 neu definierte: Der Philosoph und Schriftsteller Hans Blüher (1888-1955) ist kaum mehr bekannt. Dennoch ist er einer der prononciertesten Vertreter der Konservativen Revolution. Er schrieb die erste Geschichte des "Wandervogels" und war seinerzeit vor allem bekannt durch die überzeugende theoretische Verknüpfung der sozialen Erscheinungsformen des Männerbundes und der damals noch neuen Jugendbewegung.

Das Standardwerk zur "Konservativen Revolution" von Armin Mohler stellt bis heute fest: "Von einer Rezeption Blühers (...) kann allerdings nur bedingt gesprochen werden." Genauso kommt die Autorin zu dem Schluß, daß es eine Monographie über Hans Blüher oder eine Analyse seines Werkes nicht gibt. Sie trägt nun zur Füllung dieser Lücke bei, was nicht nur durch ein bisher nicht gekanntes umfassendes Werksverzeichnis Blühers am Ende des Werkes bestätigt wird.

Blüher entwarf in seinem Werk furchtbare Theorien zur wahren Männlichkeit bis hin zu der interessanten aber nicht notwendig akzeptierbaren Erkenntnis, daß die Homosexualität als höchster Zustand des Menschseins zu preisen sei. Das mann-männliche Eros galt Blüher als Grundlage von Staat und Gesellschaft, was als Theorem zumindest auf Thomas Mann, Gottfrid Benn oder Reiner Maria Rilke großen Eindruck machte. Blüher war damit und natürlich als Vertreter der Konservativen Revolution ein Seismograph für Spannungsfelder in der Moderne und wirft als erster die "Frauenfrage" auf. Die von Blüher proklamierte Kulturrevolution sollte eine Bewegung der männerbündischen Jugend gegen ihre Väter sein. Seine Mitstreiter stehen für ein Prinzip, das sich seit dem siebzehnten Jahrhundert durchsetzte, nämlich daß die Politik nicht nach dem Modell der Familie zu organisieren sei, sondern die Herrschaft des Landesvaters von einer Gesellschaft der Gleichen abzulösen sei. Und doch blieb die neue Grundlage der Politik wage: Umstritten war, ob neben den Männern auch die Frauen zu dieser Gesellschaft der Gleichen Zugang erhalten sollten.

Bruns Ausführungen zur Konservativen Revolution sind zwar nicht ganz wertfrei und nicht gewillt, dieses Phänomen aus seiner Zeit heraus zu verstehen - sicherlich eine Maxime redlicher und nicht normativ-gefesselter Wissenschaft -, wirft aber Blüher stellenweise "Unwissenschaftlichkeit" vor, was sich jedoch dadurch entkräften ließe, daß Blüher gar kein Wissenschaftler im heute verstandenen profanen Sinn sein wollte, sondern Mystiker. Dies merkt man an seinem späten Werk "Die Achse der Natur". Was nun der Leser vermißt, ist eine ausführliche Darstellung des Lebens Blüher bis in die 50er Jahre sowie eine Analyse seines Spätwerkes. Dies hätte die vorliegende durchaus notwendige Monographie noch vervollständigt. Ebenso ignoriert Bruns politisch korrekt und beflissen die eigentlich nicht mehr zu ignorierende Studie Karlheinz Weißmanns zum Thema. Sie nennt sich "Männerbund" und beinhaltet Exkurse zu Themen wie Frauenbünde, Ekstatische Geheimbünde, Homoerotik oder Mithraskult.
Fazit
Die Autorin schildert in ihrer Studie dennoch recht gut das Spannungsverhältnis zwischen der Emanzipation der Homosexuellen und der politischen Selbstinszenierung wahrer Männlichkeit im 20. Jahrhundert.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 22. März 2009

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