Ernst Jünger: Annäherungen. Drogen und Rausch

Annäherungen. Drogen und Rausch

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-608-93841-8

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Der moderne Glaube an das autonome Subjekt, an die Vernunft und die Wissenschaft als Mittel der Welterkenntnis sind bei Ernst Jünger im 1. Weltkrieg zerstört worden. Er sah den Krieg als Nullpunkt, der die Chance eröffnete, die eigenen Ideale zu verwirklichen. Gegen den potentiellen Nihilismus einer materialistischen pluralistischen Zeit sehnte er sich nach der Gewißheit eines religiösen Zeitalters. Es verband sich die konservative Haltung mit dem aktivistischen Abenteuer zu etwas Neuem, einer neuen Ordnung.

Eine neue Ordnung meint hier die Möglichkeit, wieder den Raum für menschliche Leidenschaften zu eröffnen, die Fülle des Lebens zu ermöglichen. Es war eine ästhetische Vision: eine heroisch-monumentale Zeit mit fanatischen Überzeugungen, totaler Mobilmachung aller Ressourcen und schließlich für den Sieger das Recht, eine grandiose Ordnung zu etablieren.

Als Annäherungen betitelte Ernst Jünger seine Aufzeichnungen zum Themenkomplex Drogen und Rausch, die 1970 zum ersten Mal erschienen sind und Texte beinhalten, die einen persönlichen Aufbruch zu etwas Neuem, zu einem Abenteuer neuer Bewußtseinszustände darstellen, nicht zuletzt, um die Fülle des Lebens auf allen Ebenen zu erfahren. Es handelt sich um Annäherungen an Grenzen, die nicht überschritten werden, an Geheimnisse, die wohl erahnt, jedoch nicht gelüftet werden können. Denn mehr als eine Annäherung vermag laut Jünger keine Droge dieser Welt zu leisten, die letztendliche Erfüllung der Begier wird dem Forschenden stets versagt bleiben. Bis dahin experimentierte Jünger leidenschaftlich aber mit dem Ziel des tieferen Erkenntnisgewinns mit Drogen.

Es geht in diesen Texten um seine individuelle Annäherung an die Droge, und zwar in Form eines spannenden Tagebuchs. Es sind rückschauende Reisen in den Erinnerungsspuren intensiv erlebter Vergangenheit. Die glücksgesättigte Erfahrung des Augenblickes - bei Jünger in der Begegnung mit der Natur, weniger mit Menschen - steht in Kontrast zu einer zivilisationspessimistischen Haltung, die zu Untergangsprognosen neigt. Er forscht immer nach Neuem und hält seine Beobachtung akribisch fest. Das Ziel des Lebens ist für ihn das aushalten der immanenten Widersprüchlichkeiten, Immanenz und Transzendenz haben eine reife Konstellation erfahren. Die menschliche Existenz unterliegt den Achsen der Transzendenz, der Spiritualität des göttlichen Plans und der der körperlichen, naturhaften und existentiellen Materialität.

Der Versuch, beide Achsen zur Deckung zu bringen führt zur Zerstörung der Realität unseres Lebens, zur Aufhebung der sinnvollen Entspannung zwischen den beiden Achsen. Drogen können auch nur eine Annäherung an die Deckungsgleichheit dieser Achsen sein, niemals aber der Weg zur völligen Kongruenz. Das mannhafte Aushalten der Gegensätze bildet weiter das Zentrum der Welt.

In 315 Abschnitten, die durch einige Kapitel ("Parerga") ergänzt werden, berichtet Ernst Jünger im essayhaften Ansatz dieses Buches. Das Thema wird zwar nicht erschöpft, erarbeitet, aber beinhaltet die Abarbeitung umfassender Literatur (Beaumarchais, Dostojewski, Baudelaire, Rimbaud, Maupassant) zum Thema Rausch und Droge. In subtiler Weise untersucht Jünger die Verstärkung des Rauschs durch höhere Dosierungen. Es ist immer wieder ein Vortasten, das sich der Grenzen bewußt bleibt, sie aber nicht überschreitet.
Fazit
Das Nachdenken über den Rausch und die Erklärungen über Drogen helfen dabei, die literarischen Werke, die Jünger zitiert, besser zu verstehen. Er legt aber keine Anleitung zum Drogenverzehr vor, wohl aber eine metaphysische Annäherung: "Jeder Genuß lebt durch den Geist. Und jedes Abenteuer durch die Nähe des Todes, den es umkreist."
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 22. März 2009

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