Willi Winkler: Die Geschichte der RAF

Die Geschichte der RAF

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Dokumentation
ISBN-13 978-3-87134-510-4

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Ein Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR meinte einst zur Revolte von 1968, daß sich das neurotische Verhalten und die archaische Struktur bei den Studenten fest ausbilde, so etwa bei Andraes Baader, der als Prolet der RAF gesehen wird. Die Oppositionsgruppen im Frühstadium seien nicht unter politischen Maßstäben zu sehen. Und in der Tat: Erst im parallelen Verlauf zur Destabilisierung des politischen Systems haben die oppositionellen Gruppen in ihrer Gründung und Wirkung politischen Erfolg. Die Anarchie und der kleinbürgerlich-ultralinke Guerillerismus gipfelten für die MfS-Gutachter schon früh in einer pseudolinken terroristischen Organisation, der RAF. In ihr bildeten sich schnell Anführer, Aktive, Mitläufer, äußerer und innerer Kreis heraus. Der Zusammenhalt erfolgte über die Ideologie, welche auch das Gruppenmilieu prägte.

Die "revolutionären Kader" der Rote Armee Fraktion (RAF) wollten das Volk gegen die Obrigkeit aufbringen. Am Ende wurde es, wie von Heinrich Böll befürchtet, ein "Krieg von sechs gegen sechzig Millionen". Das Unbehagen, das die Terroristen in der Wohlstandsgesellschaft verspürten, verband sie mit einem großen Teil ihrer Generation.

Auch wenn ein "Guerillakampf" in Deutschland sinnlos war - die Terroristen glaubten, ihn mit allen Mitteln führen zu müssen. Der "faschistische" Staat wird als Feind empfunden und Widerstand gegen ihn als notwendig erachtet. Der Widerstand solle dafür sorgen, daß der Faschismus nie wiederkehre. Die Besitzlosigkeit und die Illegalität galten vielen Aktiven und Mitläufern als einzige mögliche Lebensformen. Militärische Ausbildungen in Jordanien und Beschaffungsaktionen von Waffen waren schnell geregelt. Die RAF war eine Gruppe nach dem Vorbild der Stadt-Guerilla in Brasilien. Das Denken war geprägt von rationalem Kalkül und mit hoher Opferbereitschaft. Was hat diese Bürgerkinder so weit gebracht, dem Staat den Krieg zu erklären? Gab es vernünftige Gründe für ihren Extremismus? Was war die RAF, wer waren die Soldaten dieser Freischärlerarmee?

Nun hat wiederum ein Journalist eine "Geschichte der RAF" vorgelegt: Willi Winkler (geb. 1957), bislang eher als Kulturkritiker und Polemiker in der "Süddeutschen Zeitung" bekannt. Es geht dem Autor um eine Kontextualisierung der RAF, die Einbettung ihrer Geschichte in die Nachkriegszeit. Seine Hauptthese: Die RAF habe sich zum "Werkzeug der Studentenbewegung" gemacht und sei "erst in der Reaktion auf staatliche Gewalt in Terror" umgeschlagen. Er mag damit Recht haben oder nicht. Eindeutig ist, daß generell das Primat der Praxis und des gewaltbereiten Handelns gegen den Staat galt und nicht mehr das der Theorie, wie 1968 noch üblich. Hier nützt es auch nicht zu fragen, wer angefangen hat.

Kaum angemerkt wird im vorliegenden Buch folgendes: Die Gewalt wurde auch durch den Verfassungsschutz zunächst in die Außerparlamentarische Opposition (APO) hineingetragen, um sie dann diskreditieren zu können. Das Wirken dieser Art von offensivem Vorgehen der Inlandsgeheimdienste spitzte die Situation zu, ließ das Märchen von der Gewaltbereitschaft Dutschkes entstehen und war natürlich in Reaktion auch der Entstehung der RAF förderlich. Was der Autor ebenso nicht sieht, ist, daß es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ohne die tödlichen Schüsse auf den Studenten Benno Ohnesorg in Kombination mit dem offensiven Wirken des Geheimdienstes zur Gründung einer bewaffneten, sich als "Guerilla in den Metropolen" verstehenden Gruppe gekommen wäre.

Wie bei der APO wirkte auch bei der RAF die revolutionäre Selbstfaszination. Sie war der leidenschaftliche Impetus. Die Wirkung: Die politisch und gesellschaftlich links orientierten, antiautoritären, hedonistischen Ansätze der RAF haben große Teile des Establishments stark verunsichert. Ohne die RAF und ihre Gewalttaten wären der Radikalenerlaß und die massive Aufrüstung der Polizei nicht möglich gewesen. Die Angehörigen der Widerstandsgruppen haben sich in einer außer Kontrolle geratenen Gewaltspirale für staatliche Maßnahmen instrumentalisieren lassen.

Als Ausdruck des politischen Existenzialismus ist zu werten, daß in der Gewalt der Ausweg gesehen wurde. Diese politische Romantik ließ keine Reflexion zu. Sie ist das Ende des Denkens, wie es der Staatsrechtler Carl Schmitt schon erkannte. Nur der Ekel am System treibt voran. Aus Sicht der RAF war die Revolution eine Sache der Unmittelbarkeit, und sie war real. Alle anderen wurden als karrieristische Spießer gesehen. Unmittelbarkeit der Revolution bedeutet, daß die Revolution zum Subjekt erklärt und ihr die Rolle des Schicksals zugeschrieben wird. Über eine feste Organisation wurde militärische Disziplin eingeführt. Kampf und Unterwerfung werden hochstilisiert. Die RAF besaß ihre eigene Kausalität.
Fazit
Winkler schildert hier in Grundzügen die gesamte Geschichte der RAF. Gäbe es nur diese Publikation, so würde der Leser so manches wichtige Detail vermissen. Die zwar an sich zuverlässige Darstellung ist stellenweise dennoch etwas zu kurz gegriffen.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 21. März 2009

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