Ryan Knighton: Augenzeuge - Die Geschichte meiner Erblindung

Augenzeuge - Die Geschichte meiner Erblindung

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-498-03539-6

Preis: 2,28 Euro bei Amazon.de [Stand: 30. September 2016]
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Die Zukunft des Fünfzehnjährigen Ryan Knighton aus Langley, einer kanadischen Kleinstadt nahe Vancouver, scheint vorgezeichnet zu sein. Er wird neben der Schule einen Job annehmen, schon vor dem 18. Lebensjahr die Fahrprüfung ablegen und später ein Studium beginnen. Während seines Ferienjobs als Lagerarbeiter baut Ryan einen Unfall mit dem Gabelstapler. Ryan ist sich keiner Schuld bewusst; er ist überzeugt, dass er den Kollegen, den er beinahe überfahren hätte, nicht erkennen konnte. Die ersten Hinweise darauf, dass Ryans Sehfähigkeit sich rapide verschlechtert, nimmt zu diesem Zeitpunkt noch niemand wahr. Fünfzehn ist kein Alter, in dem ein Jugendlicher über seine Sehfähigkeit nachdenkt oder sich für behindert hält. Ryan fällt nun im Lager die Rolle Tollpatsches zu, den man besser nicht den Gabelstapler fahren lässt. Ryan besteht den Sehtest für den Führerschein, legt seine Fahrprüfung ab und parkt bei seinen ersten Fahrversuchen die Familienkutsche formvollendet plus demoliert an einer unmöglichen Stelle. Das Auto kann nur per Abschleppwagen wieder herausgeholt werden. Ryans Vater ist stocksauer. Als Knighton junior sich mit knapp 18 Jahren vom Augenarzt untersuchen lässt, lautet dessen vernichtende Diagnose: Retinitis Pigmentosa, eine degenerativen Erkrankung der Netzhaut, die zur Erblindung führt. Ryans Gesichtsfeld hat tatsächlich Löcher und er ist völlig nachtblind.

Die Konsequenz der Diagnose verdrängt Ryan zunächst. Wie fast jeder Junge seines Alters zieht er aus der Kleinstadt nach Vancouver, um dort zu studieren. In der neuen Umgebung muss Ryan sich der Tatsache stellen, dass er zwar in der Uni einigermaßen zurecht kommt, aber ohne Hilfe anderer kaum selbstständig in Discos und Kneipen unterwegs sein kann. Der nächste Schritt ist ein Mobilitätstraining mit dem weißen Blindenstock. Den Stock tatsächlich zu benutzen und damit die eigene Behinderung für alle anderen sichtbar anzunehmen, fällt Ryan erheblich schwerer als das Training. Wohl wissend, dass er mit seiner verbliebenen Sehfähigkeit ohne Hilfe noch nicht einmal das Kneipen-Pissoir allein finden kann, leistet Ryan sich Phasen, in denen er seine Behinderung schlicht ignoriert. So reist er gemeinsam mit Freundin Tracey nach Südkorea, wo beide als Englischlehrer an einer Privatschule arbeiten wollen. In Südkorea gibt es offiziell keine Blinden, keine weißen Stöcke und erst recht keine blinden Lehrer, die sich eine Glatze rasiert haben. Um Ryans Blindheit in der Öffentlichkeit zu verbergen, muss er sich wie ein unselbständiges Kind von Tracey führen lassen. Eine groteske Situation, die die Frage aufwirft, wie stark Ryans Behinderung die Beziehung zu Tracey belastet und wie er mit der Abhängigkeit von seiner Partnerin umgeht. Während Ryan längst mit allen technischen Hilfsmitteln für Blinde erfolgreich berufstätig ist, macht er einen weiteren Schritt, um seine Behinderung anzunehmen als er sich für ein Ferien-Camp nur für blinde Teilnehmer anmeldet. Die Begegnung mit anderen erwachsenen Blinden bestätigt Ryan in dem, was er schon immer wusste: Blindheit ist kein dominierendes Merkmal, jeder von ihnen ist unter anderem blind, aber jeder von ihnen hat sein persönliches Schicksal, seine individuellen Macken.

"Für mich ist Sehen mehr ein Erzählen" berichtet der Autor. Die Illustration des Buchtitels ergänzt Knightons Aussage auf bemerkenswerte Art. Wir sehen die schwarz gekleidete Figur eines Mannes, dessen Kopf keine Gesichtszüge zeigt. Das Gesicht wird allein durch eine schwarze Brille angedeutet, die weiße Fläche lässt uns Knightons kahlen Kopf assoziieren. Die rechte Hand locker in der Tasche, trägt der Titelheld einen ausgezogenen Blindenstock unter dem Arm, der in einem künstlichen Augapfel endet. Er hat den Stock weder zusammengefaltet noch ergriffen, die Hand in der Tasche demonstriert seine Distanz zum Blindenstock.
Fazit
Ryan Knighton macht seine Leser zum Augenzeugen tragikomischer Szenen, bis sich der Ich-Erzähler allen Etikettierungen zum Trotz schließlich als blinder berufstätiger Mann mit einer festen Partner-Beziehung annehmen kann. Als virtuoser Erzähler mit Sinn für Situationskomik entlarvt Knighton unseren Umgang mit Behinderten, spiegelt, wie wir aus Unwissenheit oder Unsicherheit Behinderte wie kleine Kinder behandeln, die nicht für sich selbst sprechen können. Hucky Meiers stilsichere Übersetzung harmoniert elegant mit Knightons Sprache und Temperament.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 06. März 2009

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