Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente

Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-499-55705-7

Preis: 4,27 Euro bei Amazon.de [Stand: 05. Dezember 2016]
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Als ästhetische Manifestation der industriellen Zivilisationsdynamik erschütterte der italienische Futurismus um F. T. Marinetti Anfang des 20. Jahrhunderts das sich sicher währende politische und künstlerische Italien. Nach allen gravierenden Umwälzungen stellen sich alte Fragen heute wieder neu: Was verbindet Avantgarde, Totalitarismus und ein radikaler Technizismus? Auf das in derartigem Stil 1909 im "Figaro" veröffentlichte Gründungsmanifest des italienischen literarischen Futurismus von F. T. Marinetti folgte eine Flut von Manifesten zu fast allen künstlerischen Bereichen sowie zur Politik. Mit Marinetti gaben U. Boccioni, C. Carrà, L. Russolo und G. Balla 1910 beispielsweise das "Manifest der futuristischen Malerei" heraus, gefolgt vom "Technischen Manifest der futuristischen Malerei".

Fotodynamismo, anti-graziöse Musik, das Kino und die "Malerei der Töne, Geräusche und Gerüche" dienen den Futuristen zur Verherrlichung der Schnelligkeit, des Dynamismus und damit der wieder zum Leben erwachten Formen. Das erste Manifest des Futurismus von Marinetti stößt bei den Malern Balla, Boccioni, Carrà, Russolo und Severini auf ein positives Echo. Diese Futuristen, die sich zunächst um Marinetti sammelten, deklarierten sich zur Avantgarde der modernen Kunst. Das erste Manifest - es wurde verkündet von der Bühne des Chiarella Theaters in Turin - formulierte die Rebellion der Künstler gegen die Vulgarität und gegen die Nachahmung in der bildenden Kunst. Im Mittelpunkt stand stets das Verhältnis der Künstler zu der sie umgebenden Gesellschaft. Thematisch erklären die Künstler in dieser Schrift, daß ihre Kunst - die einzig lebensfähige - ihre Elemente in der sie umgebenden Umwelt finde. Das zweite Manifest diente der Darlegung der technischen Umsetzung dieser Rebellion. In diesem und den folgenden wurde die Entstehung eines futuristischen Menschen proklamiert, der aus der Verschmelzung mit der Maschine, der für die Futuristen hervorragensten aller menschlicher Erfindungen, hervorgehen sollte.

Das vorliegende Buch nun vereint alle Texte zum Futurismus in übersetzter Originalversion und ist damit eine einmalige Fundgrube. Zugleich scheinen damit alle Kanäle neu auf, die der Futurismus mit heilbringendem Nektar zu fluten trachtete: die Politik, die Musik, die Malerei, die Kunst, die Technik, den Menschen selbst und die Lyrik. Die Maschine wird als neuer, lebendiger, menschlicher Körper beschrieben, der den organischen multipliziert. Eines der späteren Manifeste Marinettis von 1914 trägt den Titel "Der multiplizierte Mensch und das Reich der Maschine". Proklamiert wurde ein Maschinenmensch mit austauschbaren, technischen Körperteilen. Als Inbegriff der Moderne galt bei den Futuristen das Automobil. Geschwindigkeit und Schnelligkeit stellten eine neue, rauschhafte Erfahrung dar. Die Welt war auf einmal verknüpft. Im Stadium der Bewegung in der Maschine konnte man erstmals eins werden mit der Welt. Interessant sind die im Buch enthaltenen Abbildungen, die Marinetti selbst in seinem Wagen zeigen. Voll des Ausdrucks blickt er dem Leser entgegen, als wolle er sagen:

"Liebe die Welt!"
"Sei gegen die Gichtigen und die Opportunisten!"
"Lebe die universelle Mobilität!"
"Gib dich der größtmöglichen Steigerung der Lebens- und Wahrnehmungsintensitäten hin!"

Und in der Tat sind es die diversen futuristischen Manifeste für viele Bereiche, welche diese neuen Lebensformen stets einforderten. Sie gipfeln in dem Appell:

"Wir wollen den Krieg preisen, diese einzige Hygiene der Welt!"

Die bestehenden ästhetischen Ordnungen sollten von einem Lebensgefühl der technisierten Welt abgelöst werden. Das zweite Manifest belegt es:

"Mit dieser (...) Zustimmung zum Futurismus wollen wir: (...) das heutige Leben, das die siegreiche Naturwissenschaft unaufhörlich und stürmisch verwandelt, wiedergeben und verherrlichen."

Der Futurismus reagierte damit auf die Veränderungen nicht nur der aktuellen Lebensbedingungen. Die Beschleunigung der Bewegung, die Schnelligkeit, der neue Dynamismus, die revolutionären Veränderungen im Nachrichten- und Transportsystem, alle Elemente wurden durch die Publikation der Manifeste zum Ausgangspunkt und zur Basis der avantgardistischen Programme. Sie mußten in die Rebellion münden. Der wichtigste Beitrag futuristische Malerei sind ihre Studien zur Bewegung. Die Anschauung der Dinge in den Werken der Futuristen sah den Menschen nicht mehr als Mittelpunkt des Lebens. Vielmehr ist es der Schmerz des Menschen. Er ist für sie dasselbe wie der Schmerz einer chronisch zuckenden Glühlampe.

Die futuristischen Kundgebungen in den Sälen italienischer Städte waren begleitet von Spannung: Als Marinetti mit seinen Gefolgsleuten die Bühne betrat, herrschte Totenstille. Marinetti und seine Jünger brüteten an einem runden Tisch inmitten des Saales.

Da!
Plötzlich erhebt sich Marinetti.
Die Menge zuckt auf!

Er verkündet seine Forderungen. Er erntet Beifall, auch dann, wenn er fordert, der Beifall sei sentimentales Relikt der alten Zeit. Der Enthusiasmus ist nicht mehr zu brechen. Die Kundgebung endete in einer Saalschlacht sondersgleichen.

Die zentralen Texte zur politischen und ästhetischen Theorie des italienischen Futurismus, insbesondere der Einfluß Gabriele d’Annunzios und seiner Ausformung eines modernen Übermenschen auf den Futurismus in Anlehnung an den Philosophen der italienischen Achsenmacht Deutschland, Friedrich Nietzsche, werden vom Herausgeber überzeugend dargelegt. Und immer wieder überwältigend ist der originale Wortlaut der futuristischen Manifeste, die das Schlachtfeld als eine einzige erregte Vagina betrachteten, die sich den Kriegern öffnet, weswegen der Futurist Revolutionär, Patriot und zuletzt Sturmsoldat aus Liebe zum Neuen ist. Er glaubt, haarlos dort stehend, denn der Futurismus hat keine Haare, an das, was Marinetti ihm vorher noch zurief:

"Ihr Schuldet der Menschheit Helden - Gebt sie ihr!"

Und so läßt der "Hymnus an den Tod" nicht auf sich warten:

"-Hurrah! Hurrah! Alles haben wir besiegt,
alles haben wir gekostet und zerstört, und nun
trinken wir in langem Zug den Trank des Todes,
diesen klaren Sternentrank, der ewig leuchtet...."

Gegen das Geflenne der Menge geht der Futurist in der Theorie Marinettis mutig durch den menschlichen Schmerz, denn was Frauen ebenso wie Männern am meisten fehle, ist Mannheit, und diese will er jetzt im heldenhaften Leben beweisen. Ähnlich kämpferisch ist auch die abgedruckte Rede Gottfried Benns auf Marinetti. Benn preist darin beim futuristischen intellektuellen Helden "die Härte des schöpferischen Lebens". Immer wieder sind es vor allem geballte Wortfetzen, die den Futurismus am besten auszudrücken vermögen:

"Explosives Leben, Anti-Kultur, Anti-Sentimental, Religion der Neuheit, Anti-Egalitarismus, Schöpferische Intuition, Ästhetik der Maschine, Destruktion der Syntax, Kraft-Linien, Physischen Transzendentalismus, Schöpferische Genies, Simultanes Leben, Heilige Kunst, Anti-Museum, Marschierende Synoptische Deklamation, Abstrakte Malerei aus Gerüchen, Tanz des multiplizierten Körpers." Die Forderungen steigen ins unermessliche:

"DER GEBRAUCH DES PARFÜMS IST DURCH DEN ÜBLER GERÜCHE ZU ERSETZEN. LASST IN EINEN BALLSAAL FRISCHEN ROSENDUFT EINDRINGEN, UND IHR WERDET EUCH IN EINEM EITLEN, VERGÄNGLICHEN LÄCHELN WIEGEN, ABER LASST DEN SAAL VON DEM TIEFGRÜNDIGEREN GERUCH DER SCHEISSE DURCHDRINGEN (...) UND IHR WERDET IHN IN HEITERKEIT UND FREUDIGE ERREGUNG VERSETZEN."
(Aldo Palazzeschi: "Der Gegenschmerz")
Fazit
Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum des Futuristischen Manifestes ist dieses Buch die Beste aller Grundlagenlektüren. Und anstatt nur darüber zu schreiben, zeigt es am Ende doch zahlreiche lohnender Wege für eine Revitalisierung des Manifests auf, sei es auch nur, daß man in "fiebriger Schlaflosigkeit" und im "Laufschritt" jetzt damit beginnt, die Monotonie des Alltags und des medial gehegten Moralismus gnadenlos zu durchbrechen und schließlich selbst noch über den eigenen Tabubruch befreiend aber stilvoll zu lachen!
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 28. Februar 2009

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