Emmanuel Todd: Weltmacht USA - ein Nachruf

Weltmacht USA - ein Nachruf

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-492-04535-3

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Emmanuel Todd, Wissenschaftler am "Institut National d'Etudes Demographiques" ist bekannt geworden durch sein Buch "Vor dem Sturz: Das Ende der Sowjetherrschaft". Dort sagte er 1976 aufgrund demographischer Faktoren (Rückgang der Geburtenzahlen) das Ende der damaligen UdSSR als Supermacht voraus. Er behielt recht - 15 Jahre später löste die USA die Sowjetunion als einzig übriggebliebene Hegemonialmacht ab. Aus dem sogenannten "gutmütigen Hegemon" wurde - so Todd - eine "räuberische Macht", die einzig und alleine ein Ziel verfolge: die "weltweite politische Kontrolle über die Ressourcen des Planeten". Die USA sei im Kern keine demokratische, sondern eine oligarchische Macht, der nicht mehr daran gelegen sei, die "liberaldemokratische Ordnung zu verteidigen". Die von Michael Doyle (und - was der Autor leider nicht sagt - von Ernst-Otto Czempiel) entwickelte Theorie, nach dem Demokratien untereinander keine Kriege mehr führten, treffe auf die USA nicht mehr zu, da soziale Ungleichheit und oligarchische Interessengruppen die Politik der USA (wie auch der westlichen Welt) beherrschten. Amerika, so Todd dezidiert, sei keine liberale Demokratie mehr, sondern eine Oligarchie. So könne man nicht einmal mehr von vornherein die strategische Hypothese ausschließen, dass Amerika auch demokratische Staaten angreife (S. 36).
In Anlehnung an Gedanken von Paul Kennedy (dessen Werk er zitiert) konstatiert Todd eine Überdehnung der amerikanischen imperialen Macht. Im Gegensatz zu früheren Imperien, etwa dem "alten Rom" fehlten den USA jedoch militärische und ökonomische Zwangsmittel, um das gegenwärtige Niveau der Ausbeutung des Planeten aufrechtzuerhalten (S. 106). In Zeiten der Bipolarität, so Todd in Anlehnung an eine These von Joseph Nye ("Das Paradox der amerikanischen Macht", EVA, 2003) habe Amerika durch sogenannte "Soft Power", im Kern also durch die Anerkennung seiner demokratischen Werte und seiner Kultur, seine Vormachtstellung begründet. Jedoch sei nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem Vormarsch der Demokratien Amerika als Macht überflüssig geworden und keine "unverzichtbare Nation" (er zitiert hier die US-Außenministerin unter Clinton, Albright, S. 26) mehr. Außerdem sei die USA wirtschaftlich - im Gegensatz zum 19. Jahrhundert - von den anderen Staaten wirtschaftlich abhängig, da es, um sein Handelsbilanzdefizit auszugleichen, Kapitalzuflüsse benötige und nicht mehr alleine von seiner eigenen Produktion leben könne (eine meines Erachtens sehr fragwürdige These, da die USA wirtschaftspolitisch wie auch militärisch nach wie vor die Nummer 1 auf der Welt sind). Aus diesen Gründen komme es insbesondere in den USA zu einem Niedergang der liberalen Demokratie, die zum Krieg führen könne (S. 36). Dieser "demonstrative Militarismus Amerikas" (S. 241) führe schließlich dazu, dass sich die anderen Mächte der Erde, Europa, Japan und Russland (dessen politische Entwicklung Todd meines Erachtens viel zu enthusiasistisch beschreibt) gegen den Hegemon zusammenschlössen. Jeder Schritt Amerikas, die Kontrolle über den Planeten zu behalten, führe zu neuen Problemen, da der Anspruch auf Weltherrschaft überzogen und unerreichbar sei. Todd: "Amerika hat nicht die militärische Macht des antiken Rom. Amerika kann über die Welt nur herrschen, soweit die tributpflichtigen herrschenden Schichten der Peripherie damit einverstanden sind" (S. 130). Da die USA jedoch die Verbündeten nicht von gleich zu gleich behandelten, sei dieses Einverständnis nicht mehr gegeben. An anderer Stelle prognostiziert Todd, dass es im Jahre 1950 die Weltmacht Amerika nicht mehr geben werde (S. 106).
Fazit: eine stabile weltweite Hegemonie werde es nicht mehr geben, sondern die Weltordnung werde letztlich multilateral sein: "Die Welt, die dadurch entsteht, wird kein Weltreich mehr sein, in dem eine einzige Macht das Sagen hat. Wir werden es vielmehr mit einem komplexen System zu tun haben, in dem sich etliche Staaten und Metastaaten ausbalancieren, die gleichgewichtig sind, ohne gleich im eigentlichen Wortsinn zu sein" (S. 244).

Man kann die Schlussfolgerungen durchaus teilen, die der Autor durch Quellen und Tabellen zu belegen versucht. Er argumentiert jedoch meines Erachtens durchaus überspitzt und vernachlässigt wichtige Faktoren, um seine Prognosen plausibel zu belegen. Zwar gelingt ihm glänzend der Nachweis des Zusammenhanges zwischen Alphabetisierungs-Quote, Bildungsfortschritt, Geburtenkontrolle und Demokratie (Kapitel 1). Auch der Zwiespalt der Imperien, die aufgrund kultureller und militärischer Überlegenheit entstehen, sich dann jedoch bei der Machtausdehnung übernehmen, wird gut herausgearbeitet (Kapitel 3). Jedoch werden kulturelle Dimensionen (etwa Traditionen des Glaubens, wie sie Huntington aufzeigt, dessen Buch bezeichnenderweise sehr negativ besprochen wird) ebenso sehr vernachlässigt und ethische, kulturelle und religiöse Spannungen als "Übergangskrisen" abgetan, die sich mit der erfolgreichen Bewältigung der Moderne lösten und keinen Rückschritt anzeigten. Diese seien "Ausdruck von Regelverlusten in Übergangszeiten" und gehörten folglich zum Prozess der Modernisierung. "Auf den Umbruch folgt automatisch eine Stabilisierung" (S. 53/54). Diese rein demographisch-soziologische Sichtweise vernachlässigt die Gefahr dieser Spannungen und unterschätzt das Bedürfnis der Menschen nach geistiger Orientierung.

Auch wird der Prozess der Globalisierung viel zu schematisch dargestellt. Hier widerspricht sich der Autor meines Erachtens, wenn dieser Prozess einerseits als Folge der amerikanischen ökonomischen Dominanz auf der Welt dargestellt wird (S. 30), diese aber andererseits den USA schadeten (S. 30), eine Argumentation, die ich angesichts der wirtschaftspolitischen Macht der USA nicht teilen kann.
Außerdem werden Akteurstheorien nicht angesprochen. Politik wird nun einmal von Menschen gemacht, die eigene Wahrnehmungen und Weltbilder besitzen. So ist das Weltbild von Bush diamentral dem von Clinton entgegengesetzt. So wird allen Ernstes der Rückgang des Universalismus, insbesondere in den Außenbeziehungen betont (Kapitel 5, insbesondere S. 146), ohne zu belegen, ob es ein solches Prinzip (die Anerkennung der Gleichheit der Völker, ein wichtiges Element von Imperien, ihre Herrschaft zu legitimieren) in der amerikanischen Geschichte je gegeben habe (entsprechende Behauptungen, die Nachkriegszeit nach 1945 sei ein Beispiel für amerikanischen Universalismus werden nicht bewiesen). Ob daher eine solche Epoche wirklich vergangen ist, wird nicht belegt.
Fazit
Ein insgesamt durchaus eindrucksvolles Buch mit besonderen Stärken bei der Darlegung des Zusammenhanges der Variablen Bevölkerungsentwicklung, Alphabetisierung, Bildung und Demokratisierung und der daraus resultierenden Bemühung, den Niedergang der amerikanischen Macht plausibel zu begründen. Andere Thesen Todds, insbesondere im wirtschaftlichen Bereich, sind jedoch nicht belegbar. Außerdem sollten bei der Untersuchung die sogenannten "neutralen Theorien", wie Aggressionstheorien, Systemtheorien und vor allem Akteurstheorien zur Erklärung des Niederganges der "Weltmacht USA" mit einbezogen werden. Insofern ist das Buch einerseits durchaus interessant zu lesen und teilweise sogar faszinierend. Es bleibt andererseits stellenweise jedoch spekulativ und kann nicht alle aufgestellten Thesen wissenschaftlich plausibel belegen.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 29. Mai 2003

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