Alexander Rahr: Wladimir Putin: Der Deutsche im Kreml

Wladimir Putin: Der Deutsche im Kreml

Verlag: Universitas Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-8004-1408-6

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Die von dem Gorbatschow-Biographen Alexander Rahr neu vorgelegte Putin-Biographie ist schlicht hervorragend. Lebenslauf und Politik - insbesondere die Kapitel, welche die Verflechtung der Oligarchen mit Wirtschaft und Politik insbesondere in der zweiten Amtszeit von Boris Jelzin beschreiben - im Westen bekannt sind insbesondere die Magnaten Beresowski, Gussinski und Abramowitsch, geben einen für mich in dieser Weise nicht gekannten Einblick in die Mechanismen russischer Politik. Gerade der Einfluß der Oligarchen war immer nicht "greifbar", jedoch - hier ist westlichen Analytikern völlig recht zu geben - war die Politik Jelzins ohne diese Oligarchen nicht zu fassen. Etwas nüchterner fällt - in diesem Stadium naturgemäß - die Bilanz der ersten Schritte der Politik von Putin aus. Die Frage, ob Putin ein neuer "Andropow" sei (S. 248) bleibt offen. Ob Putin wirklich das Image eines aufgeklärten Herrscheers vermittelt - so Rahr -, der Reformen nach dem "chinesischen Modell" durchsetzen wolle und als Ziel habe, die Rückkehr eines starken Ordnungsstaates zu erreichen, ist offen. Zweifelhaft bleibt für mich die Feststellung, diese Politik solle ohne Aufgabe der in den letzten Jahren errungenen demokratisch-liberalen Werte geschehen - die Angriffe auf die Pressefreiheit (siehe den Druck auf das Imperium von Gussinsky und den unabhängigen Fernsehsender NTV) sind doch zu offensichtlich. Für mich zeichnet Rahr ein zu positives Bild von Wladimir Putin. Interessant ist jedoch die Konstatierung der schon mehrfach bekannten Deutschfreundlichkeit des neugewählten Präsidenten durch Rahr. Welche zukünftige Politik von dem neuen Kremlchef jedoch zu erwarten ist, wird nur sehr sporadisch behandelt und bleibt noch äußerst vage. Interessant sind insbesondere die machtpolitischen Betrachtungen der Biographie. Auf S. 46 konstatiert er, neben Putin seien der Sekretär des nationalen Sicherheitsrates, Sergej Iwanow und Putins Nachfolger als Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Patruschew, Mitglieder der neuen "Troika", die Rußland regiere. Eindrucksvoll auch die wirtschaftlichen Zahlen, die die Misere Rußlands deutlich machen. Diese Mißstände sind dem Präsidenten, wie aus seiner kürzlich erfolgten Ansprache an die Nation deutlich wurde, sehr bewußt. Rußland, so konstatierte er, sei wirtschaftspolitisch auf dem Stand eines Entwicklungslandes. Sein hartes Vorgehen gegen die Gouverneure wird aus seiner Beschäftigung mit den Beziehungen zwischen Zentrum und Republiken seit 1998 - er wurde damals erster stellvertretender Vorsitzender der Administration des Präsidenten deutlich.

Positiv an der Biographie sind auch die zahlreichen Gespräche, die der Autor, Programmdirektor für Russland und die GUS der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, mit russischen Politikern führte. Deren Einschätzung der Dinge bringt er in dieser äußerst lesbar und spannend geschriebenen Biographie mit ein, zumal er mit allen wichtigen Spitzenpolitikern Rußlands sprach.

Ich teile nicht das negative Bild des Verfassers über Gorbatschow und kreide ihm auch manchen Hang zu Spekulationen an (wenn er über die machtpolitischen Beziehungen der Akteure spricht), da er einige Feststellungen - ähnlich wie in seiner früheren Gorbatschow-Biographie - nicht belegt. Negativ zu werten ist auch, daß es weder ein Literaturverzeichnis noch ein Personenregister oder einen tabellarischen Lebenslauf Putins gibt. Hier ist die von Wolfgang Seiffert erschienen Putin-Biographie, die in einem Anhang auch Reden Putins nachweist, wesentlich fundierter. Insofern können gewisse Feststellungen nicht zweifelsfrei nachvollzogen werden und bleiben - wie oben erwähnt - spekulativ. Insgesamt jedoch eine hervorragende und äußerst informative, spannend geschriebene Biographie des neuen ersten Mannes der UdSSR, die sicherlich bald ein Standardwerk zu Putin und der Politik der letzten Jelzin-Jahre sein wird.
Fazit
Sehr lesenswert!
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 10. Mai 2003

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