Guido Knopp: Stauffenberg. Die wahre Geschichte

Stauffenberg. Die wahre Geschichte

Verlag: Pendo Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-86612-188-1

Preis: 0,98 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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"Die wahre Geschichte" niederschreiben zu wollen, wie es das vorliegende Buch im Titel sich vornimmt, bedeutet, wesentlich Neues an den Tag zu legen, das dem allgemein Interessierten aber auch dem profunden Kenner noch verborgen blieb. Was Knopp aber in seinem Buch darbietet, ist lediglich das, was die durchaus bekannte Geschichte ausmacht, wobei wesentliche geistesgeschichtliche und politische Hintergründe fehlen und nur der bekannte Ablauf des Attentatversuchs Stauffenbergs auf Hitler reproduziert wird.

Viele Geschichten prägen das Bild Claus Schenk Graf von Stauffenbergs, des Helden des deutschen Widerstands. Viel ist über ihn geschrieben worden, Hollywood hat ihn für sich entdeckt - und wieder einmal die deutsche TV-Maschinerie. Das Buch zeigt zwar trefflich ein Psychogramm dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit auf und ist bemüht, die Realität hinter den oft als solche angesehenen "Mythen" des Stauffenberg-Attentats zu beschreiben. Das Buch stellt sich die Frage: "Was ist Mythos an Stauffenbergs Geschichte?", "Was ist belegbar an jenem Tag, der wie kein anderer Gegenstand von Legenden wurde?"

Was dabei deutlich zu kurz kommt ist das Wissen davon, daß ja gerade der Mythos hinter der Motivation des Attentats von Stauffenberg stand und den wesentlichen Antrieb zur realistischen Umsetzung seiner Pläne gegen Hitler darstellte. - Ohne Analyse der geisteswissenschaftlichen Mythen kein volles Verständnis Stauffenbergs und des 20. Juli 1944!

Entgegen dem, was man also als wirklich neu erwarten könnte, zeigt das Buch nicht die tiefere geistesgeschichtliche Dimension und die Entwicklung eines deutschen und patriotischen Offiziers zum Attentäter. Es wird gerade nicht dargestellt, welchen Einfluß der Dichter Stefan George auf ihn gehabt, welche Ideen er durch George kennen gelernt und welche Gedanken er selbst daraus entwickelt hat. So wird für den Zuschauer weder klar, was er sich von Hitlers Regime versprochen, noch warum er sich später dagegen gewendet hat. Was war dieses nun? - Man sollte es benennen.

Ein verankertes und rational faßbares Menschenbild freier Individuen hat aus dieser Sicht einen die Wirklichkeit erfassenden Anspruch und sieht sich über abstrakte Universalismen erhaben. Auf diese Position im deutschen Widerstand beruft sich Alfred Delp (1907-1945), jesuitischer Soziologe des Kreisauer Kreises und am 2. Februar 1945 hingerichtet, wenn er in seiner Zelle als Verurteilter formulierte: "Der idealistische Mensch ist mehr Mensch als der rein faktische und praktische." Der innerste Grund des deutschen Menschen bleibe unantastbar. Er weise einen Charakter auf, der in seinem realen Anspruch wohlklingende Ideologien skeptisch betrachtet und über alle temporären Heilsbotschaften hinweg existent bleibe.

Eberhard Zeller definierte das Handeln dieses deutschen Menschen insbesondere in Bezug auf die Tat Stauffenbergs als "Aufstand des Geistes." Er trifft damit den Kern der Sache, weil die direkte Kontinuität dieses Geistes zur deutschen Staatsphilosophie ein Denken in Kategorien der Geschichte, des sittlichen Ideals und gesinnungsfreier Politik mit allen verfassungspolitischen Konsequenzen bedeutet. Die Definition eines solchen Staatsverständnisses, das die Volksvertretung auch ohne das monologische Gepräge individualistischer Parteien im Rahmen einer Einbettung des Individuums in gewachsene dialogische Gemeinschaftsbezüge ermöglichen sollte, läßt sich im Sinne Claus von Stauffenbergs selbst fassen:

"Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt, den natürlichen Mächten nahe bleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen (...) sein Genüge findet und in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides und der Mißgunst überwindet."

Es ist klar, daß sich Stauffenberg damit vom Nationalsozialismus distanzierte und sich gewiß auch vom heutigen Parteienstaat distanzieren würde. Nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 hat sich diese Haltung und ihre politische Konsequenz nicht freiwillig zum Zwecke von "Freiheit" und "Wohlstand" verabschiedet. Dies zum einen, indem der deutsche politische Widerstand um Goerdeler als potentiell ‚nationalistisch’ präjudiziert wurde. Zum anderen lag seit 1946 längst ein Entwurf des künftigen deutschen Grundgesetzes nach amerikanischer Präferenz im amerikanischen Geheimdienst (OSS/CIA) und dem US-Außenministerium vor. (Office of Intelligence Coordination and Liaison 1946: Der grundsätzliche Charakter eines zukünftigen deutschen Regierungssystems. Erster Entwurf, Report Nr. 3521.9, Dokument I.2, in: Söllner, Alfons (Hrsg.) 1986 b: Zur Archäologie der Demokratie in Deutschland. Band 2: Analysen von politischen Emigranten im amerikanischen Außenministerium 1946-1949, Frankfurt/M)

So konnte nach 1949 jede Bezugnahme auf die staatsphilosophische Tradition des konservativen Widerstandes im Rahmen der nicht ergebnisoffen verstandenen Ideologiegehalte ‚demokratisch’ und ‚friedlich’, welche sich über die Definition der ‚freiheitlich-demokratischen Grundordnung’ aus der Gesamtsicht bundesdeutscher Parteiendemokratie ergaben, als ‚militaristisch’ denunziert werden, um eine solche Bezugnahme dann über die Besatzungsmächte (gemäß Art. 139 GG) vorübergehend extrakonstitutionell (nicht mit dem Grundgesetz vereinbar) verbieten zu können. Damit war der Weg zu einer eigenen Wiedergeburt der Demokratie im westlichen Nachkriegsdeutschland verstellt. Das macht die eigentliche Tragik der gescheiterten Tat Stauffenbergs aus!

Derartige Erkenntnisse hätten wirklich etwas Neues bedeutet und hätten sich wohltuend von der lediglichen Reproduktion der Geschehnisse des 20. Juli 1944 abgehoben. Enttäuscht ist der Leser besonders von der Art, wie mit Stauffenbergs letztem Satz vor seiner standrechtlichen Erschießung umgegangen wurde. Historiker und Zeitzeugen streiten, ob der Oberst "Es lebe das geheime Deutschland!" oder "Es lebe das heilige Deutschland!" ausgerufen habe. Guido Knopp entzieht sich diesem Streit im Film, indem er den Satz nach "Es lebe das...!" im Gewehrfeuer abreißen läßt. Hierauf jedoch einzugehen hätte bedeutet, die tiefer wurzelnden Motive Stauffenbergs zu verstehen. - Freilich wäre dies nicht vermarktbar gewesen. Und so bleibt das vorliegende Buch auch nicht mehr als kommerzielles Infotainment.

Stefan George war unter den deutschen Dichtern im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zweifellos der einflussreichste. Er hat die deutsche Lyrik entscheidend geprägt. Zu Georges Anhängerschaft gehörte Stauffenberg. Und es fehlt in Knopps Buch der überfällig gewesene sinnvolle Ansatz, auch den Begriff "Geheimes Deutschland", der das Verhältnis des deutschen Soldaten zu dem Dichter prägte, näher zu erklären. Drei lapidare Sätze findet Knopp dafür im Buch. Und so schwer es zwar ist, diese lyrische Form mit konkretem Inhalt zu füllen, so gilt es zu bedenken, daß es vorrangig jene spirituellen und mythologischen Motive waren, welche die Gedankenwelt des politischen Widerstandes 1944 trugen. Sie stehen dafür, daß Georges neues Reich nicht nur durch Politik herbeigeführt werden sollte, sondern durch die Vernichtung aller Politik und durch das Ideal der "kunst für die kunst". - Eine selbstständige Kunst. Eine absolute Kunst, die die Entsagung von jeglichem parteipolitischem Profanen verheißt und in der einen den gutbürgerlichen Weg verneinenden Tat des Grafen Stauffenberg ihren empirischen Widerhall fand.

Und diese Tat war nicht profan. Sie versteht sich vor dem Hintergrund der getroffenen Entscheidung eines Bruchs mit dem bürgerlichem Lebensideal in dem Wissen davon, sich notfalls opfern zu müssen. Dadurch entstand bei George und seinen Anhängern ein eigener Lebenskreis, getragen von Selbstdisziplin und gelebter Ästhetik. Das Stauffenberg-Attentat versteht sich nur hieraus vollends. -
Fazit
Wer also bekannte Fakten vertiefen möchte, greife zu diesem Buch. Wer geistesgeschichtliche Hintergründe und damit die ganze Geschichte abseits des TV-Infotainments verstehen möchte, forsche autonom über andere, bessere Quellen zum Thema.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 01. Februar 2009

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