Herbert Marcuse: Versuch über die Befreiung

Versuch über die Befreiung

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-518-41987-8

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Toleranz dient den verschiedenen Interessen der Unterdrückung. Sie ist kein Selbstzweck, sondern wird hinsichtlich der etablierten Politik zum Zwangsverhalten. So wird die ohnmächtige Toleranz gegenüber dem Betrug zum Wesen des herrschenden Systems, das Toleranz fördert als ein Mittel, den Kampf ums Dasein zu verewigen und Alternativen zu unterdrücken. - Diese Überzeugungen vertrat der Philosoph Herbert Marcuse. Er war der Meinung, daß die Toleranz die reproduzierte Wirklichkeit der etablierten Maschinerie schützt. Mit Blick auf die Gegenwart hätte Marcuse wohl auch folgende Merkmale des herrschenden Sicherheitsstaates ausmachen können: Soziale Desintegration, Dominanz des Sicherheitsapparates, Wandel innerhalb des formellen bürgerlich - demokratischen Institutionengefüges, Verwaltung von Problemen und das Ausmerzen von Spannungen durch das Verbot der Artikulation derselben, und zwar durch den institutionellen Zugriff auf den Menschen.

Kurz: Wuchernde Normalitäts- und Kontrollansprüche riegeln das System der Politik ab.

Es verwundert angesichts dieser Grundhaltung nicht, daß Marcuse als versiertester Kritiker des Kapitalismus und Vertreter der internationalen Befreiungsbewegung gilt. Er formuliert nunmehr in seinem vorliegenden Versuch über die Befreiung einen der wichtigsten Beiträge zur Theorie der Gesellschaft der sechziger Jahre. Marcuses Essay "Versuch über die Befreiung", jetzt in der Reihe Suhrkamp 1968 neu aufgelegt, ist ein überzeugendes Dokument, um den Kapitalismus einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Manche der Thesen findet noch heute durchaus Bestätigung, etwa wenn er schreibt: "Die ‚bösen’ Wörter sind a priori für den Feind reserviert."

Diese Eindimensionalität im Verhalten ist immer die negative Seite in der Dialektik des Fortschritts. Die moderne Gesellschaft lebt mit der latenten Gefahr des Verlustes bürgerlicher Freiheiten. Das ist eine permanente Irrationalität, von der es sich für Marcuse zu befreien gilt. Das Elend und die Vernichtung gehen parallel einher mit dem Aufbau eines Hyperwohlstandes, was genau dieser rationalen Irrationalität gleichkommt. Doch die Befreiung steht vor einem großen Problem: Es wird endlos der Status quo zementiert; es gibt keinen Fortschritt, sondern die permanente Stagnation, die nur als Bewegung und damit als Freiheit erscheint. Arnold Gehlen nannte diesen Zustand trefflich die ‘Kristallation’ als Verlust der "großen Schlüsselattitüde" und schöpferischer Kreativität. Nur der Intellektuelle kann für Marcuse die Alternative denken und eine exklusive Opposition dazu überhaupt aufweisen. Davor durchlebt er eine Situation der Entscheidung, wie sie Heidegger postulierte. Marcuse:

"Alle Befreiung hängt vom Bewußtsein der Knechtschaft ab, und das Entstehen dieses Bewußtseins wird stets durch das Vorherrschen von Bedürfnissen und Befriedigungen behindert, die in hohem Maße die des Individuums geworden sind. (...) Das optimale Ziel (...) ist der Verzicht auf die repressive Befriedigung."

So gibt es Entscheidungssituationen, die Marcuse als Situationisten aufscheinen lassen und auf Basis situativer Einmaligkeit eine ebenso einmalige Entscheidung erfordern. Das Buch ist Ausdruck dafür, wie die Sehnsucht und die Utopie stets über die Faktizität der Angst hinweghelfen. Träumte man zwar in den siebziger Jahren noch den Traum von der arbeitsfreien Gesellschaft, hat sich diese Utopie zum Alptraum entwickelt. Heute rückt wieder die Frage in den Vordergrund, ob nicht doch die Arbeit das Leben bestimme und sei es auch nur in der subjektiven Wahrnehmung.

Dennoch: Die große Freiheit des Kapitalismus - es gibt sie für Marcuse nicht. Unter diesen Bedingungen ist vorliegende kritische Betrachtung des Kapitalismus nicht nur wünschenswert, sondern geradezu unabdingbar. Anregungen für eine solche Debatte gibt Marcuses Essay genug, das Diskutieren seiner Thesen über den Kapitalismus und seine gesellschaftlichen Effekte im Hier und Heute ist Aufgabe einer reflektierenden Gesellschaft. Die enthaltene DVD, ein Studiogespräch aus dem Jahr 1976 mit Herbert Marcuse über die Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft, untermauert den Text anschaulich.

Herbert Marcuse, geboren 1898 in Berlin und als Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung sowie Mitbegründer der Kritischen Theorie der Gesellschaft arbeitete für den amerikanischen Geheimdienst, um die Kriegsanstrengungen der Alliierten gegen Deutschland zu unterstützen. Nach dem Ende des Krieges kehrt er nicht, wie Horkheimer und Adorno, nach Europa zurück, sondern lehrt an verschiedenen Universitäten der USA. Hier lernt er praktisch kennen, was ihn philosophisch beschäftigte: Die Entsolidarisierung der Klassen, ihre innere Auflösung und Abhängigkeit vom Staat. Sie werden zergliedert zu einem Massencharakter über die Vereinzelung als Konsument, Zuschauer und Käufer, Wähler und Kunde. Je mehr also die Ratlosigkeit herrscht, um so mehr wird sie durch Feste und "Events" kompensiert. Die moderne Propaganda des politischen Events und der Festmeile lebt von der Theatralisierung der politischen Ereignisse und von moralistischen Ritualen.

Mit diesen Mitteln, die allein der eigenen Affirmation dienen sollen, arbeitete bereits nach Marx die bonapartistische Diktatur. Szenen sollten eine zweite Wirklichkeit schaffen und die Loyalität reanimieren. Worte und Begriff bilden einen bildhaften Charakter und laden zur Identifizierung ein. Die politische Reflexion ging verloren, Einzelne wurden Gruppe, Masse, Spieler, Trommler und als solche Bestandteil der herrschenden Politik. Aus dieser Anomie gibt es keinen Ausweg, wie ihn eine einfache Krise noch kennt. Mit seinem Versuch über die Freiheit möchte Marcuse genau dieser geistigen Anomie entgegengetreten, denn wer sich frei fühlt, ist motiviert und glücklich. -
Fazit
Es liegt hiermit eine überzeugende Schrift vor.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 01. Februar 2009

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