Anne C. Voorhoeve: Liverpool Street

Liverpool Street

Verlag: Ravensburger Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-473-58296-9

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Das Mädchen mit dem altmodischen Koffer ist nicht abgeholt worden. Franziska Mangold aus Berlin wurde 1939 mit einem der letzten Kindertransporte aus Deutschland nach England evakuiert. Ein ganzer Zug mit Kindern war in London angekommen, viele von ihnen zum ersten Mal im Leben von ihren Eltern getrennt, jedes mit einem kleinen Koffer und einem Pappschild um den Hals. In Berlin und Hamburg hatten sich Eltern und Kinder voneinander verabschiedet, ohne zu wissen, ob sie sich je wiedersehen würden. Am Bahnhof Liverpool Street werden viele der Kinder bereits von einer Pflegefamilie erwartet. Franziska kommt zunächst in ein Auffanglager. Die Kindheit der Elfjährigen scheint von einem Tag auf den anderen zu Ende zu sein. Was kurz zuvor noch wie ein Spiel schien, ist für Franziska Realität geworden. In Berlin hatte sie mit ihrer besten Freundin Bekka Flucht gespielt und sich ausgemalt, wie es sein würde, in einem fremden Land zu leben. Durch einen Zufall findet Franziska doch noch eine englische Pflegefamilie. Eine ihrer ersten Fragen an ihre Pflegemutter Amanda ist, wo man sich denn hier in London verstecken könnte. Amanda Shephard ahnt noch nicht, in welchem Maße diese neu gefundene Familienmitglied das Leben der Shephards auf den Kopf stellen wird. Franziska, nun Frances, ist konsterniert: In Deutschland musste man seinen Glauben verbergen und die Shephards feiern ihr Jüdischsein sogar! Die Mangolds lebten in Berlin unauffällig als assimilierte Juden. Ihre Tochter hat vorher noch nie Jiddisch gehört, die Bräuche der orthodoxen Shephards sind ihr fremd. Gary Shephard, Amandas Sohn, macht es sich mit Sinn für Humor zur Aufgabe, aus Frances eine richtige Jüdin zu machen. Seine Eltern sollen sich wundern und stolz auf Frances sein. Frances ist bei den liebevollen Shephards in Sicherheit. Sie fühlt, dass sie eine andere Franziska ist als in Deutschland, wird geplagt von Schuldgefühlen ihren Eltern gegenüber und auch gegenüber Bekka, deren Platz im Kindertransport Franziska eingenommen hat. Warum hat sich Franziskas Mutter bloß entschieden, die Schiffskarten nach Shanghai zurückzugeben und ihre Tochter fort zu schicken?

Schon in Deutschland hatten jüdische Mitschüler Franziska von evakuierten Kindern erzählt, die ihre Eltern nach London nachholen konnten. Franziska beginnt, emsig für ihre Eltern eine Arbeitsstelle zu suchen und gerät dabei in manch tragikomische Situation. Auch für Walter Glücklich, den Franziska aus dem Kinderzug kennt, sucht die Pflegetochter der Shephards nun eine Unterkunft. Franziskas halbwegs normale Kindheit bei den Shephards findet mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ein Ende, als ihre Schule komplett aufs Land evakuiert wird. Frances, gerade den Nationalsozialisten in Deutschland entkommen, will um keinen Preis von Amanda getrennt werden. Unter diesen traumatischen Umständen kämpft Amanda um Frances wie für ein leibliches Kind. Die "verrückte Hunnin" plagen derweil widersprüchliche Gefühle: Darf sie eine fremde Frau überhaupt so lieben wie eine Mutter? Darf sie glücklich sein, obwohl sie nicht weiß, was inzwischen mit ihren Eltern passiert ist? Welche Pflichten hat Frances gegenüber den Shephards, wenn Gary sich zur britischen Marine meldet und Frances dann das einzige Kind der Familie sein wird? Zwischen Luftangriffen, Lebensmittelrationierung (Dig for Victory - Gärtnern für den Sieg) und dem Anschein normalen Alltags könnte man glatt vergessen, dass Frances inzwischen in die Pubertät gekommen ist. Frances ist sich der Liebe Amandas inzwischen so sicher, dass sie ihre Pflegemutter mit pubertären Machtkämpfen provoziert. Amanda fällt dabei auf, dass sie zwar die Broschüre über traumatisierte Flüchtlingskinder sorgfältig gelesen hat, aber in der Aufregung völlig vergaß, das "Bienengespräch" mit Frances zu führen. Am Ende des Krieges, aus Franziska ist endgültig Frances geworden, muss die inzwischen Erwachsene sich entscheiden, wie sie ihrer Mutter gegenübertreten wird. Frances empfindet ihrer Mutter gegenüber widerstreitende Schuldgefühle und hat sich ihr im Laufe der Jahre völlig entfremdet.
Fazit
Vor dem historischen Hintergrund der Kindertransporte jüdischer Kinder nach England hat Anne Voorhoeve mit Franziska Mangold eine fiktive und zugleich sehr glaubwürdige Figur geschaffen. Am Beispiel Franziskas, die selbst ein Zuhause gefunden hat und der es nicht gelingt, ihre Eltern und ihre Freundin ins sichere England nachzuholen, bringt die Autorin ihren Lesern die widersprüchlichen Empfindungen von Überlebenden des Nationalsozialismus nahe. Voorhoeves liebenswerte Haupt- und Nebenfiguren mit all ihren Ecken und Kanten und eine spannende, schlüssige Handlung fügen sich in "Liverpool Street" zu einem herausragenden historischen Jugendbuch, das die Grenzen zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur überschreitet.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 18. Januar 2009

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