Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig. Eine Bilanz

Achtundsechzig. Eine Bilanz

Verlag: Propyläen Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-549-07334-6

Preis: 19,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 29. September 2016]
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Daß die Revolte von 1968 keiner Heroisierung anheim fallen darf, davon zeugt die heutige Verklärung derselben durch ihre veralteten, senilen und bedeutungslosen Repräsentanten. Zwar war die Zeit noch geprägt durch die Dominanz des kräftigen Zupackens und des theoretischen Denkens des Agitators, die psychologischen Aspekte der Revolte dahinter jedoch liegen in der Suche nach Autorität, welche die Provokationselite in Mao, Stalin und Marx fand. Es gab schon immer die Konkurrenz der Generationen, welche eine wachsende Sensibilität gegenüber Fragen der Zeit gewinnt. Die Generation der französischen Revolution vollzieht zuerst den Bruch zur alten Gesellschaft. Krieg und Revolution zerbrechen Erziehung und Werte des alten Zustands. Damit gelingt die bisherige Reproduktion der Generationen nicht mehr. Das Motiv der 68er war der Bruch mit den Eltern. Die Jugend will die Last der Tradition nicht mehr tragen. Das war der Weg der eigenen Kompensation.

Wolfgang Kraushaar tritt zum vierzigjährigen Jubiläum der Revolte im vorliegenden Buch mit dem Anspruch an, eine kritische Bilanz dessen zu ziehen, was 1968 geschah. Er legt damit eine Mischung aus früheren Werken vor. Es gelingt ihm zugleich, die "Revolte" zu entzaubern und die negativen Facetten der Neuen Linken, ihre Gewalt, ihren Wahn des Antifaschismus zu beleuchten. "Wer die 68er Bewegung in ihrer historischen Bedeutung wirklich verstehen will, kommt um dieses Buch nicht herum." Dies verkündet der Verlag. Das Buch selbst ist zwar sehr interessant, bietet aber wenig neue Erkenntnisse, insbesondere fehlen neben einer oberflächlichen Darstellung der theoretischen Grundlagenwerke Herbert Marcuses oder Karl Marx’ weitere wichtige Schriften.

So etwa Jürgen Habermas’ "Student der Politik". Immerhin galt Habermas als geistiger Vater der Revolte. Er eröffnete zudem die Diskussion über den Zustand der Bundesrepublik mit seinem Werk "Strukturwandel der Öffentlichkeit" und hatte eine generative Nähe zur Revolte. In seiner Studie "Student und Politik" über den Bewußtseinsstand der Studenten fragt er nach der Existenz einer deutschen Elite. Er arbeitet die konservative Kultur- und Politiktheorie der Weimarer Zeit auf und überträgt sie auf den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Liest man sein Buch konzentriert, so erkennt man, daß Habermas konservative Parlamentarismuskritik praktiziert, die sich an Carl Schmitt, Helmut Schelsky oder Arnold Gehlen orientiert. - Sie ist die Basis derselben Kritik, wie sie die Linke übernehmen wird. Die Kritik der Linken ist konservativ motiviert. Inhaltlich gekürzt: Der historische Liberalismus bleibt der eigenen Ideologie nicht treu. Die freiheitliche Ordnung wird schrittweise bei der Akzeptanz des Liberalismus demontiert. Der Parlamentarismus wird zur Fiktion und endet im Übergang zu einer bonapartistischen Diktatur. Davon distanziert sich Habermas in opportunistischer Manier später in seiner Diskurstheorie, aber auch der herrschaftsfreie Diskurs ist heute kläglich gescheitert - so wie Habermas selbst auf ganzer Linie. Es gilt unverändert das Recht des Stärkeren, der Autorität und des Machthabers, dem man sich unterordnet. Dies zu erkennen fiel Habermas wohl selbst nicht schwer, bedenken wir seine kleinlaute Distanzierung von "Student und Politik". - Kein Wort zu diesen prekären Zusammenhängen findet sich in Kraushaars Buch!

Dafür aber bietet es im Prolog eine Darstellung der Beat-und Hippie-Bewegungen als Vorläufer der "Achtundsechzigerbewegung", erläutert die Standardgeschichte, wonach das vermeintliche LSD-Stück "Lucy in the sky with Diamonds" von John Lennon nicht über LSD geschrieben wurde, sondern die Idee seines Sohnes Julian Lennon, eine malerische Kinderidee, war. Manchmal scheint es neben interessanten Stellen, als lese man zusammengestellte Versatzstücke zur Musikgeschichte, die in "1968" gipfelten. Dennoch - und darin hat der Autor recht - die politisch und gesellschaftlich links orientierten, antiautoritären, hedonistischen Ansätze der APO haben große Teile des Establishments stark verunsichert.

Was jedoch kaum zur Sprache kommt ist, daß die ideale Möglichkeit einer pauschalen Diskreditierung dieser Ansätze in der staatlich geförderten Initiierung des Abgleitens in die Gewalt bei einem Teil der Szene bestand. Der Verfassungsschutzagent Peter Urbach, agent provocateur des Westberliner Landesamtes für Verfassungsschutz - findet nur drei Mal im gesamten Buch Erwähnung. Aber: Ohne die aufgestachelte RAF und ihre Gewalttaten wären der Radikalenerlaß und die massive Aufrüstung der Polizei nicht möglich gewesen. Die Angehörigen der Widerstandsgruppen haben sich in einer außer Kontrolle geratenen Gewaltspirale für staatliche Maßnahmen instrumentalisieren lassen. In der RAF werden aus antiautoritären und hedonistischen sowie emanzipatorischen Kommunarden autoritäre Kämpfer. Es ist als Ausdruck des politischen Existenzialismus zu werten, daß in der Gewalt der Ausweg gesehen wurde. Diese politische Romantik ließ keine Reflexion zu. Die politische Romantik ist das Ende des Denkens, wie es Carl Schmitt schon erkannte. Man endet in einer existenzialistischen Sektiererei und in einer patriarchalischen Gruppe mit archaischer Gliederung, die einen Führer bestätigt. Reflektiert wird nicht; nur der Ekel am System treibt voran.

Kraushaar erwähnt jedoch richtig, daß im Sinne Schmitts Romantik jegliche Transzendierung des Alltäglichen bedeutet. Unbestreitbar bewegte sich die Neue Linke 1968 generell in Richtung einer spektakulären Militanz, doch war diese Entwicklung in eine internationale Kultur der Gewalt eingebettet. "Zwischen Medien und Militanten existierte so etwas wie ein insgeheimes Bündnis", schreibt Kraushaar. Leider verharrt der Historiker auch hier an der Oberfläche, ohne das Zusammenspiel von Medien und Protestbewegung zu analysieren. Spätestens jetzt wäre es nötig gewesen zu benennen, daß auch die heutige Gesellschaft so selbstherrlich und dekadent ist, daß sie ihre eigenen Provokationen - diesmal vorteilhaft integriert im Staatsapparat, den sie verachtete, feiert. Sie heroisiert die konformisierten und damit vollends gescheiterten Revolteure, sich selbst und das Jahr 1968. Es herrscht die Belanglosigkeit ihrer Vertreter in den Medien und es wird kaum noch tiefgründig reflektiert.

Eine Betrachtung und Reflexion aus wissenschaftlicher Perspektive ist heute nötig. Die Gesinnungsethik der 68er - eine akosmische Predigt gefüllt mit ethischem Irrationalismus - hat ausgedient. Die Parallelität dieses Irrationalismus zum Nationalsozialismus wird mehr als deutlich und bewahrheitet das Diktum Nietzsches aus "Der Wille zur Macht", wonach sich Radikalismen einander ablösen. Der radikale Antifaschismus der Besatzer, den die Generation der 68er übernahm, ist auch nur eine radikale Reaktion auf den nationalsozialistischen Radikalismus. Moralismus und Kollektivkasteiungen sind radikale Haltungen, die nicht einem wahrhaftig guten Leben entsprechen. Etwas moderates wird in das Vakuum stoßen und den deutschen Zustand normalisieren. Die geläuterten 68er, welche heute die Idee der "Nation" nicht strikt ausblenden, sind damit dialektisch auf dem richtigen Pfad.

Kraushaar, seit vielen Jahren Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, tut sich schwer damit, dies zuzuerkennen, obwohl er sich als scharfer Kritiker der alten 68er-Mythen einen Namen gemacht hat. Er aber bricht die Reproduktion des immer Gleichen im Denken dennoch nicht überzeugend auf. Führenden Köpfen der Bewegung mag er seine sogenannte problematische Nähe zur Gewalt, "antisemitische" oder "nationalistische Tendenzen" sowie das übliche "unausgegorene Verhältnis zur deutschen NS-Vergangenheit" nachweisen. Am Ende ist es aber gerade das Denken über jene verordneten Denkverbote hinaus, das sich nicht leichtfertig mit den genannten Termini fassen läßt und das die bedeutendere Lehre aus 1968 gezogen hat. Es hat die neurotische Feindbestimmung im Sinne von "Faschist" oder "Antisemit" überwunden und dient komplexeren Erkenntnisräumen. Schon Berichte des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) zur Revolte von 1968 betonten neurotisches Verhalten bei den Revolteuren. Trotz der Organisationsstruktur herrsche eine archaische Struktur vor. Die Anarchie und der kleinbürgerlich- ultralinke Guerillerismus gipfele in einer pseudolinken terroristischen Organisation, der RAF. Ihr avantgardistischer Anspruch sei charakteristisch und entspreche in seinem Elitismus nicht den werktätigen Volksmassen. Es differenzieren sich Anführer, Aktive, Mitläufer heraus, d. h. um die Anführer paaren sich ein äußerer und innerer Kreis. Der Zusammenhalt erfolgt über die Ideologie, welche auch das Gruppenmilieu präge. - Die Ideologie - und da ist der DDR-Analyse recht zugeben - bleibt bestehen. Sie sucht Feinde, Dissidenten und Verräter, so etwa diejenigen der Revolteure, die heute konservative Positionen vertreten, dabei aber lediglich auf Schriften wie diejenige von Habermas rekurrieren, die selbst die konservative Parlamentarismuskritik der Weimarer Republik für 1968 fruchtbar machte.

So erzeugt die Ideologie aus den wenigen senilen Übriggebliebenen von 1968, die nicht neue Denkwege eingingen, die Mitläufer und Profiteure des BRD-Politikalltages. Sie werden zu solchen Gestalten des Politikbetriebes, die sie früher selbst verachteten. Aufgabe eines zukünftigen Historikers wird es bleiben, Geschichte nicht als ein ideologisches Framework gehärteter Tatsachen und definierter Feinde der Sache von 1968 zu verkaufen, sondern Entwicklungen und Optionen des Denkens aufzuzeigen. Andernfalls hätte die DDR-Analyse in ihrem Ideologie-Begriff bei 1968 doch recht und die Mitläufer von heute wären moralisch reingewaschen. Dies trifft aber nicht zu.
Fazit
Das Buch mag eine geeignete Einführung zum Thema 1968 sein, geht aber nicht in die wissenschaftliche, politiktheoretische und psychologische Tiefe mit all ihren Konsequenzen für die Gegenwart.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 30. Dezember 2008

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