David Mitchell: Der Wolkenatlas

Der Wolkenatlas

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-499-24036-2

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Als Adam Ewing in der Mitte des 19. Jahrhunderts Tagebuch führte, schrieb man Thür und Thor noch mit th. In Stil und Rechtschreibung seiner Zeit berichtet der amerikanische Jurist, wie Weiße auf einer der Gesellschaftsinseln Polynesiens Eingeborene ausrotten. 1931, fast einhundert Jahre später, wird Ewings Tagebuch von Robert Frobisher gelesen, der in Flandern für einen Komponisten arbeitet. Frobisher, Komponist des Wolkenatlas-Sextetts, berichtet über seine Tätigkeit in Briefen an einen Rufus Sixsmith. 40 Jahre später versorgt dieser Rufus Sixsmith, von Beruf Physiker, Luisa Rey, eine Journalistin der kritischen Zeitschrift Spyglass mit brisanten Informationen über Kernkraftwerke. Sixsmith ist nebenbei mit der Lektüre der Briefe Frobishers beschäftigt. Als Sixsmith unter verdächtigen Umständen ums Leben kommt, bezweifelt Luisa, dass der Wissenschaftler sich - wie behauptet - das Leben genommen hat. Auf Swanneke Island versammeln sich Umweltaktivisten, um gegen einen neuen Typ Kernkraftwerk zu demonstrieren. Die Kernkraft-Befürworter kämpfen mit harten Bandagen, bringen Flugzeuge zum Absturz und lassen harmlose Gepäckschließfächer explodieren. Der Verleger Cavendish (Luisas Chef) wird angeblich gegen seinen Willen von seinem Bruder in einem Altenheim gefangen gehalten. In dieser Nebenwelt sind die Bewohner sehr viel weniger senil, als ihre Angehörigen glauben und schmieden gemeinsam konspirative Fluchtpläne. Cavendish ist es, der sich einen Atlas der Wolken wünscht, eine Landkarte des für immer Flüchtigen.

In einem weiteren Handlungsstrang lernen wir in Korea eine Sekte unter Führung des "Papa Song" kennen. Eine Elite der "Reinblüter" befehligt dort die Masse geklonter Duplikanten. Sonmi, eine dieser Duplikantinnen, bereitet ihrer Führung Schereien damit, dass sie plötzlich zum Fühlen und zum selbständigen Denken fähig ist und das Gesellschaftssystem in Frage stellt. Nach dem Ende der uns bekannten Zivilisation haben in der Welt der Duplikanten allein Markennamen überlebt, die gewohnte Ordnung ist vermutlich durch die Dekadenz einer Gesellschaft ohne ethische Normen zugrunde gegangen. In der Zukunft gehören die wenigen Überlebenden einer Atomkatastrophe zu Zachrys Stamm der Ziegenhirten, der auf Hawaii lebt und sich mit Ziegen vermutlich besser verständigen kann als mit Menschen. Welch Zufall, dass der außer Zachrys Clan einzig überlebende Nachbarstamm einen Gott namens Sonmi verehrt.
Fazit
Mitchells in verschiedenen Epochen und auf unterschiedlichen Kontinenten angesiedelte Handlungsstränge sind dezent miteinander verknüpft zu einem detailreichen, sehr zivilisationskritischen Roman. Mitchell erweist sich als mitreißender Erzähler und listiger Kritiker. Jeder - von der in den Ruin privatisierten British Rail bis zur Literaturkritik ("Kritiker sind schnell und überheblich, aber niemals klug") - bekommt von ihm sein Fett weg. Wie Cavendish wünscht man sich als Leser ab und zu eine Landkarte dieses komplexen Handlungs-Geflechts oder wenigstens eine Besetzungsliste. Doch Mitchells Szenarien sind nicht ganz so verwirrend, wie es zunächst scheinen mag. Der Autor gibt jedem Erzähler eine unverwechselbare, sehr authentisch wirkende Stimme und parodiert dabei unterschiedliche Literatur-Formen. So wie die Fotos von Wolkenformationen und Wetterkarten sich auf dem Titelbild zu einer Collage zusammenfügen, bilden die einzelnen Teile des "Wolkenatlas" einen faszinierenden Flickenteppich aus Ereignissen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 22. Dezember 2008

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