Susan Choi: Reue

Reue

Verlag: Aufbau Verlagsgruppe [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-351-03239-5

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Als im Büro des Informatik-Professors Hendley eine Briefbombe explodiert, gesteht sich sein Kollege Lee ein, dass er den allseits beliebten Hendley schon immer verabscheut hat. Hendley wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und stirbt wenige Tage später; Lee wurde bei dem Anschlag leicht verletzt. Mit "Wir sind doch nur Professoren" reagiert das leicht weltfremde Kollegium der Provinz-Universität schockiert auf den Bombenanschlag. Während die Polizei ermittelt und die Universitäts-Kollegen sich um den schwer verletzten Henley sorgen, reagiert Lee, ein älterer Mathematik-Professor asiatischer Herkunft, merkwürdig distanziert auf die Ereignisse. Als einziger Kollege besucht er den verletzten Hendley nicht im Krankenhaus und entzieht sich nach Rick Hendleys Tod sämtlichen Trauerritualen, die die kleine Universität Studenten und Dozenten anbietet. Die Ereignisse haben Lee nicht nur seine Abneigung gegen Handley bewusst werden lassen, sie beschwören auch Figuren seiner Vergangenheit herauf. Lee durchlebt in Gedanken noch einmal seine Studentenzeit vor über 30 Jahren, als er seinem Kommilitonen Gaither, einem fanatischen Evangelikalen, die Frau ausspannte, obwohl sie bereits ein Kind von ihrem Mann erwartete. Nach erbitterten Kämpfen erlangte Gaither damals das alleinige Sorgerecht für den kleinen John. Johns Mutter Aileen ist inzwischen schon seit Jahren tot; und auch von seiner zweiten Frau Michiko hat Lee sich getrennt. Zwischen Lee und seiner erwachsenen Tochter Esther herrscht eisiges Schweigen, seit Esther das College abgebrochen hat, um sich einem Naturschutzprojekt zu widmen. Aufgrund der Fernseh-Berichterstattung über das Attentat meldet sich überraschend Fasano bei Lee, vermutlich der einzige Freund, den Lee je hatte. Fasano ist überzeugt davon, dass das Attentat Werk eines Serientäters sein muss; denn es hat zuvor schon Anschläge auf Naturwissenschaftler gegeben. Als Lee am Tag nach dem Attentat einen geheimnisvollen Brief erhält, ist er - gefangen in seinem Hadern mit der Vergangenheit - überzeugt, dass der Brief von Gaither stammen muss. Lee argwöhnt, dass Gaither ihm noch immer grollt und das Attentat womöglich gar nicht seinen Kollegen Hendley treffen sollte. Nachdem Fasano sich vergewissert hat, dass sein alter Freund Lee noch am Leben ist, drehen sich seine Gedanken um den Täter und seine Motive. Verglichen mit Fasanos nachvollziehbarer Reaktion wirken Lees Verdrängungsstrategien und sein Abtauchen in die Vergangenheit überaus merkwürdig. Je mehr man im Verlauf der Handlung über Lee erfährt, umso sonderbarer wirkt der alte Herr.

Inzwischen ermittelt das FBI in der Poststelle der Universität und Lee als Zimmernachbar und Ohrenzeuge des Anschlags wird für die Ermittler zur "Person of interest" (so der Originaltitel des Buches), zu jemandem, der im Mittelpunkt der Ermittlungen steht, aber bisher noch nicht verdächtigt wird. Bei seiner Aussage zum angeblichen Brief Gaithers verwickelt sich Lee in Widersprüche und wird zum Hauptverdächtigen der Ermittler. Ein merkwürdiger älterer Immigrant asiatischer Herkunft scheint dem FBI genug zu sein, um erst gar nicht weiter in andere Richtungen zu ermitteln. Während nun zur besten Sendezeit Sensations-Reporter den sonderbaren Herrn Lee zum ausländischen Terroristen stilisieren und sein bescheidenes Häuschen belagern, verfolgen Susan Chois Leser atemlos, wie sich die Schlinge der Ermittlungen immer fester um Lees Hals zuzuziehen scheint. Was auch immer Lee nun tut, sein Verhalten wird in der Atmosphäre irrationaler Fremdenfeindlichkeit stets gegen ihn sprechen. Lee, ein durchschnittlicher Mann in einer paranoid xenophoben Gesellschaft, scheint eine Massenhysterie ausgelöst zu haben, in deren Windschatten es den Ermittlern stärker darauf ankommt, der Öffentlichkeit einen Verdächtigen zu präsentieren als den Täter zu finden. Als Ermittler und Öffentlichkeit darüber befinden, ob sie Lee für einen guten Amerikaner, "nur" für einen erfolgreich integrierten Einwanderer oder für den Helfer eines fanatischen Attentäters halten sollen, scheint es für Lees Unschuldsbeteuerungen beinahe schon zu spät zu sein. In ihrer meisterhaften Charakterisierung eines etwas weltfremden Mathematik-Professors hat Susan Choi von Beginn an ein paar Widerhaken ausgelegt, über die man sich als Leser erst im Nachhinein klar wird. Die Autorin zeigt Lee differenziert bis in die kleinste Gefühlsregung - ein beunruhigend vertraut wirkendes Portrait eines Einzelgängers.
Fazit
Susan Choi lässt ihre mit großer Raffinesse aufgebaute Handlung erst im zweiten Drittel des Buches allmählich an Tempo gewinnen. Dass die Autorin einen Einwanderer und einen fanatischen Evangelikalen als Widersacher auftreten lässt, gibt ihrem fesselnden Roman beklemmende Aktualität. Vor der Kulisse der Ereignisse des 9.11.2001 und angelehnt an die Person des US-amerikanischen Una-Bombers Theodore Kaczynski, der zwischen 1978 und 1995 Briefbomben an Personen des öffentlichen Lebens verschickte, ist ein Roman entstanden, der sich spannend wie ein Thriller liest und zugleich die Widersprüche der amerikanische Gesellschaft der Epoche nach 2001 schonungslos analysiert. Die auf hohem literarischen Niveau erzählte und von Annette Hahn stilsicher übersetzte Handlung nimmt einen fesselnden Verlauf, dem man sich nur schwer entziehen kann.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 21. Dezember 2008

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