Peter Rohs: Johann Gottlieb Fichte

Johann Gottlieb Fichte

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-406-56230-3

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"Das Ich setzt sich selbst." Mit dieser Maxime trat 1793 der deutsche und neben Schiller, Mozart, Hegel und Kant fast vergessene Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) an die Öffentlichkeit des Gelehrtendiskurses seiner Zeit, um im Bereich des Politischen das Fundament für die Einheit von reflektierter Vernunft, wahrer Reinheit der Motive und uneingeschränkter Geistesfreiheit zu legen. Fichte, in ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen im sächsischen Rammenau geboren, war Professor für Philosophie in Jena. Er hält später nach seiner Entlassung aus diesem Universitätsamt infolge des Atheismusstreites 1799 und durch Auseinandersetzungen mit Verbindungsstudenten, die seine Lehrveranstaltungen boykottierten und ihm die Fensterscheiben einwarfen sowie seine Frau diffamierten, private Vorlesungen in seiner Wohnung und in einem Akademie-Vorsaal in Berlin.

Seine von Kant persönlich zur Drucklegung empfohlene Erstschrift "Kritik aller Offenbarung" wurde bereits vorher in Halle zensiert, obwohl er sich nach Verarmung und Wanderjahren von Kant und seiner Hilfe ein besseres Leben erhoffte. Dieses blieb ihm in Jena nur zeitweise vergönnt, weil er zu selbstständig dachte und handelte. Dermaßen gedemütigt, entwürdigt und auf der Suche nach einem unbedingt bindenden Lebensprinzip entwirft er seine Ich-Philosophie, die meint, daß ein Individuum, welches sich selbst intensiv erlebt, sich in voller Freiheit erleben möchte und erkennt, daß es selbst der Maßstab seiner Wahrnehmung und Gefühle ist und nichts anderes, - dieses Individuum kann niemals armselig sein. So wird Fichte noch vor Karl Marx Entdecker einer entfremdeten Subjektivität, die im Gegensatz zu verordneten Wahrheiten und staatlicher Repression die Erhebung des Individuums zur Regeneration des Gemeinwesens und letztendlich zur Gesundung des Menschen fordert.

Fichte besuchte die Universitäten in Halle und Wittenberg. Er selbst machte philosophisch eine Wende des Denkens durch. War er anfangs Vertreter des deistischen Determinismus, nach dem alles Handeln durch die Gottheit determiniert ist und es Freiheit und Sünde nicht geben könne. Danach wird er 28-jährig zu dem Philosophen, für den ihn die Deutschen noch heute verehren. Fichtes Person sah sich einer feindlichen Umwelt gegenüber, mit der er keinen Frieden finden konnte. Höchste Zeit, sich die spannende Konzeption Fichtes vor Augen zu führen. Dafür ist der vorliegende Band eine optimale Einführung. Das Buch gibt eine verständliche Gesamtdarstellung der Philosophie Fichtes. Die frühen Schriften bis etwa 1800, von denen vor allem seine historische Wirkung ausgegangen ist, stehen im Vordergrund. Die Fichtesche Philosophie wird dabei dargestellt vor dem Hintergrund der Diskussionen, die seit 1785 um Sinn und Berechtigung des Kantischen revolutionären Neuansatzes geführt worden sind. Es wird gezeigt, wie Fichte unter dem Druck von Argumenten, die gegen Kant vorgebracht worden waren, zu seiner eigentümlichen Konzeption von Transzendentalphilosophie geführt worden ist und wie er diese dann konsequent fortentwickelt hat.

Die Fichtesche Konzeption geht davon aus, daß hinter dem empirischen Ich - hinter dem Gemüt und seinen Vorstellungen - ein nicht empirisch zugängliches absolutes Subjekt existiert. Auf es bezieht sich keine empirische, sondern nur eine intellektuelle Anschauung. Der höchste Punkt der Philosophie liegt für Fichte an diesem Punkt und könne nur dort liegen. Konkret: Alles was in unserem Gemüt vorkommt, ist vollständig aus ihm zu erklären. Das Ich setzt sich selbst als beschränkt durch das Nicht-Ich. So erklärt sich der eingangs zitierte Satz Fichtes. Ebenso erklärt sich daraus die radikale Wende vom Deterministen zum Idealisten: Idealismus ermöglicht Freiheit. Dogmatismus führt zu totem Determinismus. Der im Buch enthaltenen Beschreibung des berühmten Atheismusstreites in Jena gebührt besondere Aufmerksamkeit: Fichte lehrte in Konsequenz aus seinem Prinzip, der Glaube an Gott könne sich nicht auf die Beschaffenheit der Sinnwelt stützen. Man kann Gott nicht als Schöpfer dieser Welt denken. Vom transzendentalen Gesichtspunkt aus also muß die Welt auf das Ich zurückgeführt werden. Damit eckte er an. Es kostete ihm - auf durch die Intervention Goethes sowie Schillers - die stelle als Professor in Jena und ließ ihn in das freiere Preußen übersiedeln, wo er seine berühmten Reden and die deutsche Nation halten wird.

Der frühe Fichte wird aber noch in Jena zum Idealisten der Freiheit, der alle Philosophie auf ein Prinzip zurückführt. Das Postulat der Freiheit erzwingt dabei seinen "Idealismus aus einem Stück", eine Transzendentalphilosophie ohne dualistische Prämissen. Auch die Rechts- und Moralphilosophie, die Fichte auf der Basis dieses "Idealismus der Freiheit" ausbildet, kommen ausführlich zu Wort. In welcher Weise Fichtes Philosophie in ein solches lebendiges Gespräch hineingehört, zeigt sich ebenfalls bei den Auseinandersetzungen, die seit 1798 um seine Philosophie entstehen; in der Kritik an Fichte bilden Schelling und Hegel damals den absoluten Idealismus aus. Aber auch die politischen Konsequenzen seines Denkens werden, wenn auch zu geringfügig, ausgeleuchtet. Fichte ist überzeugt: Nicht wir selbst sind unser Endzweck, sondern wir alle sind es. Fichte, nun Gründungsrektor der Berliner Universität, formulierte 1804 in seinen "Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters": ein bemerkenswertes 5-Phasen-Modell der Geschichte. Sein Ausgangspunkt ist die freiheits- und vernunftrechtliche These, die freilich zugleich ein politisches Handlungspostulat darstellt: Der Zweck des Erdenlebens der Menschheit ist der, daß sie in demselben alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte. Fichte setzt bereits eine einheitliche, globalisierte Menschheit voraus, in der das deutsche Philosophieren eine bedeutende Rolle einnimmt. Auch sein Einfluss auf die weitere Geistesgeschichte war prägend. Fichte, Hölderlin und Novalis trafen sich im Mai 1795 im Hause Niethammers und sprachen über Religion. Auch Schopenhauer kam nach Berlin wegen Fichte, um sich später von ihm angeekelt zu distanzieren. - Fichte ein Charakter also, an dem sich deutsche Geister schieden.
Fazit
In der für die Reihe 'Grosse Denker' gewohnten Manier verknüpft der Autor die Entwicklung des Fichteschen Denkens mit dessen Biographie. Ausgehend von seiner Auseinandersetzung mit der Ethik und Erkenntnisphilosophie Kants über die Wissenschaftslehre bis hin zu den 'Reden an die Deutsche Nation' werden die einzelnen Werke Fichtes in ihren wichtigsten Punkten nachgezeichnet. - Eine solide Einführung, die darstellt, daß es Fichtes besondere Leistung war, ein System der Transzendentalphilosophie aus einem Stück, einem Prinzip und einem Postulat, dem der absoluten Freiheit, vorgelegt zu haben. Damit hat er den Deutschen etwas Großartiges hinterlassen.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 23. November 2008

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