Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos

Arbeit am Mythos

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-518-29405-5

Preis: 26,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 07. Dezember 2016]
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Philosophie für Vorgebildete - so könnte man Blumenbergs reichhaltiges und überaus zitierfreudiges Werk wohl nennen. Es ist kein Buch für Erstleser. Wer sich Blumenbergs Gedankengängen und Argumentationsmustern anvertrauen möchte, tut gut daran, die Texte von Homer, Hesiod und Aischylos eingehend zu konsultieren. Danach liest er Blumenberg mit mehr Gewinn.
In seiner knapp 700 Seiten umfassenden Darstellung, deren erste Auflage 1979 erschien, setzt sich der 1996 verstorbene Münsteraner Philosophie-Professor mit der Frage auseinander, was es bedeutet, wenn der Mensch sich einen Mythos schafft. In fünf Hauptabschnitten, die in Unterkapitel gegliedert sind und zusammen kein streng systematisch geordnetes Ganzes bilden, unternimmt Blumenberg einen klärenden Gang durch die scheinbaren Selbstverständlichkeiten einiger menschheitsgeschichtlicher Grundüberzeugungen.
Blumenberg philosophiert für sich, nicht für die Weltöffentlichkeit. Wer diese erste Ernüchterung verwinden kann, findet in ihm dafür einen versierten Weg-Gefährten, dessen Gedanken klar auf den jeweiligen Gegenstand der Untersuchung gerichtet sind: Nüchternheit statt Erhebung. Blumenberg vermeidet es konsequent, sich selbst - und damit den Leser - über Erkenntnisse oder Eingeständnisse hinwegzutäuschen. Da Blumenberg nach gedanklicher Tiefe strebt, führen seine Überlegungen eher an den Abgrund der Wahrheit als in den Himmel der Ideen. Warum sollte es sich auf dem Boden der Tatsachen auch bequem liegen? Was finden wir also mit Blumenberg, wenn wir den Dingen und uns selbst auf den Grund gehen? Die schmucklos-nüchterne Antwort lautet: nichts. Wie eine vierte große Kränkung des menschlichen Selbstverständnisses bricht diese Erkenntnis in die uneingestandene Alltäglichkeit unserer Existenz hinein: Wir leben nicht im Zentrum des Universums, bilden nicht die Krone der Schöpfung, sind nicht einmal Herr im eigenen Haus der Seele. Und jetzt auch noch dies: Wir leben im Nichts - unser Dasein hat weder Grund noch Berechtigung.

Erst mit dieser Feststellung sowie den damit verbundenen Zumutungen und Einsichten für den Menschen wird es Blumenberg möglich, das Fundament seiner Philosophie des Mythos zu errichten. Das Eingeständnis der 'Seinsgrundlosigkeit' des Menschen führt den Leser - nach einer kurzen Verkraftungspause - zu der Frage, wie es denn komme, dass der Mensch diesen Umstand bisher so gut wie nicht bemerkt haben scheint und all die Jahre mehr oder weniger sorglos und strebsam leben konnten. Blumenbergs Antwort ist so einfach wie plausibel: Weil der Mensch von seiner eigenen Nichtigkeit nichts wissen will, schafft er sich eine eigene Welt, in der es so etwas wie einen besonderen oder berechtigenden Grund für sein Weiterleben und Fortkommen gibt. Dies ist die Sphäre der 'Bedeutsamkeit'. Der Mensch braucht sie, um sich gegen das unmittelbare So-Sein der Welt - Blumenberg nennt es den 'Absolutismus der Wirklichkeit' - behaupten zu können.

Und hier kommt der Mythos ins Spiel. Als gleichsam ontologisches Korrektiv ist er vom Menschen als Werkzeug für dessen Arbeit an der Wirklichkeit geschaffen worden. Mit seiner Hilfe bildet sich der Mensch ein Reich der 'Bedeutsamkeit', das die Angst vor dem Überhandnehmen des 'Absolutismus der Wirklichkeit' abzuwehren vermag. Je nach Beschaffenheit des Mythos gelingt dies dem Menschen mehr oder weniger gut. Er kann sich jedoch nur scheinbar entziehen, da immer wieder Bruchstücke der Wirklichkeit in den Mythos hineinragen. Es entsteht lediglich ein Zwischenreich, das jenseits von Mensch und Wirklichkeit liegen soll. In dieser Sphäre ist der Mensch weder ein absolut hilflos ausgeliefertes Mängelwesen noch ein vollkommen autonomes und daseinsberechtigtes Subjekt.

Da es nach Blumenberg keinen Abschluss des Mythos gibt oder geben kann, besteht zu jeder Zeit ein Wechselspiel zwischen den Extrempunkten Wirklichkeit und Mensch. Dieses Spiel lässt den Mythos entstehen und formt seine Gestalt. So sucht Blumenberg am Beispiel des Prometheus-Mythos beziehungsweise Prometheus-Mythologems zu zeigen, wie sich der Mensch, nachdem er zu überleben gelernt hat, seinen Platz in einem Kosmos sichern will, den er zunehmend auch gedanklich durchdringen und definieren muss. Kennt man die griechischen Götter mit ihren Absichten und Eigenschaften, so findet man sich in Blumenbergs Darstellung leichter zurecht und kann somit die Ansichten eines Mannes schätzen lernen, der den großen Gestaltern des Mythos auf der Spur ist. Wer neugierig auf Erkenntnisse und Einsichten über den Menschen - und nicht zuletzt über sich selbst - ist, dem sei Blumenberg als kundiger Fährtenleser auf den sich immer wieder verschlingenden Pfaden der menschlichen Kulturgeschichte ausdrücklich empfohlen.
Fazit
Man findet die Weltsicht eines Philosophen vor, dessen Reichhaltigkeit erst noch erschlossen werden muss.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Florian Mall [Profil]
veröffentlicht am 09. November 2008

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