Ylva Karlsson: Die Reise zum Kaiser

Die Reise zum Kaiser

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Fantasy
ISBN-13 978-3-423-62355-1

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Nie im Leben wäre Mikaela auf die Idee gekommen, ein Buch zu lesen oder von fernen Welten zu träumen. Die 12-Jährige ist anscheinend das phantasieloseste Mädchen in ganz Schweden. Bei einem Museumsbesuch ihrer Schulklasse steckt sich Mikaela einen jahrhundertealten Bernstein ein. In einem anderen Zeitalter auf der abgelegenen Ostinsel erhält die 15-jährige Erna eines Tages von einem Besucher auch einen gelblichen Stein. Ernas Mitbürger leben in der Epoche zwischen der Kaiserzeit und dem von ihnen erträumten goldenen Zeitalter; ihr Kaiser ist verschwunden. Das Reich scheint in eine Krise geraten zu sein, weil sein Herrscher allerhöchst anspruchsvoll erwartete, dass seine Umgebung stets harmonisch, ausgewogen und symmetrisch zu sein hatte. Weder seine Untertanen noch seine eigene Tochter konnten diesen übertriebenen Ansprüchen genügen. Im mühseligen Alltag finden die kaiserlosen Insulaner Trost in Erzählungen von der gefangen gehaltenen Kaisertochter und in der Prophezeiung von zwei Kaiserkindern, die ihnen eines Tages eine glänzende Zukunft bringen werden.

In unserer Zeit wird Mikaela zu ihrer Verblüffung vom Aufzug ihres Wohnhauses in eine andere, sehr idyllische Welt transportiert. Dort wird sie von den Menschen sofort freudig als lang ersehntes kaiserliches Kind begrüßt. Ausgerechnet Mikaela, der Phantastik gleichgültig ist, gelangt in eine fremde Welt! Als Mikaela nach einem kurzen Zwischenstopp in unserer Zeit ein zweites Mal mit dem Aufzug fährt, ist dummerweise Tobias, der im selben Haus wohnt, schon in der Kabine, so dass beide Kinder gemeinsam in die magische Welt transportiert werden. Mikaela ist ganz und gar nicht scharf darauf, mit dem nur wenig jüngeren Tobias gemeinsam unterwegs zu sein, auf den sie bisher stets herabgesehen hatte. Bei ihrer Ankunft im Kaiserreich werden Mikaela und Tobias gleich in einer eleganten Sänfte davon getragen; denn sie sollen auf die weite Reise in den Kaiserpalast des Festlands geschickt werden, um den Kaiser zur Rückkehr zu seinen Untertanen zu bewegen. Der Geselle Mundt und die junge Emma werden die beiden Kinder quer durchs Reich bis in die Kaiserstadt begleiten.

"Das ist ja wie im Zauberer von Oz" weiß Tobias die Ereignisse gleich richtig zu deuten. Im Gegensatz zur motzenden Mikaela genießt Tobias nicht nur die fremde Welt; er ist mit phantastischen Details, wie dem der besonderen Funktion von Schränken, vertraut und fühlt sich nun als Held mit einem wichtigen Auftrag. Der ergebene Mundt, der die "kaiserlichen Kinder" im Dienste seines Herrschers beschützen will und die zurückhaltende Emma, die anscheinend von einem Geheimnis umgeben ist, werden auf der Reise von einer Räuberbande entführt und gefangen gehalten. Den beiden Kindern gelingt die Flucht. Nach aufregenden Abenteuern zur Rettung ihrer Reisegefährten lernen Mikaela und Tobias durch ihre Begegnung mit Linnea und Laban schließlich die Harmonieansprüche des Kaisers mit dem Wissen der Gegenwart richtig einzuordnen; der Handlungsbogen findet wieder Anschluss an die Gegenwart. Im Laufe der Reise ist es Mikaela, der die Widersprüche im vorgeblich idyllischen Kaiserreich und im schlichten Weltbild seiner Bewohner auffallen. Armut, Sklaverei und Kinderarmut, die überall zu beobachten sind, lassen sich nach Mikaelas Ansicht nicht mit dem Glauben an einen gütigen Herrscher vereinbaren. Als Kind der Gegenwart sieht die 12-Jährige einen Ausweg aus der Misere darin, dass die Bürger des Zwischen-Zeitalters ihre Angelegenheiten endlich selbst in die Hand nehmen. Die kritische Mikaela, der Phantastik gleichgültig ist, erlebt in Ylva Karlssons Roman eine erstaunliche Reifung, die sie ihre Reisegefährten mit anderen Augen sehen lässt als zu Beginn der Reise. Im mittleren Teil des Buches knickt die Spannungskurve unter anderem deshalb ein, weil die innere Motivation der zeitreisenden Mikaela, trotz ihrer Zweifel die Reise fortzusetzen, wenig überzeugend dargestellt ist.

Ylva Karlsson führt ihre Leser in eine fantastische Welt mit eigener Sprache und eigener Gesellschaftsform. Die Handlung kommt weitgehend ohne Hilfe magischer Fähigkeiten aus; glückliche Wendungen sind meist dem Zufall zu verdanken. Nicht alle Rätsel werden aufgelöst, beim Lesen bleibt genug Raum für die eigene Vorstellungskraft. Die Autorin formuliert mit leichter Ironie, die sie durch direkte Ansprache ihrer Leser verstärkt, wenn sie abwechselnd Zugeständnisse macht oder Leser-Erwartungen absichtlich enttäuscht.
Fazit
"Die Reise zum Kaiser" ist ein Jugendroman der leisen Töne ohne durchgehenden Spannungsbogen. Das Buch fasziniert mit seiner überzeugend gezeichneten phantastischen Welt, die sich bis in die Details des täglichen Lebens, die Sprache der Zeit und die Gedankenwelt der Menschen vor den Augen der Leser entfaltet. Die Autorin fesselt ihr Publikum mit der inneren Entwicklung ihrer Helden, sowie dem Zusammenspiel der jungen und erwachsenen Reise-Gefährten. Wer in einem phantastischen Roman ohne Schlachtengerassel auskommt, kann sich mit Genuss von Ylva Karlsson in Muths und Ernas Welt entführen lassen.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 18. Juli 2008

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