Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

Der Geschmack von Apfelkernen

Verlag: Kiepenheuer & Witsch [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-462-03970-2

Preis: 16,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 06. Dezember 2016]
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Iris Berger ist zur Beisetzung ihrer Großmutter aus Freiburg nach Norddeutschland gekommen. Überraschend hat Oma Bertha der Ich-Erzählerin ihr Haus vererbt und nicht Iris Mutter Christa. Iris verbringt einige Tage allein in Oma Berthas Haus, einem ausgedehnten Gemäuer mit Diele, Wirtschaftsräumen, einem Gemüse- und einem Obstgarten. Berta, an Altersdemenz erkrankt, hatte die letzten Jahre vor ihrem Tod in einem Pflegeheim verbracht. Für Iris, die als Kind in den Sommerferien regelmäßig aus Süddeutschland zu Oma Berta kam, scheint in diesem Haus Zeit still zu stehen. Die Schränke sind gefüllt mit Kleidern von Iris Tanten, die Aussteuertruhen erwecken den Eindruck als sei das Haus noch immer bewohnt und im überwucherten Küchengarten hat eine fürsorgliche Hand sogar Petersilie ausgesät. Iris tritt in das Leben dreier Frauen-Generationen. Großmutter Bertha (verheiratet mit Hinnerk Lünschen) ihre Schwester Anna, Berthas Töchter Christa (Iris Mutter), Inga und Harriet und schließlich Iris, Mira und Rosmarie, die die Sommer ihrer Jugend gemeinsam in Bootshaven verbrachten. Rosmarie verunglückte mit 16 Jahren und wird in der Erinnerung ihrer Cousinen stets 16 Jahre alt bleiben. In den Erzählungen der Kränzchenschwestern Berthas und des pensionierten Lehrers Carsten Lexow werden Bertha Lünschen und ihre Schwester Anna wieder zu kleinen Mädchen. Nach langer Zeit fragt sich Iris, was ihr Großvater Hinnerk wohl für ein Mensch gewesen ist. Hinter Bildern von schattigen Linden, von Apfelernte und Marmelade-Kochen verbergen sich Iris Erinnerungen an die beginnende Demenz Berthas, deren Anzeichen die Familie erst im Rückblick richtig einordnen kann. Die einfühlsame Beschreibung von Berthas Demenz und das nüchterne Urteil der Patientin über ihre schwindenden mentalen Fähigkeiten gehören zu den anrührendsten Szenen des Buches. Erinnerungen an die Zeit der Cousinen als "durchgeknallte Teenager", Erzählungen von früher und die Atmosphäre des Hauses fügen sich allmählich zu den Höhen und Tiefen in Iris Familiengeschichte. In den wenigen Tagen erzwungener Muße in Bootshaven sieht Iris sich noch nicht in der Verantwortung für ein großes altes Haus und ein verwildertes Grundstück. Sie erkennt, welch tief reichende Konflikte die Pflege der dementen Großmutter auslöste zwischen Inga und Harriet, die die Verantwortung für Bertha zu tragen hatten, und Christa, die sich nach Meinung ihrer Schwestern zu leicht dieser Verantwortung entzog.
Fazit
"Der Geschmack von Apfelkernen" ist eine wenig spektakuläre Geschichte, die sehr zurückhaltend das Erinnern, Verdrängen und Vergessen thematisiert. Katherina Hagena zeichnet das treffende Porträt eines norddeutschen Provinznests und seiner wenigen Bewohner. Die Hauptfigur Iris findet sich inmitten von Personen und Geschichten, die sie erst allmählich zuordnen kann - Geschichten, wie sie in der Familie Lünschen bei Kaffee und Butterkuchen schon immer an Kinderohren vorbeischwebten. Katherina Hagenas anrührende Bilder werden bei jedem Leser an unterschiedliche Erinnerungen und Gefühle rühren. Mit der feinfühligen Schilderung von Berthas Demenzerkrankung, die man der Ich-Erzählerin Iris zunächst gar nicht zutraut, ist der "Der Geschmack von Apfelkernen" mehr als eine alltägliche Familiengeschichte.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 13. Juli 2008

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