Ingrid Noll: Die Apothekerin

Die Apothekerin

Verlag: Steinbach Sprechende Bücher [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-88698-408-4

Preis: 4,84 Euro bei Amazon.de [Stand: 02. Dezember 2016]
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Hella Moormann, von Beruf Apothekerin liegt im Krankenhaus. Vor lauter Langeweile beginnt sie ihrer Bettnachbarin Frau Hirte, einer ältlichen Jungfer, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Hella ist der Meinung, dass Frau Hirte ihr überhaupt nicht richtig zuhört und erzählt in ihren vermeintlichen nächtlichen Monologen auch Dinge, die besser niemand erfahren sollte. Hella hält dies für eine Art Therapie, die nichts kostet.
Schon sehr früh lernt sie, dass die elterliche Liebe nur durch Leistung erkauft werden kann und versucht den Vorstellungen der Eltern in jeder Weise zu entsprechen. Ihr leistungsorientiertes Verhalten in der Schule macht sie nicht gerade beliebt bei ihren Mitschülern und sie ist häufiges Ziel ihrer Streiche und Hänseleien.

Als sie beginnt sich für Männer zu interessieren tut sie es in einer Form, die ihrem Vater fast das Herz bricht, sie interessiert sich nur für Männer denen es noch schlechter geht als ihr. Genauso wie sie früher ihren Puppen die Beine verdreht hat, um sie dann später zu verarzten, sucht sie sich kranke Männerseelen, um sie zu heilen. Mit der Zeit legt sie sich eine ansehnliche Sammlung von Junkies, Depressiven, chronisch Kranken, geretteten Selbstmördern und tätowierten Ex-Knackies zu.
Aber eigentlich träumt sie davon, ein Familie zu gründen, mit Kind und einem zuverlässigen, seriösen Partner. Hella ist mittlerweile 35 Jahre alt, arbeitet in einer Apotheke und schreibt an ihrer Doktorarbeit, da lernt sie bei einem Autokauf Levin kennen, einen Studenten der Zahnmedizin, der trotz seines nicht einfachen Lebens nicht gleich kriminell geworden ist oder zu saufen und zu fixen angefangen hat, glaubt Hella! Eine gewisse Unreife und Oberflächlichkeit fällt ihr zwar auf, aber Lewin ist schließlich 7 Jahre jünger als Hella, da kann man so was schon einmal in Kauf nehmen.

Der vermeintliche Heiratskandidat entpuppt sich aber immer mehr als kriminelles, skrupelloses und geldgieriges Schwein. Lewin, der unter chronischem Geldmangel leidet, macht Hella schließlich zur Mitwisserin an einem Mord an seinem schwerreichen Großvater. Der Großvater, ein mürrischer alter Mann, kennt aber den fiesen Charakter seines Enkels. Er vererbt Hella den Löwenanteil seines Vermögens unter der Bedingung das sie und Lewin heiraten.
Hella geht nach einigen Bedenken und ausgiebigen Schmeicheleien von Lewin auf die Sache ein. Die Beiden ziehen, nach einer Renovierung, in die Villa des Großvaters ein, allerdings wohnt da noch Margot, die ehemalige Haushälterin von Opa Graber. Hella Mohrmann muß nun erfahren daß Margot eine alte Schulfreundin von Levin ist und ihr Mann Dieter ein Freund von Levin. Dieter ist damals, nach einem mißlungen Drogendeal praktisch für Lewin in den Knast gegangen, deshalb ist Lewin Dieter etwas schuldig. Nicht das Lewin irgendwelche Ehrgefühle hat, aber er hat panische Angst vor dem gewalttätigen und unberechenbaren Dieter.

Das Ende vom Lied, oder Leid für Hella, ist das am Ende alle vier unter einem Dach wohnen. Als Hella bemerkt das Lewin und Margot ein Verhältnis haben läßt sie sich mit Dieter ein, der ihr eigentlich gar nicht so schlimm erscheint wie von Lewin geschildert.
Hella wird schwanger und ist sich nicht sicher von wem das Kind ist, sie fühlt sich zwar zuerst zu Dieter hingezogen aber das ändert sich als der cholerische, gemeingefährliche Charakter von Dieter allzu offenbar wird.

Wer glaubt es gäbe keine Steigerung dieser Story mehr, der kennt Ingrid Noll nicht, ich verspreche, der geneigte Leser wird nicht enttäuscht werden.
Nur soviel: es kommt immer alles schlimmer als man denkt.

Ich gebe es ja zu, als Vielleser habe ich vielleicht zu hohe Ansprüche an die Romane die ich lese, oder besser konsumiere, aber meine Empfindungen sind wenigstens nicht durch ein Literatur orientiertes Studium beeinflußt. Ich bin Maschinenbauingenieur. Die leise Ironie die hinter jedem Wort steckt spricht mich sehr an. Ingrid Noll zeichnet, in jedem ihrer Romane, ein ausgezeichnetes und differenziertes Psychogramm ihrer Protagonisten und konstruiert daraus die vermeintlich absurdesten Situationen. Gleichzeitig spielt sie aber auch mit ihren Lesern, man ergreift sehr schnell Partei für die Mörderinnen in ihren Romanen und findet ihre Handlungen nur recht und billig. Sie versteht es sehr geschickt alle herkömmlichen Moralvorstellungen auf den Kopf zustellen und zwingt einem dadurch nachzudenken über den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit.
Wenn wir gerade von, vermeintlich, absurden Situationen sprechen. Ich kenne viele Geschichten (nur als plakatives Beispiel) von Männern, die ihre Frauen demütigen, Krankenhaus reif schlagen und nach Strich und Faden betrügen. Die Frauen wehren sich zwar, mit Polizeiaktionen, Frauenhaus, Freunden, Eltern, Sozialämtern. Aber am Ende sind sie doch wieder mit diesen Typen zusammen.
Wenn wir solche Geschichten hören erscheinen sie uns absurd, aber nur weil wir sie objektiv beurteilen, wir sind aber keine Individuen die jederzeit ihre Objektivität parat haben. Ich schweife ab, ich halte die Apothekerin für ein realistisches Buch und kann mir vorstellen daß die beschriebenen Szenarien durchaus real sind.
Ich habe in meinem Leben auch schon die unmöglichsten Sachen erlebt, wenn ich die aufschreiben würde, dann würde mir jedermann den Vorwurf machen, das gibt es doch gar nicht, so blöd kann man doch nicht sein, jeder vernünftige Mensch hätte doch sofort........STOP es ist ein Unterschied ob man in einer Sache 'drinsteckt oder sie nur von außen betrachtet.

Obwohl in ihren Romanen sich oft Frauen durch geschickt arrangierte Morde von Männern befreien, möchte Ingrid Noll sich nicht als Männerfeindin verstanden wissen. Sie sagt: "Ich mag Männer, schließlich habe ich selber einen."
Fazit
In ihren Krimis, die sich bislang nie an dem Muster des klassischen Kriminalromans orientieren, erzählt Ingrid Noll in einem klaren, nur scheinbar unkomplizierten Stil Alltagsgeschichten, die den latenten Wahnsinn hinter der Fassade solider Kleinbürgerlichkeit aufdecken.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne
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Vorgeschlagen von Peter Bahner [Profil]
veröffentlicht am 02. April 2003

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