Mark Z. Danielewski: Das Haus

Das Haus

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-608-93777-0

Preis: 29,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 09. Dezember 2016]
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Noch nie hat mich ein Buch so zerrissen, wie dieses. Einerseits hat es auf mich den Eindruck gemacht, ein phantastisches Buch in der Hand zu halten. Nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Aufmachung, dem gesetzten Text und den eingefügten Bildern. Andererseits wäre ich bereit zu sagen, das Buch ist nutzlos bedrucktes Papier. Eines ist jedoch sicher, es ist ein einmaliges Werk. Für diejenigen die das Buch nicht mögen sicherlich beruhigend, für diejenigen die es mögen ist jedoch klar, dass es kein entsprechendes Nachfolgewerk geben kann. Mark Danielewski, und da bin ich mir sehr sicher, wird nicht in der Lage sein, ein Buch zu schreiben, das ebenso kontrovers behandelt wird wie dieses. Zudem ist die Erwartungshaltung seiner Leser inzwischen sehr hoch.
In der Einleitung des Buches wird die Behauptung aufgestellt, dass das Buch von einem gewissen Zampanò stammt, der jedoch blind war. Gleichzeitig gibt er bekannt in dem verlassenen Haus das Buch als eine Art Loseblattsammlung, daher wohl der Name HOUSE OF LEAVES (HAUS DER BLÄTTER), gefunden zu haben. In mühevoller Arbeit habe er, derjenige der die Einleitung schrieb, die Blätter sortiert und als Buch zusammengefasst. Mit diesem, nicht neuen, erzählerischen Trick ein Buch als Tatsachenbericht auszugeben, wird der Autor gleichsam zum Bestandteil des Romans.
Eines Tages erhält der Extätowierer Johnny einen Anruf. Ein Freund von ihm erzählt von einem verstorbenen blinden Mann. Gemeinsam machen sie sich daran, die Wohnung zu durchsuchen. Der mit Geld- und Drogenproblemen behaftete Johnny Truant findet ein überaus umfangreiches Manuskript. Während er sich mit dem Buch beschäftigt, kommt Johnny Truant (sein Name lautet übersetzt Schulschwänzer oder Faulenzer und ist Programm) zu dieser Einsicht, weder der erfundene Dokumentarfilm besteht, noch das fast-wissenschaftliche Manuskript oder gar die Anmerkungen als Fussnoten im Manuskript, sind je gedruckt oder gesagt worden. Doch sei die wichtigste Anmerkung vorweg genommen. Wie hat der blinde Mann darüber schreiben können? Ein Blinder sieht keinen Film, hört ihn nur und schreiben, maximal Blindenschrift und die kann nicht jeder Normalsterbliche. Die Unwahrscheinlichkeit wird von Truant und dem Leser achselzuckend so übernommen. Johnny Truant versucht sich in die bizarre Welt des verstorbenen Zampanò einzulesen. Je mehr Blätter er in die Hand bekommt und liest, desto weniger kann er sich vom Inhalt lösen. Johnny verliert sich in sich selbst und im Lesestoff, bei dem Versuch, die Loseblattsammlung zu ordnen und selbst neu zu bewerten. Der Leser, der sich auf das Buch einlässt, verliert sich gleichsam in der Handlung und überschreitet damit die unsichtbare Grenze zwischen Leser und Handlungsträger. In dieser traurigen Welt lässt Mark Danielewski Johnny immer wieder über sich selbst berichten, indem er Fussnoten und Bemerkungen einfliessen lässt. Im Zentrum der Erzählung steht nicht etwa der Erzähler und die Hilflosigkeit, etwas unbeschreibliches in Worten wieder zu geben. Das Manuskript von Zampanò trägt den unbedeutend erscheinenden Titel, Der Navidson-Report. Der Report scheint über weite Strecken ein kritisches Begleitwerk zum gleichnamigen kritischen und wissenschaftlichen Film zu sein. Dieser Film wurde vom preisgekrönten Will Navidson, einem Fotojournalist und Pulitzerpreisträger gedreht. Doch es sei gleich gesagt, den Film und den Report gibt es nicht wirklich. Johnny erkennt dies ebenfalls, ebenso wie zahlreiche Quellenangaben und Anmerkungen eine reine Erfindung sind. Zu leicht ist man gewillt, als Leserin oder Leser, Erfindung mit Tatsache gleich zu setzen und sich möglicherweise in einer sehr obskuren Handlung zu verlieren. Im Zentrum steht das seltsame Haus im ländlichen Virginia. Navidson der mit seiner Familie dorthin zieht, scheint eine besondere Ähnlichkeit zum Haus zu haben. Das Haus scheint jedoch ein Eigenleben zu führen, welches dazu führt, dass es sich der besonderen Situation des Fotografen anpasst. Will Navidson will doch nur in Ruhe leben, mit seiner Familie ein Familienleben führen, wie er es lange Zeit nicht führen konnte. Das Haus der Blätter ist ein familienfreundliches Haus, das mit der Familie mitwächst. Oder auch ohne. Für den Dokumentarfilmer Will Navidson wird das Haus zu einem nervenaufreibenden Abenteuer. Er kann nicht verstehen, warum das Haus, von aussen ganz normal anzusehen, innen sehr viel mehr Platz bietet. Also versucht er, mit den Mitteln, die er beherrscht, dem Haus Herr zu werden. Er setzt die Kamera ein um zu dokumentieren und Stift und Schreibblock, um aufzuschreiben und notieren. Dieses mühsehlige Unterfangen bildet für Will Navidson ein Abenteuer, dass er nicht überstehen wird. Zunächst ist das Haus nur um wenige Zentimeter grösser und fällt gar nicht auf. Will ist erstaunt, als ihm ein fremder Flur auffällt, der sich plötzlich im Inneren des Hauses befindet und so macht, als sei er schon immer da gewesen. Eines Tages findet Will hinter einer Tür einen dunklen Flur, aus dem ihm eine unnatürliche Kälte entgegen kommt. Natürlich versucht Will den Korridor zu erkunden. Bei der Erkundung des Flures findet er weitere Räumlichkeiten, die dort gar nicht sein können. Dass sie es dennoch sind, treibt Will fast in den Wahnsinn, festgehalten in seinem eigenen Report, der später seinen Namen tragen wird. Mit der Verfolgung des Handlungsstrangs um ihn, geht eine Erkundung der Räume einher. Gleichzeitig dient die Erkundung physischer Räume als abstrakter Begriff für die Erkundung seelischen Raume mit Empfindungen wie Verzweiflung und Einsamkeit und nicht zuletzt auch die Verlorenheit. Gerade letztere ist es, die besonders hervortritt, je grösser die Räume werden, die Will in dem Haus erforscht. Der Weg führt durch den Flur in einer dunkle Halle und schliesslich zu einer endlos erscheinenden in unbekannte Tiefen führenden Wendeltreppe. Mit seinem Bruder startet Will eine regelrechte Expedition in die unergründliche Tiefe und... scheitern. Von aussen, eine endliche Grösse, berechenbar für jeden Architekten, Statiker und Mathematiker. Von innen eine sich selbst vervielfältigende Grösse für die der Begriff Unendlich erfunden zu sein scheint. In der unbekannten Tiefe des Raumes, das ist jetzt keine Metapher, die sich auf Science Fiction und die Tiefe des Weltalls bezieht, versteckt sich ein unbekannter Schrecken. Der unerklärliche Schrecken, das Unheimliche an sich verliert in der weiteren Beschreibung, nur um sich neu zu gestalten. Die Kunst des Autors sei es nun Mark Danielewski oder Will Navidson scheint es zu sein, einen Künstlerroman zu erschaffen, der sich am Künstler reibt und sich dadurch selbst erschafft. Den eindringlichen Worten folgend wird aus einer Loseblattsammlung eine gebundene Loseblattsammlung. Denn das Buch kann man zwar als solches so nennen und erkennen, ist aber in Wirklichkeit nie so geplant gewesen. Wenn der Leser dem Handlungsträger folgt, geschieht das meist nie zu seinem, weder von Will Navidson noch dem Leser, Besten.

Das Buch ist schwierig zu lesen. Manch einer wird das Buch vielleicht als unlesbar bezeichnen, andere wiederum halten das Buch selbst für eine Art Kunst, rein zufällig mit beschrifteten Blättern versehen. In jedem Fall ist es aber kein Buch, welches mal eben in ein paar Musestunden gelesen werden kann. Mit Begriffen wie alptraumhaft und anstrengend ist zumindest der Beginn einer Charakterisierung gegeben. Diese Beschreibung könnte jedoch damit beginnen, dass Mark Danielewski mit seinen Hunderten von Fussnoten und Anmerkungen zu Fussnoten den akademischen Betrieb geistreich verspottet. Im selben Moment wo er diesen Hohn und Spott über die Bildungswelt ausschüttet, lässt er es zu, dass über ihn und das Buch ebenfalls Hähme ausgeschüttet werden kann. Kann, wohlgemerkt, nicht muss. Der Unterschied im Verständnis liegt in den unterschiedlichen Lesegewohnheiten deutscher Buchbesitzer und Buchliebhaber. Der Roman ist sehr vielschichtig wobei er durchaus bestimmte Vorstellungen aus dem Bewusstsein vertreibt und vielfach zu Zwangshandlungen führt, etwa, eine Seite wieder und wieder zu lesen.
Diese Begebenheiten erleben wir doch nur aus dritter Hand mit. Denn wir sehen sie nur mit den Augen von Johnny Truant.
Fazit
Mark Danielewski verlangt seinen Lesern eine Menge Geduld und Konzentration ab. Dafür überlässt er ihnen, den Lesern, ein dickes Buch, das von den wenigsten Lesern ein zweites Mal in die Hand genommen wird. Ich denke, ich gehöre zu den wenigen die das Buch dreimal in der Hand hielten. Einmal, um es durchzublättern und gleich wieder weg zu legen, einmal, um es zu lesen und ein weiteres Mal um, Verschwörungstheorien hin oder her, nach versteckten Hinweisen, übersehenen Hinweisen und anderem mehr zu suchen. Das ist auch ein Grund, warum erst Monate nach dem Erscheinen des Buches, dieser Bücherbrief erscheint. Der andere Grund ist der, dass ich trotz mehrerer Versuche über die unterschiedlichsten Wege kein Interview erhalten konnte. Mark Danielewski hat ein beeindruckendes Buch geschrieben, von dem nur eines sicher ist, wie ich bereits andeutete, es gibt kein zweites auf der Welt, dass ihm auch nur ähnelt.
Leider habe ich es versäumt, mich mit der Übersetzerin Christa Schuenke in Verbindung zu setzen um mich über das Buch mit ihr ein wenig auszutauschen. Wenn man monatelang dieses Buch übersetzt, hat man einen ganz anderen Zugang dazu als normaler Leser, Phantastik-Fan oder gar Lohnschreiber von Feuilletons. Zudem hat mir die Webseite phantastik-couch auf Anfrage verboten das Interview mit Mark Danielewski nachzudrucken. Mark Danielewski trieb einen enormen Aufwand, um sein Buch zu gestalten und als solches heraus zu geben. Es dürfte nicht sehr einfach gewesen sein, in der Übersetzung den Aufwand nachzuvollziehen, ihn als solchen nicht gelten zu lassen, sondern als Mittel der Erzählung zu rechtfertigen. Im Gegenteil, mit all den Elementen und seinen spielerischen Umgang könnte man meinen, das Buch sei nur eine Vorstufe zu einem experimentellen Film, der dann doch wieder Will Navidsons Dokumentarfilm sein könnte.
Die beiden hauptsächlichen Erzählstränge, festgemacht an Will und Johnny, wirken wie eine Sucht. Man kann nicht von ihnen lassen, wenn man sich erst einmal auf sie eingelassen hat, fordern aber eine Menge Konzentration und Geduld. 797 Seiten mit 450 Fussnoten, quasi als wissenschaftliche Beglaubigung, eine verschachtelte Handlung und ein Irrgarten von Textseiten, die aus diesem Buch durchaus ein Drehbuch machen. Im wahrsten Sinn des Wortes.
Wir haben ein ganz besonders Buch. Da ist der Leser, der dem Autor Mark Danielewski folgt, wie er dem Leser Johnny Truant Leben einhaucht, der wieder dem Autor Zampanò folgt und der wiederum Will Navidson beobachtet. Wer beobachtet wen, wer hat wen erfunden und ist Mark wirklich Wirklich? Kommen Sie dem Geheimnis von DAS (Gespenster-) HAUS auf die Spur?!
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von erik schreiber [Profil]
veröffentlicht am 11. Juli 2008

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