Renate Feyl: Die profanen Stunden des Glücks

Die profanen Stunden des Glücks

Verlag: Diana Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-453-15262-5

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Das ist ein wunderbares Buch, und unter uns Freundinnen, die wir es schon gelesen haben, bereits so etwaswie ein Kultbuch."

Diesen Worten der bekannten Literaturkritikerin Elke Heidenreich ist eigentlich nichts hinzuzufügen. 1771 erscheint der erste deutsche Frauenroman Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim" auf der Leipziger Buchmesse. Er machte seine Verfasserin, Sophie La Roche (1730-1807) mit einem Schlage berühmt. Wieland, ihre Jugendliebe, Herder, Goethe, Lenz und Schiller bewunderten sie. Doch nicht nur als Romanautorin wurde Sophie von La Roche berühmt: sie war auch Herausgeberin der ersten deutschen Frauenzeitschrift Ponoma." Von dieser Zeitschrift war Katharina die Große von Rußland so begeistert, dass sie davon fünfhundert Exepmlare abonnierte und so dieser Zeitschrift zum Durchbruch verhalf.

Im Februar 1807 - also vor über 200 Jahren - verstarb Sophie La Roche in Offenbach, was wir zum Anlass nehmen, diese großartige Frau zu würdigen.

Wie ist nun ihr Lebensweg verlaufen? Wie kam es zu ihrem Ruhm? Wie gestaltete sich ihr Verhältnis zu den ihr verwandten Geistesgrößen wie Wieland oder Goethe? Wie lief ihr Alltag ab?

All diese Fragen beantwortet die meines Erachtens bis heute einfühlsamste Romanbiographie über Sophie La Roche: Die profanen Stunden des Glücks" von Renate Feyl. Sie zeigt, dass der glanzvolle Start Sophie La Roches als Romanautorin vor allem der Beginn enier mühseligen, von Neid, Klatsch und Schicksalsschlägen geprägten Karriere war.

Ihren ersten Verlobten, einen Italiener, mußte sie auf Druck ihres hartherzigen Vaters verlassen, der sie dann - um sie loszuwerden - mit Georg Michael von La Roche verheiratete, einem aufgeklärten und gebildeten Geist, der es bis zum Kanzler von Kurtrier unter Kurfürst Clemens Wenzelslaus bringen sollte. Sophies Leben schien also sorgenfrei zu beginnen. Nach dem sensationellen Erfolg ihres Romanerstlings, der Geschichte des Fräulein von Sternheim, der 1771 erschien, steigt sie in höchste Kreise in Hof und Adel auf.

Doch klerikale Kreise verdächtigen ihren Ehemann, ein Atheist zu sein, und im September 1780 wird Georg Michael von La Roche gestürzt und muss Koblenz verlassen. Nur die Tatsache, dass ein befreundeter Minister ihm Wohnung und die eigene Pension zur Verfügung stellt, lässt die Familie überleben. Sophie ist nun darauf angewiesen, Geld zu verdienen, zumal Georg Michael La Roche ein Angebot des preußischen Königs Friedrichs
des Großen, in seine Dienste zu treten, ablehnt, da er einen Neuanfang scheut und einen nochmaligen Sturz nicht ertragen will.

Um die Familie - inzwischen gibt es vier Kinder, die versorgt werden müssen, über die Runden zu bringen, schreibt Sophie von La Roche nun für Geld. Sie gründet - gegen den Willen ihres Gatten - die oben erwähnte Frauenzeitschrift Ponomia. Renate Feyl zeigt

deutlich, wie groß der Unterschied ist, aus gesicherter materieller Situation heraus schreiben zu können oder aus Gründen des Gelderwerbs schreiben zu müssen.

Doch die Stärke einer Persönlichkeit zeigt sich im Unglück. Sophie La Roche, sehr energisch, nimmt die Zügel in der Familie in die Hand und sichert ihr Überleben. Die älteste Tochter, Maximiliane, der Goethe in seinem Werther" ein literarisches Denkmal gesetzt hat, heiratet Peter Anton von Brentano, der sich am Kauf des Grillhäuschens" in Offenbach am Main beteiligt. Dadurch können die LaRoches Eigentum erwerben und - nachdem die Ausbildung der Kinder gesichert ist - mit der Pension Georg Michael La Roches bescheiden leben. Ein glückliches Leben, sollte man meinen. Doch Georg Michael kommt über seinen Sturz als Kanzler Kurtriers nicht hinweg, erleidet einen Schlaganfall und stirbt 1788, nur zwei Jahre nach dem Einzug in das neue Heim. Außerdem muss Sophie von La Roche den Tod ihrer Lieblingstochter Maximiliane, die nach der Geburt ihres 19. Kindes stirbt, und ihres Lieblingssohnes Franz ertragen. Sohn Fritz, zeitweise in Amerika erfolgreich, erweist sich als Versager, der Frau und Familie im Stich lässt und Schulden macht. Die Tochter Lullu wird von ihrem trunksüchtigen Mann schwer misshandelt und flieht zur Mutter zurück - unglücklich bis an ihr Lebensende.

Was bleibt da noch an Glück für Sophie La Roche? Eigentlich nur ihre literarische Arbeit, in die sie sich flieht, um den Alltagssorgen durch Schreiben zu entkommen, sowie die Anerkennung, die sie als außergewöhnliche Frau bei befreundeten Schriftstellern, Philosophen und insbesondere bei ihrem Jugendfreund Wieland, zu dem sie bis zu ihrem Tode eine platonische Liebe verbindet, findet.

Am schönsten finde ich - am Schluss des Romans - die Worte, die Wieland, der ihren ersten und ihren letzten Roman herausgegeben und mit einem Vorwort versehen hat, anlässlich ihres 75. Geburtstages für seine frühere Jugendliebe findet:

Mit Rührung und Dank gegen die unsichtbare Hand, die unsere Schicksale lenkt, erinnere ich mich der seligen Tage, die ich, ewig teure Sophie, mit Ihnen lebte und des so wohltätigen Zaubers, den Sie mit dem ersten Blick auf mein ganzes Wesen warfen. Damals kannte ich weder Sie noch mich selbst, ich hatte keinen Begriff davon, daß es möglich sei, nicht mit Ihnen und für Sie zu leben. Aber es war eine idealistische, eine wahre Zauberwelt und selbst die Sophie, die ich so innig und so schwärmerisch liebte, war nicht die wahre Sophie Gutermann, sondern die Idde der Vollkommenheit, die sich in ihr verkörpert darstellte und diese wunderbare platonische Liebe hervorbringen mußte, deren süße Täuschungen einen so mächtigen Einfluß auf meine ganze innere und äußere Existenz gehabt haben. Nichts ist wohl gewisser, als daß ich, wofern uns das Schicksal nicht im Jahre 1750 zusammgebracht hätte, kein Dichter geworden wäre."


Diese Worte zeigen meines Erachtens, welche Kraft, ja welches Charisma von dieser ungewöhnlichen, empfindsamen und doch sehr mutigen Frau ausgegangen sein muß. Renate Feyl gelingt es fabelhaft, sich in das Leben dieser Frau einzufühlen und das Auf und Ab ihres Lebens, ihre literarische Entwicklung, ihr Leben und das Alltagsleben jener Zeit plastisch und treffend darzustellen. Es fasziniert an diesem Buch die Fülle der Details genau aus diesem Alltagsleben der Großmutter der Brentanos", der Einblick in die gesellschaftlichen Konventionen und vor allem der Einblick in die Gesetzmäßigkeiten des Literaturbetriebes,

den Kampf Sophie La Roches mit ihren Verlegern, denen es nur um pekuniären Erfolg und Schreiben gemäß dem - immer schneller wechselnden - Zeitgeist und nicht in erster Linie um literarische Qualität ging.

Am meisten hat mich beeindruckt, dass sich Sophie La Roche von den Widrigkeiten des Lebens nicht hat unterkriegen lassen, sondern immer wieder aufgestanden und den Schicksalsschlägen getrotzt hat. Sie hat sich nicht verbiegen lassen, sich in ihren Werken - auch um den Preis des literarischen Mißerfolges - nicht dem Zeitgeist angepasst, sondern sich die Freiheit genommen, nach meinem Charakter zu leben", wie es der Herausgeber des ihr zu Ehren entstandenen Kataloges einer Ausstellung in ihrer Heimatstadt Offenbach anlässlich ihres zweihundertsten Todestages, Jürgen Eichenauer, treffend formuliert hat.

Dies wird an dieser einfühlsamen Romanbiographie Renate Feyls, die meines Erachtens zum Besten gehört, was über Sophie La Roche geschrieben worden ist, sehr deutlich.
Fazit
Renate Feyl hat mit diesem Buch das Genre der Romanbiographie" in der deutschen Literatur wieder hoffähig" gemacht, nachdem diese Kunst nach den wunderbaren Werken Stefan Zweigs lange Zeit in die Vergessenheit geraten war. Renate Feyl zeigte mit diesen Werk, dass Biographien nicht nur dann informativ sein können, wenn sie streng wissenschaftlich konzipiert sind. Nein, auch Romanportraits zur Unterhaltung" können - wenn sie mit Empathie geschrieben sind, den Leser befähigen, sich ein lebensechtes Bild zu machen - von der biographierten Persönlichkeit und ihrer Zeit, in welcher sie gelebt hat. Und dies ist Renate Feyl mit dieser Lebensbeschreibung aus meiner Sicht hervorragend gelungen.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 02. Juli 2008

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