Bassam Tibi: Krieg der Zivilisationen: Politik und Religion zwische Vernunft und Fundamentalismus

Krieg der Zivilisationen: Politik und Religion zwische Vernunft und Fundamentalismus

Verlag: Hoffmann und Campe [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-455-11060-9

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Ich halte dieses Buch für hochinteressant. Man mag zu der Hauptthese dieses Buches, dass ein Krieg der Zivilisationen möglich sei - der Autor bekennt offen, dass er Huntingtons diesbezüglichen Denkansatz in dessen umstrittenen Werk: "Kampf der Kulturen" teilt, jedoch optimistischer als Huntington die Möglichkeit einer Versöhnung der Kulturen beurteilt. Wenn es gelänge, eine alle Zivilisationen verbindende, universelle Moralität verbindlich festzuschreiben, so Tibi im Unterschied zu Huntington, könne der Krieg der Zivilisationen abgewendet werden. In seinen weiteren Publikationen, etwa "Die fundamentalistische Herausforderung" zeigt Tibi deutlicher als in dem vorliegenden Werk, dass die eigentliche Herausforderung für ihn nicht der Islam selbst, sondern die fundamentalistische Richtung im Islam ist. Bevölkerungswachstum, Verarmung, die mit der Aufklärung einhergehende Säkularisierung des Staates und eine allgemeine "Sinnkrise" förderten diese radikale Richtung.
Was tun gegen den "Konflikt der Zivilisationen"? Tibi fordert zum einen die Demokratisierung der Staaten, da Demokratien keine Kriege gegeneinander führten - diese als "Demokratischer Frieden" bekannte These in den Internationalen Beziehungen ist durch Forschungen inzwischen weitgehend bestätigt worden (vgl. hierzu die wegweisenden Publikationen von Ernst-Otto Czempiel). Zum anderen fordert Tibi eine Synthese von Zivilisationsbewusstsein und Kompromissbereitschaft oder mit anderen Worten: Toleranz. Er fordert "die Aufgabe der Exklusivität, nicht aber eine Selbstaufgabe im Namen falsch verstandener multikultureller Toleranz" und plädiert für eine internationale, das heißt von allen Zivilisationen geteilte Moralität, vor allem im Bereich der Demokratie und der Menschenrechte. Ein Dialog der Kulturen, wie sie - etwa nach den Anschlägen vom 11. September - der Berater des iranischen Präsidenten Chatami, Mohadscherani, gefordert hat, könne - so Tibi - jedoch nur mit denjenigen geführt werden, die auch dialogbereit seien. Islamische Fundamentalisten lehnten jedoch den Dialog mit dem Westen kategorisch ab. Was im Übergang zum 21. Jahrhundert zusammenbreche, so Tibi, sei eine Weltordnung, die auf der Basis der westlich-europäischen Erorberung der Welt aufgebaut und von der westlichen Zivilisation geprägt worden sei.
Wie man auch immer zu der These Tibis und Huntingtons stehen mag, so muss man sich meiner Meinung nach fragen, woher der unbändige Hass kommt, der sich in Taten entlädt, wie sie am 11. Sepbember 2001 erfolgt sind. Hier kommt man - so denke ich - nicht um die Feststellung herum, dass Muslime sich als Benachteiligte und Globalisierungsverlierer in der heutigen Welt fühlen und die spannungen mit dem Westen - wie Tibi zeigt - als Zivilisationskonflikt wahrnehmen.
Fazit für mich: es müssen die Ursachen des Terrors (Armut, Hunger, Verteilungsungerechtigkeiten im Zuge der Globalisierung) bekämpft werden - und dies nicht nur mit schönen Worten, sondern durch konkret wahrnehmbare Politik, die die Wurzel des Übels - die weltweite Verteilungsungerechtigkeit - anpackt; nur dann wird es langfristig gelingen, dass sich die verschiedenen Zivilisationen mit Toleranz begegnen - dies schließt für mich eine stärkere Kenntnis dieser Zivilisationen, Religionen und Kulturen ein.

Das Werk von Bassam Tibi trägt zu dieser Erkenntnis und zur vertieften Kenntnis des Islam durch sein vorliegendes Werk bei. Er vermittelt hier und in seinen weiteren Publikationen zentrale Botschaften des Islam und erschließt Quellen, die dem Nicht-Muslim sonst nicht bekannt wären. Inwieweit er selektiven Umgang mit Quellen betreibt, wie ihm vorgeworfen wurde, kann ich nicht beurteilen. Für mich klärt dies Werk über Ursachen der gegenwärtigen weltpolitischen Spannungen auf; und dies ist nach den schrecklichen Geschehnissen in New York und Washington dringend notwendig - gerade auch, um "Friedensstrategien" (der Begriff stammt aus dem gleichnamigen Werk von Ernst-Otto Czempiel) im Umgang der Zivilisationen untereinander zu entwickeln.

Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 30. März 2003

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