Stefan Reiß: Fichtes 'Reden an die deutsche Nation' oder: Vom Ich zum Wir

Fichtes 'Reden an die deutsche Nation' oder: Vom Ich zum Wir

Verlag: Akademie-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-05-004258-9

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Niemand anders als Johann Gottlieb Fichte mit seinen Reden an die deutsche Nation von 1808 hat ein intellektuell hochwertiges Werk beispielhaft im Kampf gegen die Herrschaft feindlicher Bajonette in Preußen hinterlassen. Er richtet im Kampf um die Grundrechte einer jeden Kultur, um die Freiheit der Gedanken und das Grundrecht der Nation auf politisch-kulturelle Selbstbestimmung folgendes an seine Zuhörer: "Wir sollen unsern Geist nicht unterwerfen: so müssen wir eben vor allen Dingen einen Geist uns anschaffen, (...), wir müssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemäß werden, (...)." (Fichte, Johann Gottlieb von 1869: Reden an die deutsche Nation, S. 120) Er drückt damit den Anspruch auf Selbstrechtfertigung in Freiheit und auf die politische Realität eines eigenen Geistes aus, der sich der göttlichen Ordnung bewußt ist und ohne Hemmnisse der Wahrheit zustrebt. Er werde durch Erziehung und Gemeinschaft von Generation zu Generation als transzendentes Erbe weiter getragen.

Wir können also mit Fichte den Einzelnen als wesentlich definiert durch seine Gemeinschaft verstehen - der reflexiven Individualismus, der eine dialogische und interpersonal-relationale anstatt eine monologisch-selbstbezügliche Perspektive aufweist erscheint hier als charakteristische deutsche Staatsphilosophie. Die deutsche Subjektreflexivität ist nicht subjektivistisch, weil sie reflexiver "Sebstbezug-im-Fremdbezug" (Johannes Heinrichs) ist. Der Einzelne ist jemand, der sich mit den Anderen definiert. Fichtes "Reden an die deutsche Nation" zeigen nicht nur, wie Fichte sein politisches Denken von einer rechtlich-individualistischen auf eine nationale Grundlage umstellt, sondern sie lassen gerade in ihrer Vielschichtigkeit, in ihren inneren Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten zugleich wesentliche Strukturmerkmale nationalen Denkens erkennen.

Die vorliegende bei Herfried Münkler in Berlin entstandene Dissertation erforscht Fichtes vom Dezember 1807 bis März 1808 sonntags im Rundsaal der Preußischen Akademie der Wissenschaft zu Berlin gehaltene Reden. Es geht ihm dabei nicht um den primitiven Vorwurf blinder "Deutschtümelei". Derlei vorwürfe sind naives Relikt einer im Denken gehemmten deutschen Nachkriegszeit. Und in der Tat geht es um mehr, nämlich um eine Synthese humanitärer, kosmopolitischer, sprachlicher, sittlicher und nationaler Ideen (167ff.). Sprache und Sitten als Kern einer demokratischen Kulturgemeinschaft, die nur als solche einem Europa kulturelle Pluralität zu verleihen in der Lage ist, stehen in der Tradition Herders und Fichtes. Fichte betont die kulturelle Bildung der Nation als Vorstufe zur rein menschlichen Bildung. Er synthetisiert Weltbürgertum und Patriotismus mit dem Ziel der Organisation menschlicher Gesellschaft nach dem Bilde der Vernunft und der Maxime staatspolitischer Unabhängigkeit. Damit spricht er sich für einen bürgerlichen Patriotismus von Menschen gleicher Sprache und Kultur als mikrokosmischer Prämisse für einen menschheitlichen Makrokosmos aus, ohne die Souveränität der Völker zu leugnen, wie es dem amerikanischen Kosmopolitismus oft vorgeworfen wird. (Übrigens zu recht)

Seit Frankreichs Sieg über Preußen 1806 kann Fichte als der "eigentliche Philosoph der Napoleon-Feindschaft" (C. Schmitt) gelten. Die in den Reden entwickelte Sprachtheorie betont den Zusammenhang von Denken und Sprache, von nationaler Identität und sprachlich-kulturellem Kontext (125). Fichte fordert eine "Deutschwerdung" im Zuge einer Nationalerziehung, die für Knaben wie Mädchen in Form von Internaten pflichtig gemacht werden solle. Dabei versteht er die deutsche Nation als geöffnet alle, die an Geistigkeit und Freiheit glauben (160), und zielt mit seinem Erziehungsprogramm auf eine Gesellschaftsordnung, wie sie das Vernunftgesetz vorschreibt. Dies allein dient der Gemeinwohldefinierung aus kulturellem Hintergrund, die auch nicht über zu einer parteipolitischer Willkür gegenüber politischen Außenseitern neigenden abstrakten ‚Werteordnung’ des nachkriegsdemokratischen Verhaltens "gegen links" oder "rechts" zu erlangen ist. - Alles purer Unsinn! - Fichte selbst hat die deutsche Staatsphilosophie schon 1793 in seinen von Bernard Willms herausgegebenen Revolutionsschriften mit einem höherwertigen Maßstab versorgt, wenn er meint, daß wahrhaft moralisch nur aus absoluter innerer Freiheit und ohne monologische Appelle, die privilegierte aber nicht dialogisch-reflexive Grundwahrheiten vorgeben, gehandelt werden könne. Eine Staatsverfassung sei nicht vernünftig, wenn sie die Möglichkeit der Entwicklung hin zur Freiheit über latenten - zumal parteipolitischen - Gesinnungsterror abwehrt.

Wir können diese Grundhaltung in den "Reden" als vollends ausgereift erkennen. Die vorliegende Studie schert aus dem Bisherigen dadurch aus, daß nicht nur Fichtes Denken entfaltet, sondern auch die tiefer greifenden Bedeutungen des Werkes erkannt werden, die zu erkennen wohl Parteipolitiker jeglicher Couleur, die sich Fichte entweder aneigneten (NSDAP) oder ihn strategisch mißdeuteten (Parteien der Nachkriegszeit), ohne Frage nicht in der Lage sind.

Hatte Fichte in seinem im Winter 1804/05 gehaltenen Vorlesungszyklus "Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters" die Gegenwart noch über das erwachende Freiheitsbewußtsein definiert, proklamiert er in den "Reden" eine Zeitenwende, in der auf die Zerstörung des "Reichs der Selbstsucht" durch fremde Gewalt die neue Welt der nationalen Einheit folge. Der Reichsgedanke bei Fichte bietet die politische Form für die deutsche Nation dar, wobei er eine föderative Struktur präferiert.
Fazit
Diese Studie gibt zu denken. Sie gibt ein Beispiel für die überfällige Neureflexion des deutschen Nationalgedankens ab - auf Basis desjenigen Philosophen, der hier absolut anknüpfungsfähig ist.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 07. Juni 2008

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