Gustav Adolf Lehmann: Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen

Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-406-56899-2

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Vor einigen Jahren, so schrieb Helmut Schmidt in einem Artikel in der ZEIT ("Schreibt lesbare Geschichtsbücher!", Die ZEIT, 14.4.2004), war der Ex-Bundeskanzler und bekannte Verfasser politischer Bücher einer Einladung zur Teilnehme an einer Geschichtsvorlesung an der Universität der Bundeswehr in Hamburg gefolgt. Als der referierende Geschichtsprofessor auf den berühmten Historiker Thukydides zu sprechen kam, fragte Schmidt in die Runde, wer diesen Namen kennen würde. Keiner der etwa 80 anwesenden Offiziere meldete sich. Dann fragte Schmidt, ob ihnen der Name Perikles etwas sagen würde, was ebenfalls nicht der Fall war. Man habe in der Schule eben vor allem die Geschichte des "3. Reiches" gelernt.

Diese Anekdote ist wahrscheinlich recht treffend für das Geschichtsbild nicht weniger Bundesbürger - obwohl Thukydides noch heute als der wohl größte Historiker der Antike angesehen wird, der die "objektive Geschichtsschreibung" begründete (wenngleich er selbst bisweilen recht selektiv verfuhr und wir seine Auswahlkriterien nicht kennen). Mit Perikles wird das "Perikleische Zeitalter" verbunden, eine kulturelle Blütezeit Athens und der athenischen Demokratie. Dieses Bild war lange Zeit Kanon, obwohl schon im 19. Jahrhundert von Karl Julius Beloch daran gekratzt wurde. In jüngerer Zeit wurde Perikles wieder wesentlich skeptischer betrachtet. Zwar wurde noch im erst kürzlich veröffentlichen "Cambridge Companion to the Age of Pericles" (hrsg. von Loren J. Samons II., Cambridge 2007) vor allem die kulturhistorische Seite betrachtet, während der angesehene Althistoriker Donald Kagan Perikles sowohl in seiner Darstellung des Peloponnesischen Krieges als auch in einer Biographie sehr vorteilhaft darstellte. Von anderen Historikern (etwa Manfred Clauss oder Wolfgang Will) wird Perikles aber auch als der Politiker angesehen, der berechnend den großen Krieg (den wir als "Peloponnesischen Krieg" kennen) zwischen Athen und Sparta in Kauf nahm, nicht zuletzt um von innenpolitischen Problemen abzulenken.

Biographien über antike oder mittelalterliche Persönlichkeiten zu verfassen ist meistens ein Wagnis, denn die entsprechenden Quellen sprudeln in der Regel nur sehr spärlich. Christian Meier hat anlässlich seiner Caesarbiographie den damit verbundenen Themenkomplex vorzüglich skizziert (Christian Meier, "Von der Schwierigkeit, ein Leben zu erzählen. Zum Projekt einer Caesar-Biographie", in: Jürgen Kocka, Thomas Nipperdey (Hgg.), Theorie der Geschichte, Bd. 3: Theorie und Erzählung in der Geschichte, München 1979, S. 229-258). Und zu Caesar ist die Quellenlage weitaus vorteilhafter als zu Perikles, über den wir zwar beispielsweise eine Biographie des Plutarch besitzen, der aber mehrere hundert Jahre nach dem Tod des Perikles schrieb. Auch Thukydides, der Perikles einigen Platz einräumt (wie in der berühmten Epitaphios, der Gefallenenrede [Thuk. 2, 35-46]), ist aber kaum wirklich objektiv (siehe Wolfgang Will, "Thukydides und Perikles. Der Historiker und sein Held", Bonn 2003). Dennoch hat sich Gustav Adolf Lehmann, ein ausgezeichneter Kenner des klassischen Griechenlands, für eine biographischen Darstellung entschieden. Dass man am Ende viel über das klassische Athen weiß, die Persönlichkeit des Perikles aber eher schemenhaft bleibt, ist ihm kaum anzulasten.

Lehmann hat seine Biographie in zehn Kapitel unterteilt, woran sich Anmerkungen und Glossar anschließen. Der Bogen spannt sich dabei von der Zeit der Perserkriege bis zum Tod des Perikles 429 v. Chr. Lehmann geht recht detailliert auf die Vorgeschichte ein, spricht die Invasion des Xerxes 480 v. Chr., die erfolgreiche Gegenwehr der Griechen und die Etablierung des attischen Seebunds an, der sich bald von einem formalen Verteidigungsbündnis zu einem Instrument athenischer Machtausübung wandelte. Perikles selbst taucht erst im 4. Kapitel auf, wo seine ersten Schritte in der Politik beschrieben werden. Bemerkenswert ist die politische Agenda des Perikles, der aus altadliger Familie stammte, sich aber dennoch der "Partei" der Demokraten anschloss. Dass Perikles später an der Spitze der Demokraten stand, hat nicht wenig zu seinem Ansehen bei späteren Historikern beigetragen, namentlich etwa Donald Kagan, vor allem, da sich dies mit aktuellen politischen Debatten ergänzte (ist Kagan doch in den USA auch politisch nicht untätig und einer seiner Söhne einer der Vordenker der Neokonservativen).

Das "klassische", das "perikleische Athen" verführt daher auch leicht dazu, als ein Topos zu dienen. Lehmann verfällt dem nicht, spricht aber Perikles teils eine führende Rolle zu, die durch Quellenaussagen nur schwer zu decken ist, so hinsichtlich des Parthenon-Projekts. Formulierungen wie "lassen keinen Zweifel" (S. 140), sind bzgl. antiker Zeugnisse recht stark. Die Darstellung des Perikles ist in der Tendenz bei Lehmann recht positiv. Das Megarische Psephisma, ein von Athen verhängtes Handelsembargo, dem in der althistorischen Forschung oft viel Bedeutung hinsichtlich des Ausbruchs des Peloponnesischen Krieges beigemessen wird, wird von Lehmann vor allem bzgl. der spartanischen Propaganda erwähnt (S. 217). Dass dies nicht zwingend die einzige Bewertungsmöglichkeit ist, zeigt schon ein Blick in diverse Standardwerke, wie etwa in Karl-Wilhelm Welweis "Das klassische Athen" (Darmstadt 1999, hier S. 147f.); demnach war das Embargo für Megara, einem wichtigen Verbündeten Spartas, durchaus eine besorgniserregende Entwicklung. Dass sich die Athener schließlich von Perikles abwandten, als nach Beginn des Krieges die von ihm forcierte Strategie, sich nicht zur Feldschlacht mit den Spartanern zu stellen und auf die eigene Seemacht zu vertrauen, wird bei Lehmann damit kommentiert, dass Perikles, der innenpolitisch schon schwer angeschlagen war, Nervenstärke zeigte und vor allem verhindern wollte, dass die athenische Volksversammlung sich nicht zu unklugen Handlungen hinreißen ließ (S. 230). Man mag dies so interpretieren, doch kann man ebenso vermuten, dass Perikles, der letztendlich den Krieg mit Sparta in Kauf genommen hatte, nun hartnäckig an dieser Politik festhielt. Man wird Perikles keinesfalls die Alleinschuld für den Krieg geben können, ihn aber auch nicht von jeder Mitverantwortung weitgehend freisprechen können.

Perikles selbst erlebte das Ende des Krieges, der für Athen mit einer Niederlage endete, ohnehin nicht mit. Er verstarb 429 v. Chr. an den Folgen einer Seuche, deren genaue Bestimmung der Forschung noch heute Schwierigkeiten bereitet.
Fazit
Die Darstellung Lehmanns der Entwicklung Athens zu einem "demokratischen Kulturstaat" (was für ihn maßgeblich eine Leistung des Perikles ist, S. 252) ist durchaus weitgehend überzeugend, wenngleich Lehmann aber doch bisweilen glaubt, mehr aus den Quellen herauslesen zu können, als dies wahrscheinlich möglich ist, wenn man etwa die Verlässlichkeit Plutarchs in Rechnung stellt. Als Person wird Perikles in dem Buch erst relativ spät greifbar, doch ist dies nicht Lehmanns Schuld, da die Quellenlage erst mit dem Beginn des Peloponnesischen Krieges breiter wird. Lehmann hat mit seinem Buch eine sehr gut lesbare und informative Darstellung des klassischen Athens bis zum Beginn des Peloponnesischen Krieges vorgelegt. Perikles Leben dient dabei als Leitfaden, seine Politik als Schwerpunkt der Handlung. Eine Biographie in dem Sinne, dass man Einblick in das "Innenleben" der Person gewinnt, ist aufgrund der Quellenproblematik nicht zu leisten. Davon abgesehen mag man bisweilen auch andere Meinungen vertreten (wie dies Wolfgang Will etwa tut). Erwähnenswert sind die recht umfangreichen Anmerkungen, die die Weiterbeschäftigung mit dem Thema ermöglichen, wofür aber leider eine systematische Bibliographie fehlt. Komfortabel ist der Glossar, der zentrale Termini erklärt. Kurz: Ein empfehlenswertes und lesenswertes Buch.
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 02. Juni 2008

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