Gregor Fitzi: Max Weber

Max Weber

Verlag: Campus Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-593-38124-4

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Max Weber (1864 - 1920) zählt zu den Mitbegründern der deutschen Soziologie und ist nach wie vor einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Seine berühmte Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik machte ihn bekannt. Erstere kommt dem Parteigänger oder dem Religiösen zu, zweite dem Pragmatisten und selbst aus eigener Verantwortung handelnden - jenseits objektivierter Referenzpunkte wie Gott oder Parteiprogramm. Weber zählt zum Neukantianismus.

Der Subjektivismus Kants hatte in seiner Zeit an Elan verloren. Die Tendenzen zum Objektivismus entstehen auch durch das Scheitern der Revolution 1848. 1871 erfolgt die Reichsgründung. Die Menschen sind Untertanen. Die Kultur versucht, ein subjektives Wesen darzustellen: Bürgerphilistertum. Man verstand sich als Nation, als Machtstaat und Kulturstaat. Darauf geht der Neukantianismus ein. Er sucht nach guter deutscher Machtpolitik in der Kultur; es entsteht der Kulturprotestantismus als Verbindung beider Elemente. Von diesen war Weber geprägt.

Die Welt ist für Weber oft kontraintentional und man strebt nach Dingen, die es nicht zu realisieren gibt und weswegen es sich im Anspruch zu reduzieren gilt. Protestantismus steht für weniger Luxus, Arbeit und Beruf. Das sind auch seine Maximen, d.h. die lutherische Berufsidee. Als Wissenschaftler sah Weber die Sozialwissenschaft als eine Wirklichkeitswissenschaft, keine Wertwissenschaft. Ihr Spezifikum ist die Kulturwissenschaft. Der Mensch ist Kulturmensch und nimmt bewusst zur Welt Stellung und verleiht ihr einen Sinn. So begründet er die Hermeneutik als Verstehenssoziologie, wonach man nur Dinge, die vom Menschen gemacht sind, verstehen kann.

Gregor Fitzi nun stellt im vorliegenden Buch Webers bisher nur angedeuteten und enorm vielfältigen sowie bis heute sehr fruchtbaren Grundthesen vor: die Methodologie der Sozialwissenschaft, die Theorien der Moderne und des abendländischen Rationalismus. Die Rationalisierung der Neuzeit liegt bei Weber in der okzidentalen Rationalität begründet. Der Kapitalismus ist dabei eine von vielen spezifischen Formen dieser Entwicklung. Das Ausgebeutete wird in Kapital verwandelt, welches sich akkumuliert. Die Entwicklung basiert auf der Expropriation des Landvolkes. Faktoren der Religion beeinflussen diese Entstehung des Kapitalismus.

Es muß für Weber eine religiöse Revolution stattgefunden haben, damit der Traditionalismus (d.h. Verachtung des Geldes zugunsten einer Einstellung des puren Lebens) überwunden werden konnte. Die Ursache liegt im Ethos des kalvinistischen Protestantismus. Es gibt nicht nur materielle sondern auch ideelle Interessen. D.h. die Frage des Heils nach dem Tode und nicht nur die diesseitige Akkumulation des Geldes spielen eine Rolle. Und diese Frage hat Marx nach Meinung Webers missachtet - Religion war nicht Opium sondern Vitamin fürs Volk. Hierfür ist das Kapitel über die protestantische Ethik im Buche Fitzis lesenswert. (93) Aber auch Webers Studien zur Wirtschaftsgeschichte sind sehr bedeutsam. Darüber hinaus zeigt er Max Weber als Mann der Politik und der Öffentlichkeit und behandelt die Rezeption seiner Arbeiten in den Sozialwissenschaften. Damit bietet das Buch eine grandiose Abhandlung der komplexen Wissenschaft, die Weber betrieb. Viele aktuelle Auseinandersetzungen mit Weber belegen die bis heute ungebrochene Ausstrahlung seines Werks. Folgende Aspekte sind entsprechend in der Lektüre sehr zu empfehlen: Weber als Experte und Politikberater (22), seine methodologische Begründung der Soziologie (37) oder seine Begriffssystematik (60).

Die politische Soziologie Webers wird im fünften Kapitel (128) abgehandelt. Der Staat wird nur durch das ihn erhaltende Mittel gedacht: das legitime Gewaltmonopol. Fitzi stellt hier zu Recht den für Weber zentralen Aspekt heraus: die Aura des Genies. Staatsfunktionen und damit diejenigen des politischen Genius sind: Setzung von Recht, Ordnung und Pflege der Kultur, Haltung des Gewaltmonopols. Politik läuft innerhalb des Staatsrahmens ab; es ist die Leistung des Staates bei der Beeinflussung der Machtverteilungen im Staat über Kampf und Gewalt. Herrschaft bedeutet, Gehorsam zu finden. Der Staat muß im Subjekt verankert werden, und er hat so eine innere Legitimität und innere Rechtfertigung. Demokratie herrscht für Weber überall als Bürokratie mit dem Ziel der Parlamentarisierung. Der charismatische Führer ist von Weber erwünscht, muß aber die Masse gewinnen. So begründet Weber die plebiszitäre Führerdemokratie, bei der der Führer im Zentrum steht, der den bürokratischen Apparat ausnutzt und Freiräume für die Individuen schafft. Die falsche alternative wäre die führerlose Demokratie.
Fazit
Das vorliegende Buch begeistert vor allem durch seine Übersichtlichkeit hinsichtlich der vielen Kontexte in Webers Werk, denen sich der Verfasser durchaus gewachsen zeigt. Der Leser kann davon profitieren. Er lernt einen großen deutschen Wissenschaftler kennen, der noch eine eigene Wissenschaft erzeugte und sich nicht lediglich mit der Wissenschaft anderer befasste. Gleichwohl merkt man auch die Tragik an Webers Wesen: die Sehnsucht nach Versöhnung innerhalb einer rationalisierten Welt, die entzaubert ist und in der Weber nur noch die Lösung darin sah, dass das Gewissen zählt: "sola fide" - und keine wertzentristische Ideologie, Religion, Glaubenswelt oder Heilslehre.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 26. April 2008

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