Paulus Engelhardt, Claudius Strube: Metaphysisches Fragen. Colloquium über die Grundform des Philosophierens

Metaphysisches Fragen. Colloquium über die Grundform des Philosophierens

Verlag: Böhlau Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-412-17306-7

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In seiner groß angelegten "Philosophie der Erlösung" des Jahres 1876 schreibt der Autor Philipp Mainländer in einem längeren Kapitel zur Metaphysik: "Die immanente Philosophie, welche im Bisherigen nur aus zwei Quellen: der Natur (...) und dem Selbstbewusstsein, geschöpft hat, betritt nicht ihre letzte Abteilung, die Metaphysik. (...) In der Metaphysik stellt sie sich einfach auf den höchsten immanenten Standpunkt. Sie hat seither den für jede Disciplin höchsten Beobachtungsort, (...), eingenommen. (...) Sie steht über allen Disciplinen, d.h. sie blickt über alle Welt und faßt alles in einen Gesichtspunkt zusammen." (Philipp Mainländer, Philosophie der Erlösung, Band 1, S. 319) Er sieht hier die Metaphysik als Modus der immanenten Philosophie, wobei aber gerade der Bereich des Metaphysischen einen höheren Standpunkt in sich birgt, der den weiteren Disziplinen übergeordnet ist und auf den immanenten Bereich zurückwirkt. In der Philosophie nimmt der Bereich der Metaphysik eine wegweisende Rolle ein. Der Mensch, geworfen in das immanente Dasein, denkt seit jeher potentiell metaphysisch, das nicht sichtbare. Es ist dies der Bereich des Philosophischen schlechthin, denn wer wagt ihn noch konsequent zu denken?

Und so kommt dann auch schon schnell der Wesensunterschied zwischen Philosophie und Naturwissenschaft dazu. Kant verstand beide als Vernunfterkenntnisse, reine Vernunfterkenntnis aus bloßen Begriffen heißt reine Philosophie, oder Metaphysik, wohingegen wird die Vernunfterkenntnis, welche nur auf der Konstruktion der Begriffe, vermittelst der Darstellung des Gegenstandes in einer Anschauung a priori, Naturwissenschaft genannt. So zu nennende Naturwissenschaft setzt also mit Kant Metaphysik voraus, denn Gesetze und Prinzipien der Notwendigkeit dessen, was zum Dasein gehört, beschäftigen sich mit einem Begriffe, der sich nicht konstruieren läßt, weil Dasein in keiner Anschauung a priori dargestellt werden kann. Kant nun zerstört zwar den dogmatischen Wahrheitsanspruch der Metaphysik, verteidigt aber zugleich die Metaphysik - er erkennt das metaphysische Bedürfnis des Menschen an. Den beiden Philosophen also geht es - beispielhaft für die Masse der Philosophen - grundlegend um den metaphysischen Standpunkt als höherem Aussichtspunkt und als Standpunkt aus Notwendigkeit, der in Zeiten der Massenpolitik und der Interessenverbände verloren ging und mit ihm die Innerlichkeit, Formkraft und Beseelung des Menschen.

Das vorliegende Buch befasst sich mit der Rolle der Metaphysik in der Gegenwart. Es ist ein Werk, welches damit ein Feld betritt, das nur noch einzelne - müden Schrittes - betraten. - Und dies, obwohl das nicht notwendig sein müsste.

Eine wesentliche Entwicklung der Neuzeit ist die Entstehung eines universalen und dualen Wissenschaftssystems, in dem sich Natur- und Geisteswissenschaften den Erkenntnisstoff aufteilen. Die Naturwissenschaft entkoppelte sich von der Metaphysik, meinte, ursprungslos zu sein. Deshalb scheint auf der einen Seite keine Notwendigkeit mehr zu bestehen, am Begriff der Metaphysik festzuhalten, andererseits nimmt angesichts der immer drastischer werdenden Komplexitäten der Wirklichkeiten die Tendenz zu, fächerdurchgreifende Fragen zu entwickeln.

Diese Art des philosophischen Fragens, welches eben den omnipräsenten Zusammenhängen nachspürt und wissenschaftlichen Einteilungen oder Objektivitätskriterien nicht mehr stur folgt, diese Art des Fragens und Denkens gilt im vorliegenden Buch als metaphysisch. Es läßt damit diesem Begriff, einem Begriff, den nur noch Einzelne konsequent ernst nahmen, neue Bedeutung zukommen und zeigt, wie einsam der Mensch wäre, ohne Metaphysik. Diese wird bewußt wieder in den Mittelpunkt gerückt. So ist nun auch eine Kernaussage des Werkes: "Das "metaphysische Bedürfnis" des Menschen ist aber gerade dadurch bestimmt, über diese Einsamkeit hinauszustreben, einen Ort begründen zu wollen, der den Menschen über die Absolutheit seiner Kontingenz hinaushebt." (164) Metaphysik ist damit zutiefst menschlich, eine Fähigkeit menschlichen Reflexionsvermögens, die der Primat der Naturwissenschaft und des Pragmatismus nicht hinfortdefinieren kann.
Fazit
Ein Buch, welches gewiss nur Philosophen so richtig zu verstehen befähigt sind. Die Beiträge dieses Sammelbandes plädieren dafür, den Begriff der Metaphysik eher von seiner Fragetendenz her zu verstehen, als ihn zirkulär von solchen Themen her zu bestimmen, denen von vornherein die Auszeichnung einer Ganzheitlichkeit zugedacht worden ist. Metaphysik wird dadurch wieder offener, vor allem ergebnisoffener. Sie wird auf jeder Seite endlich wieder ernsthaft gedacht.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 19. April 2008

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