Karlaufs George-Biographie trägt den Subtitel "Die Entdeckung des
Charismas" und läßt damit den Leser auf einen spannenden Inhalt schließen.
Denn im Zuge der Debatten von der "Konstruktion" des Vaterlandes und
dergleichen ist es etwas Besonderes, nicht sogleich von der
"Konstruktion" des Charismas zu lesen. Zudem ist recht klar, daß
konsequent zu Ende gedacht eine jede soziale Konfiguration in gewisser weise
konstruiert ist, was aber als abschließendes Argument völlig unerheblich ist.
Die Soziologie versteht unter Charisma eine "Berufung" oder
"Göttliche Gnadengabe", die insbesondere in Krisen- und Umbruchzeiten
im Bereich des Politischen an Bedeutung gewinnt. Also: Hoffnungsvoll stimmt
schon der Titel des Buches, der nicht von der Konstruktion des Charismas
spricht, sondern es ernst nimmt - sowohl hinsichtlich der Umbruchzeit, in der
George lebte, als auch hinsichtlich der Gegenwart.
Und der Leser wird nicht enttäuscht. Karlaufs Biographie stellt heraus, daß der Name Stefan George nicht auf das Jahr 1933 verdichtet werden kann. Zudem tritt die vorliegende Biographie damit als gelungene Werkanalyse auf, deren Umfang deshalb berechtigt ist, weil sie kontextuell und zeitlich längst überfällig ist und einen charismatischen Menschen darstellt, ohne das mit ihm verbundende Phänomen "George als Charismatiker" per se zu desavouieren. Er war unter den deutschen Dichtern im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zweifellos der einflussreichste. Er hat die deutsche Lyrik entscheidend geprägt. Seinen Ruhm verdankte er gerade der Tatsache, daß die Inszenierung seiner selbst perfekt und aktiv funktionierte, was dem späten Hölderlin nicht vergönnt war. Hier verlief die Inszenierung passiv, da der vereinsamte Hölderlin wenig zu derselben beitragen brauchte. Am Ende muß mit dem vorliegenden Buch all jenen widersprochen werden, die in Georges Werk Berührungspunkte zum Nationalsozialismus zu finden glauben, weil schließlich über Georges Anhängerschaft das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ein letztes Wort spricht - Claus von Stauffenberg, der zum George-Kreis gehörte. Das Buch zeichnet sich entsprechend durch eine differenzierte Einschätzung von George und seinem Kreis aus - insbesondere ist die Max Webersche Definition charismatischer Herrschaft, nach deren Kriterien der Autor Entstehung und Alltag des Männerbundes beschreibt, ein sehr sinnvoller Ansatz. Dem Buch ist eine breite Wirkung zu wünschen - nicht nur diejenige innerhalb der Fachwelt, denn Georges Kunst ist gegenüber dem Naturalismus, Sozialismus oder Konsumismus erwachsen und reif. Sie ist die symbolistische, die aristokratische Kunst, die bereit ist, ihre Beziehung zur Wirklichkeit aufzugeben und sich damit zugleich einem ästhetischen Optimum zuzuwenden. Die vorliegende Biographie zeigt auf, daß George damit ein enorm spannendes Kapitel deutscher Geschichte repräsentiert. Es befähigt selbst den modernen Menschen wieder dazu, zu Georges Versen zu greifen wie zu einer stillen, kühlen und seligen Insel. Zugegeben, dies schließt auch nicht die Notwendigkeit aus, seine priesterlichen Worte auch immer wieder hinter die lebensnahen und das Ganze des Lebens erfassenden Worte Nietzsches oder Hölderlins zurückzustellen. Von dieser Kluft zwischen verschiedenen deutschen Dichtern und Philosophen berichten bereits literarische Studien des Jahres 1927, 6 Jahre vor Georges Tod. Fazit
Wie dem auch sei, Karlaufs Buch eignet sich dazu, einen großen Dichter wieder
ins Bewußtsein zu rufen und ihn ernst zu nehmen. Zugleich wartet der Autor mit
erstaunlichen Details auf, etwa daß selbst Oswald Spengler 1906/07 nach Bingen
am Rhein pilgerte, ohne George anzutreffen, der später den Ruhm von Spenglers
"Untergang" nicht zu überschätzen anempfahl. - Eine Biographie, die es
in sich hat.
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