Katja Lange-Müller: Böse Schafe

Böse Schafe

Verlag: Kiepenheuer & Witsch [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-462-03914-6

Preis: 16,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Oktober 2016]
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Beinahe hatten wir schon vergessen, dass West-Berlin vor der Wende Fluchtpunkt unangepasster Existenzen aus West und Ost war. Neu-Berliner aus dem Westen zog es fort aus provinziellen Kleinstädten, besonders dann, wenn ein Musterungsbescheid zu erwarten war. Republik-Flüchtlinge aus der DDR wollten sozialistischem Schlendrian, Mangelwirtschaft und Bespitzelung entkommen. Sie absolvierten eine bürokratisch korrekte Zwischenstation im Lager Marienfelde, bevor sie sich endgültig im Westen niederlassen konnten. Über Marienfelde ist auch Soja in den Westen gelangt. Sie schlägt sich als Blumenverkäuferin durch und hofft auf eine vom Arbeitsamt geförderte Fortbildung. Soja hat ein Heft mit Tagebuchaufzeichnungen gefunden, hinterlassen von Harry, den sie in den 80ern liebte. In Harrys geschönter Fassung der Ereignisse kommt Soja auf keiner Seite vor. Die Übergangene ergänzt die fehlenden Farbtöne in Harrys Heft mit eigenen Erinnerungen zur kompletten Geschichte. Durch einen gemeinsamen Freund hatte Soja Harry kennen gelernt, ohne zu ahnen, dass er drogenabhängiger entlassener Strafgefangener ist. Als Bewährungsauflage hat Sojas neue Flamme sich einer Therapie zu unterziehen. Harrys Therapeut handelt ganz und gar nicht bescheiden: Er forderte von Soja, in ihrem Freundeskreis eine Gruppe freiwilliger Helfer in Bewegung zu setzten, die gegen eine geringe Fahrtkostenerstattung Harry rund um die Uhr beaufsichtigen und sein Erscheinen beim Therapeuten sicherzustellen haben. Soja schafft das Unerwartete und mobilisiert eine Truppe von Idealisten; sie selbst versorgt den Junkie aufopferungsvoll. Doch Harry hält Soja weiter auf Distanz, spielt sein eigenes Spiel mit ihr. Harrys verächtliches Verhalten scheint Soja nur noch enger an ihn zu binden.
Fazit
"Böse Schafe" ist eine verhaltene Liebesgeschichte, die nach dem Lesen lange nachklingt und die Frage aufwirft, warum Frauen sich gerade in die kaputten Typen verlieben. Aus heutiger Sicht mag das brave, naive Mädchen aus der Provinz befremden, das in einer Liebesbeziehung nur sieht, was es sehen möchte. Frauen wie Soja, die nicht aufmuckten, anderen Menschen nie Grenzen setzten, sind für die idealisierten 70er Jahre ebenso typisch wie eloquente Studentenführer. Katja Lange-Müller schildert die hilflose Helferin als Kind ihrer Zeit und zeichnet authentisch die Atmosphäre der geteilten Hauptstadt in der Vor-Wendezeit. Die Autorin führt ihre Leser in heruntergekommene Gemäuer und trostlose Krankenzimmer, die sie frei von Illusionen und Klischees beschreibt.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 15. Januar 2008

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