Heinrich August Winkler: Auf ewig in Hitlers Schatten

Auf ewig in Hitlers Schatten

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-406-56214-3

Preis: 7,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 24. September 2016]
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Heinrich August Winkler ist mit seinen bahnbrechenden Werken über die Weimarer Republik und den "langen Weg nach Westen", der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, bekannt geworden. Es ist diese Zeit, die Winkler auch in seinen geschichtspolitischen Essays betrachtet. Der vorliegende Band versammelt zwanzig Publikationen, die in Zeitungen oder Sammelbänden veröffentlicht wurden. Den Abschluss bildet seine Abschiedsvorlesung an der Humboldt-Universität in Berlin, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2007 tätig war.

Im Zentrum dieser Aufsätze steht Deutschlands "langer Weg nach Westen". Dieser Weg sei mit der deutschen Einheit 1990 endgültig abgeschlossen worden. Die Wiedervereinigung 1990 bedeutete laut Winkler dreierlei: Sie klärte die völkerrechtlich verbindliche Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze als zukünftiger Ostgrenze Deutschlands unter Verzicht auf die früheren östlich von Oder und Neiße liegenden, heute zu Polen und Rußland (Königsberg) gehörenden Gebiete. Zweitens war die alte Doppelforderung von 1848, der nach Einheit und Freiheit, verwirklicht. Drittens war Deutschland in das westliche Bündnis und Wertesystem eingebunden und ging keinen nationalen "Sonderweg" mehr. Diese Thesen Winklers finden sich auch in seinem zweibändigen Werk: "Der lange Weg nach Westen." Insofern ist für Kenner des Winklerschen Werkes die Aufsatzsammlung selber keine Überraschung. Sie zeigen, wie Deutschland, welches durch obrigkeitsstaatliches Denken und seine politische Kultur und Tradition - insbesondere den, einen Gegensatz zwischen "Kultur" und "Zivilisation" zu gerieren, den es nicht gab, einen anderen Weg ging als seine westlichen Nachbarn. Ob man dies - und den preußischen Einfluß - im Anschluss an Hans-Ullrich Wehler nun als "Sonderbedingungen" der deutschen Geschichte beschreibt, ob man dies als "Sonderweg" - von der westlichen Entwicklung sieht (wie Winkler) oder ob man - wie etwa Wilhelm von Sternburg in seinem Band: "Deutsche Republiken: Scheitern und Triumph der Demokratie" (1999)keinen deutschen "Sonderweg" gelten lassen möchte ("Aber dies alles war noch kein "Sonderweg" (Wilhelm von Sternburg)) ist eine der diskutierten und umstrittenen Fragen in der Geschichts- und Politikwissenschaft bis heute. Für alle diese Auffassungen gibt es m.E. plausible Argumente.

Insofern bietet der Band auf den ersten Blick nichts "neues". Wohl aber fasziniert er den Leser durch genaue Analyse in den großen Linien ebenso wie im Detail. Jede von Winklers Feststellungen wird akribisch mit Quellen belegt (und die zu Rate gezogenen Quellen - oft Originalquellen, mit denen Winkler seine Thesen belegt, sind beeindruckend). Winkler selber ist auch durchaus fähig zu selbstkritischem Denken. Dies wird vor allem im Vergleich zweier Aufsätze zum Historikerstreit deutlich, die hintereinander in dieser Sammlung abgedruckt sind. "Auf ewig in Hitlers Schatten?", der Aufsatz, der den Buchtitel bildet, erschien erstmals 1986 in der Frankfurter Rundschau. Doch in dem folgenden Beitrag "Kehrseitenbesichtigung", beinahe 10 Jahre nach dem ersten Aufsatz ebenfalls in der Frankfurter Rundschau publiziert, geht Winkler durchaus kritisch mit Teilen seiner früheren Schlussfolgerungen um, v.a.mit seiner Feststellung am Ende des Erstaufsatzes, angesichts der Rolle, die Deutschland bei der Entstehung der beiden Weltkriege gespielt habe, könne Europa und sollten auch die Deutschen ein neues politisches Reich, einen souveränen Nationalstaat, nicht mehr wollen. Diese Feststellung von 1986 revidiert Winkler in seinem späteren Beitrag. "An meinem eigenen Beitrag...stört mich heute die Selbstgewißheit, mit der ich damals Künftiges vorwegnahm....Woher konnte ich wissen, dass es einen deutschen Nationalstaat nicht mehr geben würde?" (S. 146). Diese Fähigkeit zur Infragestellung der eigenen Auffassungen hat mir sehr imponiert und zeugt von einer wirklichen liberalen Haltung, für die dieser Historiker steht.

Doch worin liegt das Besondere dieses Buches - gerade gegenüber dem Standardwerk: "Der lange Weg nach Westen?" Er liegt an dem letzten Beitrag: "Was heißt westliche Wertegemeinschaft?" Hier - in seiner letzten Vorlesung als Professor an der Berliner Humboldt-Universität, liegt der wahre Wert dieses Buches - und so viel sei als Fazit schon vorweggenommen: schon um dieses einen Aufsatzes willen, der im April-Heft der Zeitschrift "Internationale Politik" abgedruckt worden war, lohnt sich der Kauf dieses Buches. Winkler analysiert genau, was er unter "westlicher Wertegemeinschaft" versteht und belegt seinen "Versuch einer Begriffserklärung" (S. 180) anhand von drei Thesen: Es gibt - so Winkler - keine europäischen, sondern nur westliche Werte. Nur der Westen habe als Grundlage von eigenen Werten "dualistischen Geist" und infolgedessen Widerstandsrecht und Gewaltenteilung hervorgebracht. Diese Gewaltenteilung untersucht Winkler anhand eines Vergleiches der amerikanischen und der französischen Verfassung. In den Menschenrechtserklärungen des späten 18. Jahrhunderts - die ein Ergebnis des transatlantischen Zusammenwirkens gewesen seien - wurde der Grund für eine gemeinsame Wertegemeinschaft gelegt: das "politische Projekt" des Westens. Die zweite These Winklers: Die Verwestlichung des Westens war ein ungleicher Prozess, dessen Hauptmerkmal die Ungleichzeitigkeit gewesen sei. Hier gelingt Winkler in Kurzfassung eine vergleichende Zusammenfassung der unterschiedlichen Demokratisierungsfortschritte in den westlichen Ländern - von der als von ihm als durchaus konservativ gesehenen amerikanischen Revolution (konservativ, weil sie vom britischen König Rechte einforderte, die die britische Verfassung den Bürgern garantierte und die verletzt worden waren) über die französische Revolution, die mit der englischen "glorious Revolution" beginnende Ausweitung der Partizipationsrechte, dem konfliktreichen Weg zur Demokratisierung in Spanien und Portugal sowie dem spät geeinten Italien. "In keinem Land des Okzidents stießen die demokratischen Ideen des Westens auf so hartnäckigen Widerstand wie in Deutschland". So konnte Ernst Bloch 1932 Deutschland das "klassische Land de Ungleichzeitigkeit" nennen - eine korrekte These, wie Winkler zeigt. Es bedurfte der Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur, dem Höhepunkt der deutschen Auflehnung gegen die politischen Ideen des Westens, um den antiwestlichen Ressentiments der deutschen Eliten und breiten Schichten der Bevölkerung allmählich den Boden zu entziehen. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Ende seines anti-westlichen "Sonderweges" sei nun die Wiedervereinigung des Westens mit der Aufnahme von acht mitteleuropäischen Staaten, die alle zum alten Okzident, jenem Teil Europas gehörten, die im Mittelalter ihr geistliches Zentrum in Rom hatten und zur Westkirche gehörten, in Angriff genommen worden. Nur dieser Teil Europas hatte die beiden vormodernen Formen der Gewaltenteilung, die Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt und die von fürstlicher und ständischer Gewalt erlebt. Folglich können nun "zusammenwachsen, was zusammen gehört" (Willy Brandt). Winkler fordert von allen Staaten der EU die "vorbehaltlose Öffnung gegenüber der politischen Kultur des Westens." Dies müsse das Kriterium sein, an dem die Europäische Union ihre Mitglieder und alle Staaten messe, die ihr beitreten wollten. Um sich gegenüber der politischen Kultur des Westens zu öffnn, müsse man keinen Teil des historischen Okzidents bilden, aber die westlichen Werte und die Normen, die den Kopenhagener Beitrittskriterien der EU von 1993 zugrunde liegen, akzeptieren. Die politische Kultur des Westens - so Winklers dritte These - sei pluralistisch und müsse deshalb eine Streitkultur sein und bleiben. Mehrheitsherrschaft alleine sei - wie das Ende Weimars gezeigt habe - eben kein Garant der Demokratie, wenn es keine hinreichend große Gemeinsamkeit an Grundwerten gäbe. Auch das Scheitern der Demokratisierung des Irak nach 2003 zeige, dass ohne die Erfahrung dieser gemeinsamen Werte ein fremdes Land sich eben nicht zur Demokratie umerziehen lasse. "Westliche Errungenschaften bis hin zum Rechtsstaat, der Gewaltenteilung und der Demokratie sind schon von zahlreichen nicht-westlichen Gesellschaften übernommen worden...Doch der Westen hat längst aufghört, die Welt zu dominieren...Der Anspruch der unveräußerlichen Menschenrechte aber bleibt ein universaler. Da ihre globale Durchsetzung sich nicht erzwingen lässt, kann der Westen nichts Besseres für sie tun, als sich an seine eigenen Werte zu halten, für sie zu werben und dort, wo es möglich ist, den krassesten Verletzungen des Menschenrechte[s] mit allen Mitteln, einschließlich humanitärer Interventionen, entgegenzutreten. Folglich müßte der Westen insgesamt sich für eine entsprechende Reform der Vereinten Nationen und eine Überarbeitung ihrer Charta, also für eine Weiterentwicklung des Völkerrechts, stark machen...Aus der Geschichte des Westens läßt sich lernen...Das Projekt des Westens ist unvollendet, und wird es vermutlich immer bleiben. Aber es läßt sich weiterentwicklen. Wenn der Westen den Gedanken der Wertegemeinschaft nicht nur feierlich beschwört, sondern ernst nimmt, kann er noch viel für die allgemeine Geltung der Werte tun, die wir aus guten historischen Gründen die "westlichen" nennen." (S. 201).

Es ist dieser - bahnbrechende - Aufsatz, der zeigt, dass Geschichte eben nicht nur eine Wiederholung von Fakten darstellt, sondern dass aus ihr gelernt werden kann. Hier gibt Winkler - gut fundierte - Ratschläge an eine künftige Politik des Westens, die meines Erachtens ernst genommen werden müssen. Ein wichtiger Anlass, dieses - hervorragende und nicht immer leichte Buch - gründlich zu lesen.
Fazit
Ich kann es nur jedem - dem historisch interessierten Laien, dem Schüler, dem Geschichts- und Politikstudenten und Lehrern und Kollegen empfehlen. Die Essays richten sich ganz bewußt an ein breies, historisch interessiertes Publikum, nicht nur an Fachleute. Alle kommen mit diesem Buch auf ihre Kosten. Absolut lesenswert.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 07. November 2007

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