Als Alexander der Große 323 v. Chr. verstarb hinterließ er ein Reich, das von
Griechenland und Ägypten bis nach Indien reichte. Doch schon wenige Jahre später
war dieses Imperium zerfallen in Einzelreiche, die von den Generälen Alexanders
beherrscht wurden, den sogenannten Diadochen. Über zwei Jahrhunderte führten die
Reiche Krieg gegeneinander, am Ende war jedoch das Römische Reich der Gewinner:
Nacheinander wurden die Diadochenreiche dem Imperium Romanum einverleibt, am
Ende auch 30 v. Chr. als letztes hellenistisches Reich das ptolemäische
Ägypten.
Die Zeit zwischen dem Herrschaftsantritt Alexanders und dem Ende des ptolemäischen Ägyptens (336 - 30 v. Chr.) bezeichnet man seit dem 19. Jahrhundert als Hellenismus. Es ist ein schillernder Begriff: Johann Gustav Droysen, der ihn praktisch in die Geschichtswissenschaft einführte, bezeichnete damit die Durchdringung des Orients mit der antiken griechischen Kultur. Nachfolgende Generationen von Historikern betrachteten diese Epoche vor allem als eine Verfallszeit und bedauerten den Niedergang der klassischen Kultur, die die Demokratie, die großen Tragödien, Herodot, Thukydides, Platon und Aristoteles hervorgebracht hatte. Erst in den letzten Jahrzehnten bewertet man den Hellenismus wieder differenzierter und vor allem als eine eigenständige Epoche, in der große kulturelle Leistungen vollbracht wurden, die man für sich und nicht im Vergleich bewerten muss. Und wie kann man bei den großen hellenistischen Metropolen Pergamon, Antiocheia oder Alexandreia (mit der großen Bibliothek) an Verfall denken? Der vorliegende, vom Augsburger Althistoriker Gregor Weber herausgegebene Sammelband vereint mehrere Beiträge international ausgezeichneter Kenner und bietet ein beeindruckendes Panorama der hellenistischen Welt. An derartigen Publikationen herrscht zwar kein Mangel, sind doch in den vergangenen Jahren zwei englischsprachige "Companions" zur hellenistischen Welt erschienen. Doch wirkt dieser Band, der auf den Ergebnissen einer Fachtagung im Jahr 2006 beruht, teilweise homogener, trotz der Beteiligung von 16 Wissenschaftlern. In insgesamt 18 Beiträgen erfährt der Leser nicht nur etwas über die politische Geschichte, sondern vor allem über Literatur, Kunst, Philosophie und staatlichen Aufbau der hellenistischen Reiche. Alle Beiträge sind sehr gut lesbar, wenngleich manche vielleicht etwas Vorwissen voraussetzen. Es sei daher dem Leser, der über diese Epoche wenige oder keine Vorkenntnisse besitzt, empfohlen, den Beitrag von Jürgen Malitz über die politische Geschichte zuerst zu lesen. Alle Beiträge sind mit Anmerkungen versehen, was sicherlich sinnvoll ist, denn nur so erschließen sich dem Leser bestimmte Argumentationen und bieten zugleich die Möglichkeit, tiefer in die Materie einzudringen. Besonders hervorheben möchte ich keinen der Beiträge, da sie alle interessante Einsichten bieten. Manche sind mehr, manche vielleicht etwas weniger lebendig geschrieben, informativ ist jedoch jeder einzelne. Burkhard Meißner etwa widmet sich der "Kultur des Krieges" und zeigt die "Verwissenschaftlichung des Krieges" auf. Klaus Bringmann verdeutlicht dem Leser das spezielle Problem des hellenistischen Judentums, das zwischen Adaption und Ablehnung der hellenistischen Einflüsse schwankte. Souverän beschreibt der Kenner Hans-Joachim Gehrke (dem wir eine nützliche Einführung zur Epoche verdanken) die Grundprobleme der Epoche. Die Liste ließe sich fortsetzen. Der Band bietet zudem den Vorzug, dass er sehr gut illustriert ist und zahlreiche Zitate aus antiken Quellen in deutscher Übersetzung eingestreut sind, was den Reiz der Lektüre nicht unbeträchtlich erhöht. Einzig wirklicher Kritikpunkt ist nach Ansicht des Rezensenten, dass der westliche Mittelmeerraum mit Sizilien ebenso ausgeblendet wurde, wie auch der Osten nur am Rande gestreift wird, obwohl hier mit dem griechisch-baktrischen Reich, das zeitweise bis nach Nordindien reichte, eine besonders interessante Reichsbildung erfolgte, wenngleich wir auch kaum Quellen darüber besitzen. Doch ist dies nur eine Randkritik, die das positive Gesamturteil nicht schmälert. Fazit
Der Hellenismus wird nicht zu Unrecht oft als "moderne Epoche"
bezeichnet. Die Ausdehnung der hellenistischen Welt und die Tatsache, dass
Griechisch als eine lingua franca fungierte, hatte eine Art "antike
Globalisierung" zur Folge - freilich nicht vergleichbar mit modernen
Maßstäben, aber dennoch beeindruckend. Als Epoche verdient diese Zeit
Anerkennung, denn trotz aller Kriege und Gewalttaten, brachte sie große
kulturelle Leistungen hervor. Das vorliegende Werk leistet einen Beitrag dazu,
die Ergebnisse der modernen Forschung einem breiteren Publikum zugänglich zu
machen. In diesem Sinne ist dem gut lesbaren und interessanten Werk eine breite
Leserschaft zu wünschen.
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